Heft 
(1861) 9 09
Seite
274
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Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Deutſche Bäume.

Von Hermann ZJäger.

4. Die Kiefer.

Ras könnte der Dichter derHeidebilder mit dem einſamen Wäldchen, das die arme Heide aufbewahrt hat,

Wie eine Witwe Den Brautſchmuck aufbewahrt, daß ſie die Blicke, Die thränenvollen, ſpät daran erquicke, was könnte er anders gemeint haben, als den Reſt eines Kiefernwaldes, vielleicht mit einigen freundlichen Birken gemiſcht? Ja, die Kiefer iſt der Baum der öden Heide, des unfruchtbaren Sandes mit ſeinen trockenen Dünen⸗ wellen, und in ihren unabſehbaren Flächen, dürftig mit ſchattenarmen Baumgeſtalten beſäet, fern dem befruch⸗ tenden Waſſer müſſen wir ſie aufſuchen. Hinter uns liegt der ſaftige, üppige Bergwald, hinter uns das lachende Hügelland mit ſeinen reichen Feldern und friſchen Wieſen⸗ gründen, die breite, üppige Flußaue mit ihrem ſtrotzenden Grün, und vor uns dehnt es ſich endlos im ſonnigen Nebel des Höhenrauchs unerquicklich und traurig. Magere Felder, mit kärglichen Haferſtengeln und zwer⸗ gigem Heidekorn(Buchweizen) bedeckt, aus denen ſtach⸗ liche Diſteln wie Armleuchter hervorragen, ſäumen den mühevollen Weg durch das vertrocknete Meer. Vor uns liegt ein weißer, ſchimmernder Hügel, vor Jahrtauſenden von Meereswellen angefluthet oder von den leichteren Wellen des Windes zuſammengewirbelt. Kaum bemerk⸗ bar erhebt er ſich unter unſern Füßen, und troſtlos liegt abermals vor uns ein weites, ödes Flachland. Ach, wo ſeid ihr, freundliche Genoſſen des Menſchen, die ihm, ſelbſt ohne Seele, die Seele erquicken? Wie lechzen wir nach eurem erquickenden Schatten, nach euren form⸗ verleihenden Geſtalten in dieſer formloſen Oede! Das Auge ſehnt ſich nach Ruhe in dem unendlichen Nichts und findet ſie nur, wo neue Wipfel dem Boden entſteigen, wohlthuend verhüllend und unterbrechend das Uner⸗ trägliche. Ja, wahrhaft unerträglich iſt die Landſchaft im baumloſen Gewand. Aber Dank der freundlichen Kiefer, die ihren Wohnſitz aufgeſchlagen in der öden, traurigen Heide, Dank den Winden und Menſchen, die ihre geflügelten Samen herbeitrugen, Dank dem Regen und Schnee, der ihre Keime weckte und zu grünen Sternchen erzog, dem Thau, der ſie erfriſchte, ein Wald iſt erſtanden, und ſchon winkt ermit grünen Fingern am fernen Horizont, ein Labſal für das Auge, wie für das Herz.

Schon bildet das braune Heidekraut, welches fern den Ortſchaften ſchon längſt die Felder abgelöſt hat, mit den röthlichen Blüthenknoſpen hoher, beſenförmiger Ginſter, im Frühling mit goldigen Schmetterlingen über⸗ ſäet, jetzt von Brombeerranken mit reifenden Früchten durchflochten, mit dem Wachholder niedriges Gebüſch. Eine ſanfte Bodenanſchwellung bezeichnet die Grenze des Waldes, und tief in ihn hinein ziehen ſich die

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braunen Buchten des Torfmoores, nur ſpärlich auf kleinen Hügeln niedriges Geſtrüpp von verkümmerten Kiefern, Birken, Gagel und Moorweiden tragend. Wir ſind im Walde und freuen uns ſeiner. Zwar iſt es nicht der ſchöne, friſche Laubwald mit ſeiner duftigen, uner⸗ gründlichen Perſpektive, nicht der feierliche, moosgrundige Fichtenwald mit ſeinem erhabenen Düſter; faſt mehr grau und braun als grün iſt die Oberfläche, faſt kahl und nur mit dürren Nadeln, ſpärlichem, braunem Moos und grauen Flechten bedeckt iſt der Boden, dem hie und da kleine Heideſträucher und borſtige Haarbüſchel von Schwingelgräſern entſproſſen; einförmig iſt die Linie der wenig eingeſchnittenen Wipfel, einförmig die Be⸗ leuchtung des faſt überall gleich dichten oder vielmehr dünnen Waldes; die Luft iſt nicht erfriſchend wie im Laubwald, ja ſie ſcheint uns ſchwüler als im Freien; aber wir ſind doch im Walde, wir hören ſein leichtes Rauſchen, ſehen doch Geſtaltung und wechſelnde Formen, finden Schutz. Der Wald iſt meiſtens nicht alt, denn die Forſtkultur, welcher er ſein Daſein verdankt, hat lange zurückgeſcheut vor ſolcher Sandwüſte. Die Kiefern ſind zum Theil wenig über Geſichtshöhe und noch bis zum Boden grün, die Stämme älterer Beſtände kaum 30. bis 40 Fuß hoch, einzeln daſtehend mit dünnen, braunen, nach Oſten geneigten Stämmen, als wollte ſie der Weſt⸗ wind nicht dulden auf ſeinem Tummelplatz, dem weiten norddeutſchen Tieflande, tragen oben nur einige Büſchel von mattem Grün, und werden wieder verſchwinden, ohne je viel höher und ſtärker zu werden, bis der von Nadeln gedüngte und beſchattete Boden endlich fähig wird, eine kräftigere Generation zu tragen.

Der Wald iſt nicht groß, und wir ſind überraſcht, bei ſeinem Austritt Felder, Wieſen, ja ſogar ein Dörf⸗ chen zu finden. Aber ſind das nicht lichtgrüne Eſchen zwiſchen dem dunkeln Erlengebüſch hinter der kleinen Kirche? Erhebt ſich nicht jenſeits ein begrünter Berg? Iſt die Luft nicht friſcher und feuchter? Ein kleiner Bach am Dorfe, ohne welchen es nicht beſtehen könnte, erklärt uns dieſe Wandlung. Aber der Berg iſt durchſichtig und nur hoher, alter Kiefernwald, der ſich ſo hoch über den niederigen Horizont erhebt. Auch dieſes verdanken wir der Nähe des befruchtenden Waſſers, weil es ſeit Jahrtauſenden das Pflanzenwachsthum begünſtigte und ſo die Urſache zu beſſerem Boden wurde. Der Sand der kleinen Anſchwellung, welche den hohen Kiefernwald trägt, ſcheint überdies etwas Lehm zu enthalten, und auch dieſes erklärt uns die ſchöneren Bäume. Die Rand⸗ bäume treten mit ſtark gekrümmten braunrothen Aeſten und büſchelförmig getheilten, rundlichen Kronen ſo weit wie möglich an das Licht vor und nehmen aus dieſem Grunde ſelbſt eine ſchiefe Stellung ein. Das Grün hat ſchon eine lebhaftere, bläulichere Färbung und wird durch die braunrothe Rinde noch gehoben. Der Wald ſelbſt entſpricht der Schönheit des äußeren Anblickes nicht, denn die wohl 60 Fuß und höher aufſtrebenden glatten Stämme tragen nur dünne Kronen, deren An⸗ blick von unten nicht ſchön iſt, die Rinde iſt nicht ſo roth mehr, riſſiger und nicht ſo rein abgeſchuppt, der Waldboden ganz kahl und mit Nadeln bedeckt, durch