Crinnerungen.
Lucia und Moriz kannten dieſes Reſultat ihrer abſichtlichen Indiskretion nicht. Moriz verließ durch zwei Tage nicht ſein Zimmer. Er bildete ſich ein, er ſei krank, appetitlos, aufgeregt, abgeſpannt. Er war wü⸗ thend, aber er wußte nicht warum, Louiſe hatte ihn Lügen geſtraft, und er hatte beſchloſſen, ſie rückſichtslos zu foltern.
Inzwiſchen blieb Madame von Saucoun nichts anderes übrig, als ſich unverrichteter Dinge zurückzu⸗ ziehen, und bald erſchien ſie bei Madame von Bourgueville, um Abſchied zu nehmen. Letztere fand ſie in voller Verzweiflung, ſie hatte Mitleid mit ihr, wenigſtens ſchien ein ſolches in all ihren Worten, in all' ihren Mienen, in all' ihren Geſtikulationen zu liegen. Aber es ſchien eben nur ſo! Darum raffte ſie ſich zu einem letzten Verſuch zuſammen, die Heirat Ren s zu hintertreiben.
„Wollen Sie alſo nicht gewaltſam einen Bruch herbeiführen,“ begann ſie,„ſo verlangen Sie wenig⸗ ſtens einen Aufſchub. Machen Sie es René begreiflich, daß Sie zu dieſer Heirat Ihre Einwilligung nur dann geben können, wenn er Ihnen bewieſen, daß ſeine Nei⸗ gung keine vorübergehende, bald verlöſchende, daß Alles ganz ernſtlich überdacht ſei.“
Madame von Bourgueville war vor Freude über dieſen Vorſchlag faſt außer ſich. Sie hoffte mit Beſtimmtheit, auf dieſe Weiſe ihr Ziel zu erreichen. Sie umarmte ihre Freundin, nannte ſie ihre Retterin, und verſprach Alles aufzubieten, René wieder zu be⸗ ſänftigen.
Während ſich dieſe neue Verſchwörung bildete, beſchäftigte ſich René mit den Vorbereitungen zur Hochzeit. An demſelben Tage, wo er die Abreiſe der Madame von Saucour erfuhr, eilte er auf's „Schlößchen“, weil er jetzt mit Moriz Dornet dort unter vier Augen ſprechen konnte.
„Ich weiß, daß meine Mutter Sie von meiner bevorſtehenden Vermälung mit Fräulein Louiſe Meu⸗ nier in Kenntniß geſeßt hat; aber ich wollte auch ſelbſt Ihnen die Meldung bringen, um zugleich zu hören, ob Sie dieſe meine Wahl billigen.
„Was wollen Sie damit ſagen?“ rief Moriz. „Was kuͤmmert Sie meine Billigung oder Mißbilli⸗ gung. Uebrigens kann ich Ihnen leicht meine Anſicht ausſprechen: Ich billige die Wahl des Grafen von Bourgueville; aber ich billige es nicht, daß Fräu⸗ lein Louiſe Meunier dieſe Wahl angenommen, nicht ſeinet⸗, ſondern ihretwegen.“
Der Ingrimm, der ſich bei dieſen Worten in der zitternden Stimme Dornets und in den geſchloſſenen Zähnen kundgab, theilte ſich elektriſch ſofort René mit.
„Das habe ich durchaus von Ihnen erwartet,“ ſagte er.„Gut alſo; ich erlanbe Ihnen nicht, ein Ur⸗ theil uͤber Fräulein Louiſe zu fällen; die Anſprüche, die Sie auf ſie zu haben vorgeben, ſind nichts als eine Argliſt, als Falſchheit, ich will, daß Sie dieſelben ein. ſach aufgeben; endlich verlange ich auch, daß Sie über
alles und jedes, was ſie betrifft, überall und immer ſchweigen. Das iſt es, was ich Ihnen zu ſagen hatte.“
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
„Iſt das eine Drohung?“ erwiederte Moriz bleich und ſichtlich erſchreckt.
„Nehmen Sie das, wie Sie wollen,“ antwortete René mit der vollkommenen Ruhe eines Chrenmannes.
„Habe ich denn nicht dasſelbe Recht, wie Sie, Fräulein Louiſe meine Hand und meinen Namen an⸗ zutragen?“
„Vor einigen Tagen vielleicht; jetzt nicht. Ich habe ihr Wort und ſie das meinige. Ich verlange, daß Sie dieſes Verhältniß reſpektiren; dieſe gerechte Forde⸗ rung darf Sie nicht verleßen.“
Die leßzten Worte ſprach René wieder in dem freundlichen Tone, in dem er die Unterhaltung begon⸗ nen, Er hatte ſeinen Gegner zittern geſehen, und wollte ihm nun einen ehrenvollen Rückzug ermöglichen. Das merkte Moriz auch alsbald und fing an, ſein Beneh⸗ men gegen Louiſe des Weiten und Breiten zu recht⸗ fertigen. Obwohl es dabei nicht an ungeſchickten Sei⸗ tenhieben auf Louiſe fehlte, ließ René ihn doch ruhig ſeine Apologie beenden, an deren Schluß Moriz nicht nur ſeinerſeits Stillſchweigen über Alles verſprach, ſondern es auch übernahm, zu einem Gleichen ſeine Schweſter zu verhalten. In Wahrheit rechnete René nur halb auf dieſe Verſprechungen. Aber er hatte den Verleumder wenigſtens eingeſchüchtert, wenn er auch nicht abſolutes Schweigen erreichte. Er hoffte, mit der Zeit würde Alles in Vergeſſenheit gerathen.
Moriz, der ſich fortan alſo der Katzenfreude, ſeine Geliebte zu quälen, beraubt ſah, war dadurch na⸗ türlich ſehr verſtimmt; aber immer wieder tröſtete er ſich mit Lucia's Verſicherung, Madame von Bour⸗ gueville werde ſchon Renés Verhältniß brechen. Dann wußte er ja Louiſe, oder vielleicht Louiſe auch ihn wiederzufinden.
Die Gräfin, die ihren Sohn aufsZärtlichſte liebte, war inzwiſchen mit den Vorbereitungen zur Ausführung ihres Planes beſchäftigt geweſen, Ren 6 zum Aufſchub ſeiner Vermälung zu bewegen. Diesmal beging ſie nicht den Fehler, ſich von ihrer Aufregung hinreißen zu laſſen, wie einige Tage vorher; ſie wußte im Gegentheil die Sache mit ungewöhnlicher Kälte vorzubringen. Sie wollte nur die Sprache der liebenden, zarten Mutter ſprechen, die ihren Eindruck auf Ren⸗ 6 nie verfehlte. Sie wußte auch äußerlich die Sache ſo einzuleiten und zu arrangiren, daß der Erfolg noch wahrſcheinlicher wurde. Sie gab nämlich Auftrag, ſobald René von ſeinem gewöhnlichen Beſuche des Pachthofes zurückkehre. ſolle er ſie in ihrem Zimmer ſuchen. Die Gräfin betete bei ſeinem Eintritt; ſie ließ ſich nicht ſtoren, ſondern blieb in Andacht verſunken ſitzen. Ein Krueifix von Elfenbein ſtand vor ihr; über demſelben hing an der Wand das Bild von René' Vater. Bald darauf gab ſie ihm ein Zeichen, er ſolle näher kommen..
„Ich habe ſo eben zu Gott gebetet, und das An⸗ denken an Deinen Vater angerufen, damit ſie mich er⸗
leuchten in der wichtigen Angelegenheit Deiner Verbin⸗ dung mit Louiſe. Ich habe mich, obgleich ich als junge Witwe nach dem Tode Deines Vaters daſtand, nur ganz Dir gewidmet, nur Dein Wohl blieb meine


