258 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ruhig; ich ſuchte dieſe Gefühle zu bekämpfen; aber weil ich ſah, daß Moriz ſchon ſehr aufgeregt war über mein Zögern, gab ich jeden Widerſtand auf.
„Wir beſtiegen die Chaiſe ich nahm hinten in der⸗ ſelben Platz, Moriz vorne mir gegenüber.
„Dann gab ich mir Mühe, mir klar zu werden, wie ich mich denn fühlte in der Nähe des Reiſegefährten, der plötzlich ſich ſo weſentlich von dem unterſchied, dem ich mein Vertrauen ſchenkte. Das Reſultat meiner kurzen Betrachtung war eben einfach: tiefe, mich ſehr beängſti⸗ gende Reue. Aber was ſollte ich thun; es war nun einmal geſchehen. Ich mußte mich ſo gut es ging in meine peinliche Lage finden und mich ſo benehmen, daß mir die Achtung und Zuneigung meines Gefährten ver⸗ blieb; das heißt, ich mußte Weib genug ſein, um mich ihm liebenswürdig zu zeigen, ohne jedoch im Geringſten die Grenzen des Vertrauens und der Scham zu über⸗ ſchreiten.
„Leider iſt der Weg vom Willen zur That oft weit. Tauſend Dinge ließen mich bald eine unüberwind⸗ liche Abneigung gegen Mo riz verſpüren, und nur vor Deinen Augen, liebes Klärchen, kann ich ihr Bild entrollen. War nicht ſein Anerbieten, mich zu beſchützen, ein uneigennütziges geweſen? Ich hatte ſo geglaubt; er aber benahm ſich nicht darnach. Er glaubte, wenig⸗ ſtens wollte er mir es einreden, daß er nur ſeine Ach⸗ tung und Verehrung mir beweiſe, wenn er meinen Fuß zwiſchen den ſeinigen feſthielt, wenn er meine Hand, oft ſogar unzart, fort und fort drückte, und die Dunkelheit henützte, um ſeinen Arm um meine Taille zu ſchlingen. Von vornherein wollte ich dieſe Freiheiten hintanhalten; ich verſuchte es zuerſt auf gütlichem Wege; aber das half nichts; er wollte zwiſchen meinem Weigern und ſeinen Forderungen zuletzt ein Kompromiß ſchließen. Das konnte ich aber auch nicht.
„Aber nach dem erſten Tage ſollte ich noch eine weitere Tortur haben. M oriz hatte mir vorgeſpiegelt, die Zudringlichkeit und Neugier der Reiſegefährten ſei in einem Poſtwagen läſtig; aber dies war bei dem Perſonal der verſchiedenen Gaſthäuſer, wo wir abſtie⸗ gen, nicht minder der Fall, zumal wir keine Städte wie Paris und dergleichen berührten, ſondern meiſt Dörfer, wo unſere Ankunft ſofort Aufſehen machte. Wie ſtieg mir die Schamröthe in's Geſicht, als ich mein Gepäck den Händen des Hausknechtes, der es auf mein Zimmer tragen ſollte, faſt mit Gewalt entreißen mußte, weil er Moriz und mich für Gatten hielt und darauf beſtand, uns in einem und demſelben Zimmer einzulogiren. Ich konnte nicht umhin, dieſerhalb auch meinem Reiſege⸗ fährten Schuld zu geben, der mich mir ſelbſt in einem ſolchen Falle überließ, und im Moment der Ankunft nichts anderes wußte als räſonniren, ſchimpfen, mit dem Fuße ſtampfen, die Achſel zucken; und eben weil er dies alles ohne Würde that, fruchtete es gar nichts.
„Den andern Morgen, als wir unſere Reiſe fort⸗ ſetzten, war ein prächtiger Herbſtmorgen, der mich wie⸗ der heiterer ſtimmte. Aus meinem Geiſte verſcheuchte ich die Nebel der üblen Laune. Mo riz ſchien dieſe Aende⸗ rung bei mir zu ſchätzen.
Dies benützte ich, um ihm
nahe zu legen, daß doch der kein edler Gegner ſei, der ſeine Angriffe ſo heimtückiſch mache, wie er es geſtern Abends gethan; er ſolle dergleichen nur ja nicht wieder⸗ holen; wenn ich in Paris eingerichtet ſei, dann erſt könne ich Huldigungen annehmen; da ſei ich frei und könne jeden Zudringlichen eben ſo gut abweiſen. Moriz ſchien von dieſen Worten, der Art, wie ſie geſprochen, und von den Blicken, die ſie begleiteten, ſo betroffen, daß er nichts erwiederte, und mir ſogar in Zukunft Ruhe verſprach. Wir waren früh Morgens von Cou⸗ tances abgereiſt und hielten zunächſt in Saint⸗Lo an, um zu frühſtücken. Moriz war außerordentlich auf⸗ merkſam; die Blicke, die er mir zuwarf, waren ſtrahlend, und er rieb ſich vor Freude die Hände. Jetzt kannte ich ihn ſchon näher und konnte daher auch dieſe Panto⸗ mime verſtehen; es war, als hätte ich ihn zu ſich ſagen hören:„Welche Ehre, meine Schöne, wirſt Du mir in Paris machen!“
„Als wir wieder einſtiegen, bemerkte ich mit einiger Unruhe Moriz triumphirenden Blick, ſein ironiſches Lächeln und die Leidenſchaftlichkeit, womit er mich in ſeinen Arm nahm. Unglücklicher Weiſe hatte ich mich über Kälte an den Füßen beklagt; ſofort hüllte er meine Füße in ſeinen Mantel, wobei er beide auch küßte, erhob ſich dann und ſetzte ſier neben mich. Ich erinnerte ihn an ſein Verſprechen von früh, und er erklärte, es halten zu wollen. Bald machten ſich ſeine Gefühle in Worten Luft. Was er da Alles durch zwei Stunden ſagte, weiß ich nicht mehr; wahrſcheinlich aber waren es die bei Liebeserklärungen gewöhnlichen Redensarten.
„Dieſe bleiben ſich in der That, glaube ich, ſtets ziemlich gleich; ihr Werth hängt davon ab, wer ſie aus⸗ ſpricht. Im Munde Dornets ecbitterten ſie mich ge⸗ rade ſo, wie ſeine Freiheit am Abend zuvor. Ueberra⸗ ſchend war für mich nur die Kühnheit ſeiner Hoffnungen. Es koſtete mich unendliche Anſtrengung und Mühe aus⸗ zuhalten. Aber die Freiheit machte mich ſtark und waff⸗ nete mich mit Kälte und Gleichgiltigkeit gegen die ekel⸗ haften Zudringlichkeiten meines Gefährten. Meine Ge⸗ duld brach aber, als ſeine Anmaßung alles Maß über⸗ ſchritt. Ich forderte ihn auf, mich mit ſeinen Liebeser⸗ klärungen in Ruhe zu laſſen, und warf mich in die eine Ecke der Chaiſe, die Thränen der Unmuth, die mich faſt erſtickten, unterdrückend, während Moriz Drohungen vor ſich herbrummte, die mich nicht daran zweifeln lie⸗ ßen, daß ich nunmehr einen gefährlichen Feind in meiner Nähe habe.
„So kamen wir gegen ſieben Uhr Abends nach Bayeux. Wir zogen uns ſofort nach der Ankunft im Gaſthofe auf unſer Zimmer zurück. Ich blieb indeß nur ſo lange, bis ich meine Augen etwas erfriſcht und die Spuren der Thränen verwiſcht. Dann ſchickte ich mich an, auszugehen. In dem Flur des Hauſes theilte mir die Hausherrin mit, Dornet werde gleich kommen, ich möchte ſo lange verziehen. Ich aber that als hätte ich große Eile und ließ Moriz erſuchen, falls ſich mein Spaziergang etwas in die Länge ziehen ſollte, nur ruhig ohne mich zu diniren.
„Ich ging Anfangs planlos herum und war nur
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