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250 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
troſen leben. Das Schloß mit ſeiner monotonen Phy⸗ ſiognomie, mit ſeinem wüſten Garten, lag immer möglichſt weit vom Meere, in irgend einem ruhigen, von feuchten Wäldern rings umgebenen Ort. Ebenſo ſpiegelte ſich das engliſche Herrenhaus im Schatten der großen Bäume oft in dem ſchwarzen Waſſer eines Sumpfes. Jetzt wimmelt England von Villen, die am Meere liegen; aber dieſer Aufenthalt an dem Meere, dieſe bis in den Winter fortgeſetzten Seebäder ſind etwas ganz Modernes und ein Reſultat der Ueber⸗ legung.
Die Küſtenbevölkerungen, die das Meer ernährt, hatten ſich auch für das Meer eine größere Sympathie bewahrt. Ihr Inſtinkt ahnte in ihm eine heilende Kraft. Sie hatten wohl bemerkt, daß dieſe Kraft ſehr mächtig das Uebel der Zeit, die Skrofeln, bekämpfte und die Wun⸗ den, welche die Skrofeln ſchlugen. Sie glaubten, daß das bittere Meerwaſſer ein treffliches Mittel gegen die Wür⸗ mer der Kinder ſei. Sie benutzten den Seetang und ge⸗ wiſſe Polypen(Halcyonia) in all den Fällen, wo unſere heutigen Aerzte Jod vorſchreiben. Ruſſell kannte dieſe Hausmittel wohl; ſie brachten ihn auf den rechten Weg und halfen ihm die Frage des Herzogs von Newcaſtle beantworten. Dieſe Antwort iſt enthalten in dem wich⸗ tigen und merkwürdigen Buche:„De tabe glandulari, seu de usu aquae marinae.“ 1750.
„Es handelt ſich nicht darum, zu heilen, ſondern wieder von Neuem zu ſchaffen.“
Es ſetzt ſich ein Wunder, aber doch ein mögliches Wunder vor: Fleiſch und Gewebe zu ſchaffen.
Es war die Epoche, wo Bakewell das Fleiſcheſſen erfand. Die Thiere, von denen man bis dahin faſt nur die Milch benutzt hatte, ſollten von nun an eine kräfti⸗ gere Nahrung geben. Die Milchdiät mußte von Leuten aufgegeben werden, die es darauf anlegten, ſtark zu ſein.
Ruſſell ſeinerſeits erfand in ſeinem kleinen Buche das Meer; ich meine: er brachte es in die Mode.
Das Ganze reſumirt ſich in einem Worte, das freilich eine ganze Heilkunſt und eine ganze Erziehung einſchließt. 1) Man muß Meerwaſſer trinken, ſich in Meerwaſſer baden und Alles vom Meer Erzeugte ge⸗ nießen, wo irgend die Tugend des Meeres koncentrirt erſcheint. 2) Man darf das Kind nicht warm anziehen; man muß es ſtets der Luft ausſetzen. Waſſer, Luft— weſſen bedarf es weiter?
Der letzte Rath war ſehr kühn. Das Kind in einem feuchten, wechſelnden Klima faſt nackt gehen laſſen, hieß von vornherein die Schwachen opfern. Die Kräftigen blieben leben, und das konnte freilich der ſo nur von Starken fortgepflanzten Rage nur zu Gute kommen. Dazu kommt, daß die Schifffahrt, das rege, nach Außen gerichtete Leben, das Kind nicht lange in der Schule
ſchmachten ließen, es bald emancipirten von jener ſeß⸗
haften Erziehungsweiſe, welche England nur für die in Orford und Cambridge erzogenen Söhne ſeiner Vor⸗ nehmen reſervirte.
. Als Ruſſel ſein geiſtreiches, nur vom Inſtinkt des Volkes diktirtes Buch ſchrieb, war er weit entfernt, zu du daß im nächſten Jahrhundert alle Wiſſenſchaften
ihm Recht geben, daß man in dem Meere eine ganze Therapeutik entdecken würde.
Die koſtbarſten Elemente des Lebens der Landge⸗ ſchöpfe finden ſich im Meere in herrlichſter Fülle.
So konnte denn die Wiſſenſchaft zu Allen ſagen: kommt zu mir, ihr Völker, kommt zu mir, ermüdete Ar⸗ beiter, erſchöpfte Frauen, Kinder, die ihr die Sünden eurer Väter zu büßen habt;— komm her bleiche Menſch⸗ heit, und ſage mir frei heraus in Gegenwart des Meeres, weſſen es zu deiner Heilung bedarf. Das heilende Prin⸗ cip, ſei es, welches es ſei, findet ſich in ihm.
Ddie allgemeine Baſis des Lebens, den embryonen⸗ reichen mucus, den lebendigen Schleim, in dem der Menſch geboren wird, aus dem er fortwährend ſich wie⸗ der regenerirt,— das Meer hat ihn in ſolcher Fülle, daß es ſelbſt dieſer Schatz iſt. Es umkleidet damit ſeine Pflanzen, ſeine Thiere ſo reichlich, daß ihre Freigebigkeit die Armuth der Erde beſchämt. Es gibt— verſteht ihr es denn, zu nehmen.
Aber, ſagt der Menſch, ich bin in dem angegriffen, was ſo zu ſagen die Stütze und das Gerüſt des Körpers bildet. Unſere Knochen biegen ſich, halten das Gewicht nicht mehr aus. Die ſchwache Nahrung, die nur den Hunger täuſcht, erſetzt nicht die verbrauchte Kraft. Wohl! der Kalk, der euch fehlt, findet ſich im Meere in ſolcher Menge, daß es damit ſeine Muſcheln und Korallen be⸗ deckt, daß es daraus Kontinente macht. Die Fiſche tra⸗
gen es in ſolcher Maſſe durch den Ocean, daß man die
an das Ufer geſpülten Ueberbleibſel als Dünger be⸗ nutzen kann.
Fehlt euch die Wärme? Das Meer hat ſie und ſo mächtig(in den Fiſchen, in allen Fettkörpern), daß, wenn dieſelbe nicht verbreitet und in's Gleichgewicht gebracht wäre, das Eis ſchmelzen und aus dem Pol eine heiße Zone werden würde.
Das rothe Blut iſt die höchſte Blüthe des Meeres. Durch das rothe Blut hat es ſeine Rieſen belebt und mit weit über das irdiſche Maß hinaus gehender Kraft angefüllt. Das Meer hat dies Element geſchaffen und kann es auch in dir erſetzen, arme, bleiche Blume. Es hat Ueberfluß daran. In den Kindern des Meeres iſt das Blut ſelbſt ein Meer, welches beim erſten Stoß fließt und fließt und den Ocean ringsum färbt.
So iſt das Geheimniß enthüllt. Alle Elemente, welche in dir vereinigt ſind, ſind bei dem Meere, dieſem weſenloſen Weſen, getrennt vorhanden. Es hat deine Knochen, es hat dein Blut, es hat deine Wärme, jedes Element vertreten durch dieſes oder jenes ſeiner Kinder.
Und es hat, was du eben nicht haſt, Ueberfülle von Kraft. Sein Hauch verleiht uns ein Gefühl der Thätig⸗ keit, der Fröhlichkeit, der Schaffungsluſt, eine Art phyſi⸗ ſchen Heroismus. Trotz aller ſeiner Rauhheit ſpricht es doch auch von Liebe, von jener großen, gewaltigen Liebe, von der es erfüllt iſt.


