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256 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ordentlich empfindliche Stelle, über welcher die Haut etwas geröthet war, und als er unter heftigem Geſchrei des Kindes ſchärfer zudrückte, kam aus der Haut die Spitze einer Nadel hervor: es war eine vier Zoll lange Stopfnadel, welche mit Hilfe einer Zange herausgezogen wurde. Das Kind genas in einigen Tagen vollſtändig.
Am 30. September Abends zwiſchen ſieben und acht Uhr, während die Familie beim Nachtmahle ſaß, drangen in das Haus eines Handelsmannes zu Szanät acht bewaffnete Männer, deren Geſichter durch ſchwarze Farbe unkenntlich gemacht waren. Nachdem die Räuber jedem Einzelnen die Hände nach rückwärts gebunden hatten, zwangen ſie den Hausherrn zur Herausgabe des Geldes und der ſonſtigen Werthgegenſtände. Auf dieſe Weiſe raubten ſie 10.800 fl. in barem Gelde, Pretioſen und ſonſtigen Werthſachen.
Der k. preuß. Hofmuſikhändler Guſtav Bock hatte einen Feſt⸗ oder Triumphmarſch im großen ſymphoniſchen Styl für das Krönungsfeſt des Königs Wilhelm I. von Preußen ausgeſchrieben. Hiefür waren 83 Konkurrenzar⸗ beiten eingegangen. Den ausgeſetzten Preis von zwanzig Dukaten ſprachen die Preisrichter(Lachner in München, Taubert und Dorn in Berlin) dem Kapellmeiſter Friedrich Lux aus Mainz zu.
Vor den Aſſiſen von Caen(Calvados⸗Departement in Frankreich) iſt der ehemalige franzöſiſche Gendarmerie⸗ Officier Leprovoſt zu lebenslänglicher Zwangsarbeit ver⸗ urtheilt, in Anbetracht ſeines vorgerückten Alters aber die Zwangsarbeit in Gefängniß verwandelt worden. Er hatte gemeinſchaftlich mit ſeiner Tochter Adele, welche Poſt⸗ verwalterin war, große Unterſchleife begangen. Die Tochter hat ſich durch Verſchlucken von Stecknadeln frei⸗ willig das Leben genommen.
In ein ſlavoniſches Dorf kamen kürzlich drei Vagabunden und wollten aus einem Hofe eine Kuh ſtehlen. Durch das anhaltende Bellen des Hundes aufmerkſam gemacht, geht der Hauswirth zum Hausthor, zu ſehen, was es gibt; in dem Augenblick aber holt einer der drei Gauner mit der Axt zu einem Hiebe nach ihm aus. Glücklicherweiſe trifft er ihn nicht, der Hauswirth packt den Gauner und ſchleppt ihn in die Küche, wo eine Rau⸗ ferei zwiſchen Beiden entſteht. Einer der draußengeblie⸗ benen Gauner eilt herbei, ſeinem Kameraden zu helfen, erſchlägt aber in der Dunkelheit ſtatt des Hauswirths ſeinen Genoſſen. Auch der dritte Wegelagerer eilt nun herhei und adreſſirt gleichfalls ſeine Streiche an den un⸗ rechten Mann, indem er auf ſeinen zweiten Kollegen— den unfreiwilligen Mörder des erſten— losſchlägt und ihn auch tödtet. Nachdem ſich ſo die Gauner unter ein⸗ ander erſchlagen, hatte der Hauswirth mit dem noch übrig gebliebenen Dritten leichte Arbeit.
In Dublin fand kürzlich ein Wettlauf zwiſchen einem Indianer aus Nordamerika, der ſich Deerfoot(Reh⸗ fuß) nennt und einem Engländer Namens Levett ſtatt. Eine ungeheure Menſchenmenge wohnte dem Wettlauf bei. Die Rennbahn betrug zehn engliſche(etwas über zwei deutſche) Meilen. Der Wettpreis waren 50 Pfund Ster⸗ ling. Nach fünf Minuten Lauf gab der Engländer den Kampf verloren und zog ſich zurück. Der Indianer dage⸗ gen legte die ganze Strecke in 53 ½ Minuten zurück. Die letzte Viertel Meile lief er mit außerordentlicher Schnel⸗ ligkeit und ſchien die kleine Leibesübung gar nicht er⸗ ſchöpfend zu finden.
Theater.
. Nach Ablauf der ſchönen Jahreszeit iſt abermals jener Zeitraum da, worin wir den Leiſtungen unſeres Theaters wieder einige Aufmerkſamkeit zu widmen haben,
um, der Tendenz dieſes Blattes entſprechend, auch in der Sphäre heimiſcher Kunſt alles Bemerkenswerthe, wo immer nur es zu finden iſt, zur Kenntniß der weiteren geſelligen Kreiſe zu bringen. In der Oper ſtellte das hochintereſſante Gaſtſpiel der Pariſer Primadonna Mademoiſelle Artöôt gleichſam die Einleitung zu dieſem Zeitraum vor; unſer Publikum, ſeit Jahren vorzugsweiſe der Oper zugeneigt, empfand durch den Glanz der Leiſtungen dieſer Künſt⸗ lerin mit einem Mal das regſte Intereſſe für dieſes Fach und ließ auch durch den maſſenhaften Beſuch der Direk⸗ tion die Sorgfalt und Bemühung, ein ſo außerordent⸗ liches Gaſtſpiel zu ermöglichen, in materieller Beziehung reichlich entgelten. Die Artét iſt in der That eine Geſangs⸗ künſtlerin von ſeltener Vollendung, gleich bewunderns⸗ werth in ihrer inſtrumentalen Kehlengeläufigkeit und dramatiſchen Darſtellungsweiſe. Die Vielſeitigkeit ihrer künſtleriſchen Individualität kennzeichnet ebenſo ihre ſeltene Begabung, als ihre Technik das umfaſſendſte Studium vorausſetzen läßt. Sie war in ihren verſchiedenen Leiſtun⸗ gen als„Roſine“(im Barbier), als„Marie“(in der Regimentstochter), als„Leonore“(im Trovatore) gleich vortrefflich. Die Theaterdirektion wird zu ſorgen haben, wie das einmal durch ſolche Experimente für die Oper erregte Intereſſe des Publikums in der nächſten Zukunft wach zu erhalten ſei. Vorläufig erſcheint das Perſonale durch das Eintreten des Tenors Herrn Bernard hinläng⸗ lich kompletirt, dem Bedarf an Opernnovitäten ſcheint auch Rechnung getragen zu werden, da Gounod's„Fauſt“ demnächſt aufgeführt wird. Dieſe Oper hat in Deutſch⸗ land im laufenden Jahre an manchen QOrten ſehr, an anderen weniger gefallen; ſie iſt immerhin ein neues Werk von einiger Bedeutung, welches ohne Zweifel nach Maßgabe der Aufführung bei unſerem kunſtſinnigen Publikum die entſprechende Würdigung finden wird. Wün⸗ ſchenswerth wäre es, daß endlich einmal im Repertoir ein beſtimmter Plan gefaßt werde, daß z. B. aus der Menge alter guter Opern verſchiedenen Genres die Wahl mit Rückſicht auf die zu Gebote ſtehenden Solokräfte zu treffer wäre, ſo zwar, daß man den einzelnen Kunſtperſönlich keiten die Gelegenheit bietet, in dankbaren Rollen, die das gewiſſenhafte Einſtudiren lohnen, vor das Publikum zu treten. Allerdings müßte bei der Vertheilung und Be⸗ ſetzung der einzelnen Partien jedes vorgefaßte Vorurtheil oder irgend welche Parteilichkeit gänzlich fern bleiben; auch verſteht es ſich von ſelbſt, daß das Einſtudiren der Opern von Seite des artiſtiſchen Leiters mit der gehörigen Umſicht und verſtändiger Eintheilung der Proben überwacht werde. Eine intenſive Leiſtungsfähigkeit läßt ſich auch nun⸗ mehr vom Schauſpiel erwarten, da endlich zwei wichtige, längere Zeit verwaiſte Fächer, nänzlich das des Charakter⸗ ſpielers und jenes der naiven Liebha berin durch das Enga⸗ gement des Herrn Harry⸗Meyer und des Fräuleins von Schulzendorf gut beſetzt wurden. In dieſer Beziehung be⸗ friedigte ſehr die zwar verſpätete Vorführung der Tragödie „Judith“ von Hebdel und die Aufführuung des Schauſpieles „Der Goldbauer“, des neueſten Prod uktes von Charlotte Birch⸗Pfeiffer. Die Leiſtungen des Som mertheaters gehören ihrem Weſen nach weniger in den Kreis unſerer Beſpre⸗ chung, doch ſoll nicht unerwähnt bleiben, daß auch hier die Wahl der Novitäten in der verfloſſſenen Saiſon eine
größtentheils löbliche war und Stücke weſſerer Tendenz, wie z. B. die Poſſe„Die Studenten von Rummelſtadt“ oon Haffner viele gut beſuchte Aufführungen erlebte n. Wir hegen die Erwartung, daß uns die Bülenen⸗ ſleiſtungen in der bevorſtehenden Saiſon Stoff gnug bieten werden zu einem, in nach je vierzehn Tagen wil'er⸗ kehrenden Zeiträumen zu machenden, Rückblicke; der ei nicht unterlaſſen wird, auf einzelne Aufführungen jer ach
ihrer Wichtigkeit bis in's Detail der Beſprechung lnenzu⸗
gehen.
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Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellman n in Prag⸗
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