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248 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
mehr auf ſich nehmen und drohte mit Verrath. Ein Ver⸗ ſuch, den Virginie mit zwei andern Nonnen machte, die gefährliche Mitwiſſerin zu ermorden, mißlang. Oſio wurde gerufen, und der wußte Rath. Er erſchlug die Meda mit einem Hammer und begrub ſie unter dem Beiſtande der beiden Nonnen. Inzwiſchen waren Gerüchte von dem Leben im Katharinenkloſter in die Oeffentlichkeit gedrun⸗ gen und ein Apotheker Ranieri hatte laut davon geſpro⸗ chen, wie es innerhalb der heiligen Mauern zugehe. Die Fürſten von Ascoli, Virginiens Verwandte, ſchritten um der Ehre ihres Hauſes willen ein und ließen Oſio nach Pavia in's Gefängniß führen. Virginie befreite ihn durch eine von allen Nonnen unterſchriebene Erklärung, daß die Ehrbarkeit im Kloſter nie verletzt worden und das Gerede über Oſio und Virginie eine niederträchtige Lüge ſei. Oſio war einige Stunden wieder in Monza, da wurde Ranieri erſchoſſen. Virginie verbarg nun den Mörder vierzehn Tage lang in ihrer Zelle, um den erſten Lärm vorübergehen zu laſſen. Mit ihren eigenen Ge⸗ richten hätte ſie fertig werden können, aber nun miſchte ſich die geiſtliche Behörde ein.
Eines Tages wurde Virginie in das Sprechzimmer gerufen, wo ſie den Kardinal Borromeo fand. Er em⸗ pfing ſie freundlich, ſprach mit anmuthiger Gefälligkeit über eine Menge von Kleinigkeiten und verbreitete ſich dann über die Pflichten einer Nonne. Zu ſeiner nicht geringen Ueberraſchung war Virginiens erſte Antwort ein offenes Bekenntniß ihrer Liebſchaft mit Oſio.„Man brachte mich,“ rief ſie aus,„gegen meinen Willen in ein Kloſter und ließ mich die Gelübde leiſten, ehe ich mündig war. Ich wurde dem Altar mit Gewalt verbunden. Meine Gelübde ſind daher nichtig, ich muß heiraten, ich habe gewählt, verbinden Sie mich mit dem Manne mei⸗ ner Liebe.“ Der Kardinal wurde von dieſem Geſtändniß ſo betroffen, daß er das Zimmer verließ, ohne ein Wort zu ſagen. In der Nacht fuhr ein mit vier Maulthieren beſpannter Wagen vor, Virginie wurde hineingehoben und in das Kloſter des Bocchetto zu Mailand geſchafft.
Den beiden Nonnen, welche die Mitſchuldigen des an der Meda begangenen Mordes waren, bangte vor einem ähnlichen, wenn nicht ſchlimmeren Schickſal. Oſi war auf ihre erſte Bitte bereit, ſie zu retten. Er verhalf ihnen Nachts zur Flucht aus dem Kloſter und gab ihnen mit zwei Dienern, Ricci und Homati, ſicheres Geleit. Der Weg führte am Lambro hin, und Oſio blieb mit Ricci und der einen Nonne etwas zurück. Ein Wink, und Ricci ſtößt ſie in den Fluß, um im nächſten Augenblicke von ſeinem Herrn erdolcht zu werden. Die andere Nonne läßt ſich in den Wald führen, bis zu einem Brunnen, in den Homati ſie ſtürzt. Zum zweiten Male blitzt Oſio's Dolch— und der letzte Mitwiſſer verſtummt.
Alle dieſe Schändlichkeiten verfehlten ihren Zweck, dem in Blut gebadeten Mörder Sicherheit zu verſchaffen. Die in den Lambro geſtürzte Nonne und die in den Brunnen geworfene retteten ſich beide und eilten vor Gericht, um gegen Oſio und Virginie Zeugniß abzulegen. Oſio floh in die Wälder der Gebirge am Comer See und bildete eine Räuberbande. Die Behörde ließ ſein Haus in Monza niederreißen, und blos eine Mauer blieb als
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Schandſäule für ihn ſtehen. Ihn ſelber bekam man weder durch Liſt noch durch Gewalt in Gewahrſam. Graf Fuen⸗ tes, der Statthalter von Mailand verlor als echter Spa⸗ nier die Geduld nicht und bot dem, welcher Oſio todt oder lebendig einbringe, eine hohe Belohnung. Ein Jugend⸗ freund des Geächteten verdiente ſich das Geld. Er lud ihn zu ſich in's Haus und ſetzte ihm Eſſen und Wein vor. In der Trunkenheit erzählte Oſio, wie er Katharine von Meda erſchlagen habe. Sein Wirth beſaß einen eben ſol⸗ chen Hammer wie der, mit dem das Verbrechen ausge⸗ führt worden war, und bat Oſio, mit ihm in den Keller zu gehen, wo er ganz ausgezeichneten Wein habe. Im Keller lauerten Bewaffnete, und auch ein Mönch zum Beichtehören war da. Oſio ging in die Falle und wurde auf dieſelbe von ihm eben beſchriebene Weiſe wie die Meda erſchlagen.
Von den andern Verbrechern wurden blos zwei beſtraft. Arrighone, der lüſterne Beichtvater, mußte drei Jahre auf den Galeeren rudern. Virginie wurde für immer in ein Kloſter eingeſperrt. Sie verbrachte ihr ſpäteres Leben halb in Gebet, halb in Thränen und ſtarb zuletzt im Geruch der Heiligkeit— come una santa, wie Kardinal Borromeo von ihr ſagt.
Urſprung der Seebäder.
Meer iſt ſagt Michelet in ſeinem ſchon erwähnten
Werke, nichtsdeſtoweniger ſehr gut und wohl⸗
un gegen ihn geweſen. Als die Erde, die er
ſo liebt, ihn erſchöpft und verbraucht hatte, war
es das Meer, das gefürchtete, verfluchte Meer,
welches ihn an ſeinen Buſen ohne Groll nahm und ihm Kraft und Leben w'edergab.
Kam nicht das Lehen aus dem Meere? Bewahrt es nicht alle Lebenselemente in ſeltener Fülle? Weßhalb ſollten wir nicht, wenn wir uns ſchwach fühlen, an der Quelle, die uns zu ſich ladet, ſchöpfen gehen?
Das Meer iſt gut für Alle, aber am wohlthätigſten, ſcheint es, für die, welche ſich am wenigſten weit von der Natur entfernen, für die unſchuldigen Kinder welche für die Sünden ihrer Väter büßen müſſen, für die Frauen, die Opfer unſerer ſocialen Verhältniſſe, die, obgleich weniger ſchuldig als wir, dennoch an der Laſt des Lebens viel ſchwerer zu tragen haben. Das Meer hilft ihnen gern; leiht ihnen von ſeiner Kraft, ſchmückt ſie wieder aus dem Quell ſeiner ewigen Jugendſchöne. Venus, die einſt ſeinen Wellen entſtieg, entſteigt ihnen noch heute,— nicht die entnervte, weinende, melancho⸗ liſche Venus,— ſondern die wahre, ſiegreiche, in ihrer triumphirenden Kraft der Fruchtbarkeit und des Ver⸗ langens.
Wie kann zwiſchen dieſer großen, heilſamen, aber rauhen und wilden Kraft und unſerer großen Schwäche irgend ein Verhältniß ſtattfinden? Das war die große Frage. Eine Kunſt, eine Einweihung waren nothwendig.
Fhe von dem Menſchen ſo grauſam behandelte


