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Die Nonne von Monza. 247
Die Nonne von Monza.
()hilaret Chasles hat in einem Werke: Virginie 5 de Leyva das Leben einer Italienerin aus dem Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts dargeſtellt, die durch ihre Schönheit und ihre Verbrechen an Beatrice Cenci erinnert. Die letztere iſt Jeder⸗ mann aus Shelley's Tragödie bekannt, aber auch Virginie hat die Dichter beſchäftigt. Sie figurirt in einer Epiſode von Manzoni'’s Verlobten und iſt die Heldin von Roſini's Roman: Die Nonne von Monza, einer Fortſetzung der„Verlobten“. Nach dieſen beiden Dichtern ſammelte Dandolo alle auf Valerie bezüglichen Akten und Dokun nte, und nach ſeinen gelehrten For⸗ ſchungen hat Chasles ſeine leichte und lesbare Arbeit gemacht.
Der Großvater der verbrecheriſchen Nonne war Don Antonio de Leyva, ein ſpaniſcher Abenteurer, der mit einem Haufen Soldaten, die er für Karl V. gewor⸗ ben hatte, nach Italien kam. Die Annahme, daß Kinder häufiger nach den Großeltern als nach den Eltern arten, findet in dieſem Falle ihre Beſtätigung. Antonie von Leyva war ein glühend ſinnlicher, verwegener, mit ſeinem eigenen Blute wie mit dem ſeiner Feinde verſchwende⸗ riſcher Mann. Er leiſtete ſo wichtige Dienſte im Felde, daß er mit großen Ländereien, unter andern mit Monza, belohnt wurde. Sein Sohn, Don Martino, ſchickte ſeine Tochter Virginie ins Katharinenkloſter zu Monza. Die Güter der Familie ſollten an ihren Bruder fallen, aber die junge Nonne behielt gewiſſe Einkünfte und außer⸗ dem die Gerichtsbarkeit über Monza. Dieſe ſollte ihr aber verderblich werden.
Im Katharinenkloſter wurde eine junge Dame, Iſabella degli Ortenſti, erzogen. Ein in der Nähe wohnen⸗ der Edelmann, Oſio degli Oſti, deſſen Fenſter in den Kloſtergarten gingen, verliebte ſich in die junge Schöne, gab ihr durch Zeichen ſeine Gefühle zu verſtehen und gewann ihr Herz. Kaum hörte davon Iſabellens Vater, ſo nahm er ſie aus dem Kloſter und verheiratete ſie mit einem reichen und angeſehenen Manne. Oſio rächte ſich für den Verluſt ſeiner Geliebten, indem er dem Vater einen Dolch in's Herz ſtieß. Er begab ſich darauf in ſein Haus, verrammelte alle Zugänge, bewaffnete ſeine Diener und harrte des Weitern. Der Richter von Monza hatte wenig Luſt, einen ſo verzweifelten Menſchen anzugreifen. Ein Befehl Virginiens, ſeiner Gerichtsherrin, würde ihn dazu gezwungen haben, und ſie war, wie ſie in einer ihren vielen Aufzeichnungen behauptet, feſt entſchloſſen, den Mörder ohne Erbarmen zu verfolgen. Sie führte dieſen Entſchluß indeß nicht aus und beſchützte ſogar Oſio in einem ſolchen Grade) daß das Gericht ihn frei umhergehen ließ. Fühlte ſie blos ein weibliches Mitge⸗ fühl mit einem Liebenden, den die Raſerei über den Ver⸗ luſt ſeines Theuerſten auf Erden zu einem Verbrechen getrieben hatte, oder liebte ſie den ſchönen Mann bereits ſelbſt? Wir möchten das letztere annehmen, denn von ihr, die ihn ebenſo oft wie Iſabella geſehen, war dem
Vater die Anzeige von der Liebſchaft ſeiner Tochter mit Oſio zugekommen. In jener Zeit hatte ſie, in ſeinen An⸗ blick verſunken, zu der Nonne Candida geſagt:„O Gott kann es auf dieſer Welt etwas Schöneres geben?“
Wieder ſtand Virginie in Candida's Zelle am Fenſter und blickte in den Garten, als Oſio erſchien und ihr durch Zeichen zu verſtehen gab, daß er ihr einen Brief zu übergeben wünſche.„Er machte eine höfliche Verbeugung,“ ſchreibt ſie,„und hatte dabei eine ſo demüthige, flehende und doch ſchöne Haltung, daß ich ihm ſeine Bitte unmöglich abſchlagen konnte.“ Die weitere Vermittlung übernahm Arrighone, Virginiens Beichtvater. Dieſer abſcheuliche Mönch machte der ſchönen Nonne ſelbſt Liebesanträge und unterſtützte nun ihren Verkehr mit Oſio in der teufliſchen Berechnung, daß ſie, wenn ſie einmal gefallen ſei, auch gegen ihn nicht länger grauſam ſein werde. Arrighone beſeitigte ihre Gewiſſens⸗ biſſe und zog zugleich ihren Aberglauben in's Spiel. Wie ſie verſichert, widerſtand ſie der Leidenſchaft nach Kräften. „Oſio übte auf mich eine Gewalt,“ ſagte ſie,„die etwas Teufliſches hatte. Um alle Schätze Spaniens und alle Throne ſeiner Fürſten hätte ich ihn nicht lieben mögen. Ich wollte eine Wallfahrt antreten. Ich peitſchte mich mit Ruthen, bis das Blut an meinem Leibe niederrann. Aber die Leidenſchaft wuchs immer fort. Ich ſah in jedem Gegenſtande ſein Bild, ich ſchlief nicht mehr, ich lebte nicht mehr. Eines Tages bat er mich, daß ich ein goldenes mit Diamanten beſetztes Büchschen küſſen möge, das er ſo⸗ gleich wieder an ſich nahm und an ſeine Lippen preßte. Es war ein Amulet, welches, da Arrighone es für ihn zubereitet und mit Weihwaſſer beſprengt hatte, meine Bedenklichkeiten überwinden mußte. Oſio gab mir auch ein Buch aus der Bibliothek meines Beichtoaters, des⸗ ſelben Arrighone, in dem zu leſen war, es ſei keine Sünde, wenn ein Mann die Zelle einer Nonne betrete, aber die Nonne dürfe das Kloſter nicht verlaſſen, denn das ſei ſündlich. Ich war in Verzweiflung und wünſchte mir hundertmal den Tod.“
Während ſie noch mit ſich kämpfte, machte die freche Zudringlichkeit Arrighone's ihren Bedenklichkeiten ein Ende. Sie fühlte, daß ſie im Mittelpunkte ihrer Gerichts⸗ barkeit, in der Zelle ihres Kloſters eines Beſchützers gegen ſeine Künſte bedürfe. Arrighone hielt nämlich die Zeit für gekommen, die Maske des Vertrauten abzulegen. Er ſchrieb ihr einen kurzen Brief des Inhalts, daß er alle Liebesbviefe Oſio's geſchrieben habe, daß er ſie liebe und auf Erwiederung rechne. Sie behandelte ihn mit ſtolzer Verachtung und warf ſich ohne Rückhalt in die Arme ihres Geliebten.
Die Liebſchaft dauerte lange. Bei ihrem Beginn war Virginie zwanzig, bei ihrem Ende zweiunddreißig Jahre alt. Eine Dienerin, Katharine von Meda, opferte der vornehmeren Virginie ihren Ruf und gab ſich für die Mutter der Kinder aus, welche dieſe gebar. Oft fühlte die ehrvergeſſene Nonne ſolche Gewiſſensbiſſe, daß ſie den Umgang mit Oſio abbrach, den Zugang zu deſſen Hauſe vermauern ließ und den geheimen Schlüſſel in den Brun⸗ nen warf. Ihre Leidenſchaft trug aber immer den Sieg davon. Endlich wollte die Meda die fremde Schande nicht
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