Heft 
(1861) 8 08
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

hängen laſſen. Die Frauen ſpielen ebenſo leidenſchaftlich wie die Männer und ſetzen oft mit gleichgiltiger Miene ſechs Unzen(96 Dollars) auf eine Karte. Manche von ihnen ſind mit goldenen Ketten, Ringen und anderen Koſtbarkeiten überladen, denn ihre Verſchwendung für dergleichen Zierath iſt ebenſo groß, wie ihre Sparſam⸗ keit beim Einkauf nützlicher Sachen, wobei ſie im Stande ſind, um einen halben Real zu knickern.

Die Lücken, welche die Spanier etwa an den Monte⸗Tiſchen laſſen, beſetzen Abenteurer aus allen Ländern, hauptſächlich Matroſen, Goldgräber und an⸗ dere für den Augenblick unabhängige Leute, die ihr mühſam erworbenes Gut erſt durchbringen müſſen, ehe ſie wieder in See oder in die Berge gehen. Sie ſehen mit ihren gebräunten Geſichtern und langen Bärten ſehr herausfordernd aus. Jeder von ihnen hat, wenn nicht einen Revolver oder Sechsläufigen, doch ein Dop⸗ pelterzerol bei ſich, von dem ſie bei der geringſten Ver⸗ anlaſſung Gebrauch machen. Das einzige Volk, das nicht in Spielhäuſern und Schenken vertreten iſt, ſind die Chineſen. An den Favrotiſchen ſitzt meiſtens die Haute volée franzöſiſche Künſtler, amerikaniſche Spieler und die müſſigen Herumtreiber und Glücksritter aller Nationen. Marken aus Elfenbein zu 1, 5, 10 bis 50 Dollars vertreten die Stelle des baaren Geldes, und in der größten Stille wird ein Vermögen gewonnen oder verloren. Der Roulette⸗ und der Würfeltiſch ſind wenig frequentirt, nur gelegentlich geht ein neugieriger Greenhorn an den letztern, um einer jungen Franzöſin, die hier die Honneurs macht, einige Dollars zu opfern.

Wenige Schritte vom Eldorado liegt Bella Union (das erſte Wort wird hier ſpaniſch, das zweite engliſch ausgeſprochen), ein ebenfalls ſehr beſuchtes Spielhaus. Etwas höher an der Plaza ſtehtKalifornia Reſtaurant, ein ganz deutſches Haus, bis auf den Koch, der ein Franzoſe iſt. Es rühmt ſich keiner Muſik, keiner Spiel⸗ tiſche und Raufereien, hat dafür aber gute Speiſe und guten Wein. Wir ſind eben im Begriff einzutreten, als Feuerlärm entſteht und der Klang der Glocke vom Monumental⸗Spritzenhauſe alle Bewohner der Stadt elektriſirt. Selbſt die Spieler ſpringen vom Tiſche und eilen an die Thüre. Alsbald raſſelt die Spritze, von 50 Burſchen verſchiedener Klaſſen(boys, nach der Aus⸗ ſprache richtiger b'hoys) gezogen, von einem Spritzen⸗ mann in voller Uniform kommandirt und von tauſend Menſchen begleitet über den Platz in Kearney Strect hinein. Es hatte indeß nur eine Fenſtergardine gebrannt und das Feuer war raſch gelöſcht. Nachdem die Ge⸗ müther beruhigt ſind, gehen wir Pacifie⸗Street hinauf, um einen mexikaniſchen Tanz zu ſehen.

In einem kleinen Lokale zu ebener Erde befindet ſich links der Schenktiſch(bar), von den hieſigen Deut⸗ ſchen, die Baare genannt; eine ſehr paſſende Korruption, da ſchon mancher daran ſcheiterte. Ein ernſter Mexikaner ſchenkt hinter dem Tiſche die Getränke aus und wirft von Zeit zu Zeit einen Blick auf die offene Thür, um den Zögernden zuzurufen:Entren Ustedes, Caballe- ros!(Treten Sie näher, meine Herren!) Wir treten ein und erſticken faſt vor Hitze und Cigarrenrauch, denn das

kleine Lokal iſt gedrängt voll. Nur im Hintergrunde iſt ein beſchränkter Raum frei, ſpärlich von einer Thranlampe und zwei Talglichtern erhellt. Die Muſik beſteht nur aus einer ſehr kleinen Harfe, die der ſitzende Mann auf einen Schämel geſtellt hat, um ſie ſpielen zu können, und einer mexikaniſchen mit Metallſaiten beſpannten Guitarre. Das Geraſſel hat gerade wieder angefangen und ein zerlumpter Chilene, in einen Poncho gehüllt, mit dem Hut auf dem Kopfe und der Cigarre im Munde, tritt in den Kreis, trippelt und klappert ſehr taktfeſt mit den Füßen und hängt den Kopf ſo ſehr nach vorn, als ob er Stecknadeln ſuche. Eine kleine Mexikanerin tritt ihm gegenüber, ſinkt in dieſelbe gebückte Stellung, während ſie ebenſo wie er mit ihren unter dem Kleide unſichtbaren Füßen klappert. Beide verändern ihren Platz um keinen Zoll und würdigen ſich keines Blickes, treten endlich erſchöpft von verſchiedenen Seiten ab, um, wenn das Geraſſel noch fortdauert, von einem andern Paare erſetzt zu werden.

Jedes Land hat freilich ſeine Weiſe! aber wie man dies Getrippel Tanz nennen kann, iſt unbegreiflich. Auf den längs den Wänden befindlichen Bänken ſitzen mehrere Frauenzimmer, Ladies würde man hier ſagen theils Mexikanerinnen, theils von Peru oder Chili, rauchen ihre Cigaritos und bemühen ſich, mit ihren amerikaniſchen Courmachern engliſch zu reden, trinken aus deren Glaſe und laſſen ſie dafür den Reſt der von ihnen angerauchten Cigarre beenden. Zuweilen bricht eine der Schönen dieſe ſüßen Plaudereien ab, um im obern Stock friſche Luft zu ſchöpfen. Man würde ihr Entſchweben kaum bemerken, wenn ihre leichten Füße einige Minuten ſpäter nicht ein merkwürdig ſtarkes Echo, wie von kräftigem Männertritt, auf einer draußen befindlichen Treppe hervorriefen. Eine Quadrille, aus⸗ geführt von vier B'hoys, zwei Weibern, einem Kinde und einem derben Burſchen, der ſich durch ein über den Kopf gehängtes Rebozo zur Tänzerin metamorphoſirt hat, verhindert uns, Betrachtungen über die eigenthüm⸗ liche Akuſtik des Saales anzuſtellen, iſt jedoch auch nicht mehr im Stande, unſere Aufmerkſamkeit lange zu feſſeln. Zum Schluſſe wartet unſer dauc noch ar um blick, der die bereits ſehr rege gewordene Sehnſucht nach unſerm Hötel zur unwiderſtehlichen ſteigert durch den Ckel, den er uns einflößte. Wir traten nämlich auf einen Augenblick in eine ganz gewöhnliche Branntwein⸗ ſchenke, die in der Regel faſt nur von weiblichen Weſen beſucht wurde.(Wir haben eine Illuſtration beigegeben, die jedes weitere Wort zur Erklärung unnöthig macht.)

Wir brechen nun auf und wandern der untern Stadt zu, um in unſerm Hötel Erholung und Schlaf zu ſuchen. Wir ſtolpern über einige illuminirte Schläfer, ſtören hier und dort Scharen von Ratten in ihrem Straßenſäuberungswerk. Endlich ſind wir da und haben die erſten Eindrücke einer pilzartig aus dem Boden geſchoſſenen Stadt in uns aufgenommen.

Pajekens anziehendes Buch, dem vorſtehendes entnommen wurde, trägt den Titel:Reiſeerinnerungen und Abenteuer aus der Neuen Welt.