Heft 
(1861) 8 08
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Louiſe Meunier.

für ihn nur Gegenſtand enthuſiaſtiſcher Vorliebe oder der ſtolzeſten Geringſchätzung. Sein Enthuſiasmus für mich ward, wenn auch nicht ernſt, ſo doch wahrhaft wü⸗ thend. Doch genug davon; er ging nicht ſo weit, mir ſeine Hand anzubieten, aber er ſchätzte ſich überaus glücklich, in meiner Nähe zu ſein; er malte mir in den reizendſten Farben das Leben in Paris aus und die Annehmlichkeiten, die dasſelbe für eine ſo geſcheite und ſchöne Dame wie ich hätte. Die Provinz ſei nicht für mich geſchaffen, und in der Provinz bleiben, gleiche bei mir einem Selbſtmord.

Ich geſtehe, dieſe Unterhaltung behagte mir; der Hintergedanke, der dahinter ſteckte, kümmerte mich wenig. Dornet hatte auf mich gar keinen Einfluß; aber trotz meiner Antipathie gegen ihn, fand ich ihn doch in Ueber⸗ einſtimmung mit meinen Anſichten, weil die Abneigung, die ich gegen mein bis dahin geführtes Leben hatte, mich auf jene ſchiefe Ebene trieb, auf die er mich zu 3 zerren ſuchte, auf jenen verhängnißvollen Pfad, wo man

den Kopf verliert. Ich machte mir keinerlei Illuſion be⸗

treffs ſeiner Ergebenheit; das wäre ſogar bei ſeinem geſchliffenen Weſen ſehr gefährlich geweſen. Aber ich verſicherte mich ſeiner Beihilfe, um endlich das Joch Delphinens und ihrer Mutter abzuſchütteln, und mir nach ſo langer Demüthigung die Freiheit wieder zu verſchaffen.

Obgleich es ſonſt nicht mein Geſchmack iſt, ich auch die Mittel nicht beſitze, meine Rivalen zu über⸗ ſtrahlen, ſo konnte ich mich doch eines wonnigen Rache⸗ gefühles nicht erwehren, als ich delphine in einer ernſten Konverſation mit Dornet auf's Eis geführt ſah. Indeß dies ſo neue Vergnügen, mich endlich, wenn auch nicht geſchmeichelt, ſo doch gehört, um Rath gefragt, nicht gleich Null geachtet zu werden, wirkte in der That betäubend auf mich. In dieſe Schlinge gerieth ich, denke

Dir! Ja, es iſt wahr, wir Alle gleichen jenen Kindern, 8 die ſich durch die äußere Erſcheinung eines Gauklers blanden laſſen. Dornet war aber zu ſehr Egoiſt, als daß er ſich rgend etwas vergeben hätte, um einem Andern zu gefalen. Ich blieb ſeine Loſung; aller möglichen kleinen Schae und Ränke bediente er ſich, um nur in meine Näcakommen, ſich meiner Geſellſchaft zu freuen, mich feſſeln, ſelbſt dann, wenn der geſtrenge An⸗ 7 and ihn anders wohin rief. Mich ermuthigte er, mich aller Macht eigenwilligen Befehlen zu widerſetzen, s heißt, nichts zu thun, als was ſtrengſtens meines emtes ſei; bis dahin nämlich hatte ich mich auch zu allerlei Anderem ſtets nur zu ſehr bereit finden laſſen und war ſo der Spielball der Laune geworden. Jetzt bereitete ich mich über ſeine Aufforderung zu jenen bos⸗ haften Widerſetzlichkeiten vor. So war's zum Beiſpiel während unſeres Aufenthaltes auf dem Lande Gewohn⸗ heit geworden, nach jeder Mahlzeit einen kurzen Spa⸗ ziergang zu machen. Wenn die Damen dann zum 2 zchloſſe zurückkehren wollten, erſann Dornet ſofort nen geiſtreichen Vorwand, um unſere Unterhaltung

ch weiter fortſpinnen zu können; bald entdeckte er h eine nahe gelegene ſchöne Ausſicht, bald hatte er

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bei den Bauern noch etwas zu fragen ꝛc. Dann botter mir jedesmal ſeinen Arm an, und ich nahm ihn, als hätte das weiter gar nichts zu bedeuten. Aber bald konnte es mir nicht entgehen, daß dem doch nicht ſo war; wenigſtens Delphinens Mienen und Predigten ließen darauf ſchließen.

Der Erfolg dieſer tollen Streiche, womit Dor⸗ net ſeine Wirthe neckte und mich für ſich einnahm, trieb ihn an, immer wieder neue zu begehen. Eines Tages aber machte er es in der That faſt zu toll. Madame Savenay hatte etwa zwanzig Perſonen zu Tiſche ge⸗ laden. Nach langer reiflicher Ueberlegung hatte ſie die ſo wichtige Reihenfolge der Gäſte entworfen und trug dann Delphinen auf, nach dieſem Entwurf auf jedes Couvert eine Karte mit dem Namen deſſen, für den es beſtimmt war, hinzulegen. Dornet ſah dem aufmerk⸗ ſam zu, und warf dann, gleich nachdem Delphine fertig war, einen flüchtigen Blick über die Tafel. Da gewahrte er, daß ſeine Karte neben dem Couvert einer alten Dame lag, die die angeſehenſte Perſon in der Ge⸗ ſellſchaft war. Seine Eitelkeit ſchlummerte in dieſem Augenblicke; er wollte auf die Ehre, die ihm mit Langer⸗ weile drohte, verzichten. Er vertauſchte darum ſeine Karte mit der neben meinem Couvert liegenden. Als

die Gäſte bereits ihre Plätze eingenommen; ſie war nahe daran, vor Aerger zu berſten; aber ſie faßte ſich, aus Furcht, ſie möchte dadurch ihrer Hausfrauenehre etwas vergeben. Nachdem ihr Blut ſich vollends beruhigt und abgekühlt, ſagte ſie zu Moriz:

Sie haben gewiß erwartet, mein Herr, deß bin ich gewiß, in meiner Nähe einen Platz angewieſen zu bekommen; darum bemerke ich Ihnen, daß der Platz, den Sie einnehmen, nicht der iſt, den ich für Sie be⸗ ſtimmte; meine Tochter hat ſich da offenbar geirrt; und ich bitte um Entſchuldigung.

Mutter, erwiederte Delphine in feſtem ge⸗ meſſenem Tone,ich weiß ganz gewiß, daß ich mich nicht geirrt; die Verwechſelung iſt nicht meine Schuld.

Seien Sie in dem Punkte nur unbeſorgt und ruhig, ſagte Moriz Dornet mit ſpöttiſcher Unter⸗ würfigkeit;das macht ja nichts; der die Ehre hat, hier Gaſt zu ſein, den kümmert der Platz wenig, den er ein⸗ nimmt; ich befinde mich auf dem Meinigen ganz wohl.

Madame Savenay's Antwort hierauf beſtand nur in einem ſtolzen, kalten Blicke auf Dornet. Auch

mir warf ſie einen Drohblick zu, und ich ertrug ihn nicht ſo feſt wie M oriz, ſondern erröthete und begriff ſogleich, daß die Diskuſſion hiermit noch nicht ihr Ende erreicht habe, ſondern nur verſchoben ſei.

Abends erſchienen wir beim Tanze, Dornet und ich, und zwar bei der erſten Quadrille, als Ma⸗ dame Savenayh ſich uns näherte.

Verzeihen, Fräulein, ſagte ſie, als ſähe ſie nur mich;dieſer Platz gehört Nadame von Tery, welche Saint⸗Mérin eben eingeladen; ich bitte Sie deß⸗ halb, ihn zu verlaſſen.

Ich hatte kaum Zeit, mich über dieſe Impertinenz

zu ärgern, als ſchon Moriz, mit halblauter Stimme,

Madame Savena dieſe Aenderung bemerkte, hatten