23²2 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
aher doch ſo, daß Madame Savenay es hören konnte (und das ſollte ſie eben), zu mir ſagte:
„Iſt's gefällig, einen Spaziergang durch den Park zu machen? Hier iſt ja doch kein Platz für uns.“
„Ich folgte dieſer Einladung ſofort; ich hatte einmal A geſagt, nun wollte ich auch B ſagen und ver⸗ traute mich ganz und gar meinem Beſchützer an.
„Eine Stunde nachher kehrten wir in dieſelbe Gartenallee zurück; Dornet beſtürmte mich mit ſeinen Rathſchlägen und Beſchwörungen: Ich ſollte das Haus der Madame Savenay verlaſſen, ſelbſt wenn ſie nach der Verheiratung ihrer Tochter mich als Geſellſchafterin aufnehmen wolle und— meinen Aufenthalt in Paris nehmen. Es würde ſich dort leicht ein Maleratelier für Damen finden, wenn nicht, ſo würde auch ſchon Privat⸗ unterricht in der Muſik mir ein mehr als hinreichendes Auskommen ſichern. Dabei machte Dornet ſich ver⸗ bindlich, mich den Kreiſen der höchſten Ariſtokratie mit Erfolg zu empfehlen. Meine äußere Erſcheinung ver⸗ bürge den Erfolg in demſelben Maße wie meine künſt⸗ leriſche Tüchtigkeit. Dies würde der erſte Schritt zu meinem Glücke ſein. Eine ſo treffliche Dame, wie ich ſei, habe Anſprüche auf Alles, wenn ſie eine Stellung ver⸗ ließe, die ihre Schönheit und ihre Anmuth ſtets unter den Scheffel ſtelle. Er ſeinerſeits ſchätze ſich glücklich, in meiner Nähe als uneigennütziger Protektor und wahrer Freund leben zu können. Dieſe Ausſichten, die er ſehr plauſibel zu machen wußte, fanden mich nicht ſehr leicht⸗ gläubig und doch pochte mein Herz bei Dornets Worten mächtig, und die Ausſicht auf zukünftige Freiheit und Unabhängigkeit war für mich zu verführeriſch.
„Nach der Rückkehr in den Saal wollte ich nicht mehr tanzen. Nachdem Alles ſich zurückgezogen, hatte Madame Savenay mit Saint⸗Mérin eine lange Unterredung, deren Gegenſtand ohne Zweifel ich allein war. Dann ließ ſie mich rufen und machte mir Vor⸗ würfe, daß ich mich auf ſo auffallende und eigenmächtige Weiſe aus der Geſellſchaft entfernt hatte. Gewöhnlich pflegte ich in ſolchen Fällen nur ein hartnäckiges Still⸗ ſchweigen zu beobachten; aber diesmal war ich kecker und reſoluter als ſonſt. Bemerken muß ich hier, daß Madame Savenay, die ſonſt in nichts ſich von den Damen der höheren reichen Bourgeoiſie unterſchied, etwas ganz beſonders Abſtoßendes und Verletzendes hatte. In ihren Zügen wie in ihrer Sprache lag etwas unausſtehlich Anmaßendes, Hartes— und die gewöhn⸗ lichen Leute bezeichneten es nicht unrichtig mit„Herz⸗ loſigkeit“. An jenem Abend ſchien's mir in der That, als wollte ſie mich für immer vernichten! Aber ich war entſchloſſen, mir keinerlei Demüthigung gefallen zu laſſen; meine erſte Antwort war ein Blick und ein Lächeln voll Ironie. Dann fragte ich ſie dreiſt und offen, worin denn die Ungeheuerlichkeiten, die ſie mir vorwarf, beſtänden; ſie ſolle mir die betreffenden Aeußerungen und Hand⸗ lungen nennen. Dabei bemerkte ich ihr, ſie ſolle ſich nur ja nicht täuſchen; ſie habe in mir kein Kind mehr vor ſich.
„Madame Savenay hörte mir erſtaunt zu und erklärte mir dann wenn ich meine übertriebenen koketten Anſprüche wie bis jetzt noch länger erhöbe, würde ich
mich entſchieden lächerlich machen. Da riß mir die Ge⸗ duld! Ich warf ihr vor, ſie habe mir's angewöhnt, mich lächerlich, ja verhaßt zu machen, indem ſie die Keime jugendlicher Beſcheidenheit in mir erſtickt.
„Sie, rief ich ihr zu,„Sie wiſſen es nur zu gut, daß ich Ihrem Fräulein Tochter nie übel wollte; und, wenn ich dies gewollt, war's da nicht vielmehr Ihre Pflicht, mir dies im Vertrauen vorzuhalten, ſtatt damit Skandal zu machen, wie Sie es wirklich gethan? Sie klagen mich an, und gerade Sie ſind es, die ſich an meiner Perſon, an meiner CEhre ſchwer verſündigt! Aber daran war's nicht genug, daß Ihre Eitelkeit darin Be⸗ friedigung fand, daß Fräulein Delphine in Saint⸗ Mäérin einen Gemal fand; nein! es kam darauf an, um die gemachte Eroberung in einem glänzenderen Lichte erſcheinen zu laſſen, zu thun, als habe Delphine dabei ein Opfer gebracht; und ich ſollte bei der Gelegenheit den Sündenbock ſpielen.“ 4
„Dieſe heftigen Scenen ſagten ſo wenig meiner Gewohnheit und meinem Charakter zu, daß die Stimme mir verſagte, daß ich ſchluchzte und weinte. Madame Savenay erbleichte, während ich ſprach, und konnte die Regungen ihres Gewiſſens nicht verbergen. Nichts⸗ deſtoweniger ſuchte ſie ſich zu ermannen, um nicht von einer ſo ſchwachen Gegnerin beſiegt zu erſcheinen.
„Vergeſſen Sie nicht, Fräulein, daß ich Herrin bin; ich habe zu befehlen, Sie haben zu gehorchen oder weg⸗ zugehen.“
„Ich verſtehe, Madame,“ entgegnete ich;„morgen werde ich weggehen. Ich habe dabei gar nichts zu ver⸗ lieren; Fräulein Delphine wird demnächſt heiraten und— dann bin ich überflüſſig!“
„Kaum hatte Madame Savenan dieſe meine
entſchiedene Aeußerung vernommen, ſo bereute ſie das
Wort, das ſie eben geſprochen. Sie mochte davon weiß Gott was Uebles befürchten. „Ueberlegen Sie erſt, Fräulein, bevor Sie handel;
das dürfte nur zu ſehr in Ihrem Intereſſe ſein. Wer
weiß, was geſchehen wird, wenn Sie ſich plötzlich von einer Familie losſagen, die nur Ihr Beſtes will.“
„Dieſe theilweiſe in drohendem Tone gemchte Bemerkung verletzte noch obendrein meine Eitge Kaber Madame Savenay hatte ſie offenbar—2,n ufre⸗ gung gemacht; das höhniſche, ſtolze Läche Ft? Dhre Lippen wich bald, und man ſah dann, daß eine gewiſſe Rührung ihr Herz beſchlich. Ach! hätte ſie derſelben nur einen Augenblick ſich freimüthig überlaſſen, wie leicht hätte ich vergeſſen— wie leicht ſogar lieben können, wenn man's gewollt. Da dies nicht der Fall war, ſo ſteigerte ſich meine peinliche Stimmung. Ich grüßte Ma⸗ dame Savenay ohne ihr zu antworten und ging fort; mein Kopf war brennend heiß. Da ich merkte, daß die Dienerſchaft nicht ſchlief, ſo ging ich in den Garten, um den geſtirnten Himmel und die kühle Abendluft um Rath zu fragen.
„Begreifſt Du jetzt, liebes Kl ärchen, warum ich Madame Bourgueville ſo ſehr geſcheut und noch ſcheue? Was kann ich von ihr mehr erwarten, als von Madame Savenay? Sind nicht ihre Principien, Vor⸗
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