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230 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
erſtickt, mußte ich oft den Saal verlaſſen und auf mein
Kämmerlein flüchten. Dort ließ ich den Thränen freien
Lauf, ſchluchzte und wehklagte. Die Zeit würde indeß
dieſe eitle Empfindlichkeit, dieſe unſinnige Eiferſucht, de⸗ ren Grund nicht ein Mann, ſondern die Liebe war, wie⸗ der beſchwichtigt haben. Hätte man mich nur ein einziges Mal Seitens meiner Umgebung liebevoll und ernſtlich auf meine Blindheit aufmerkſam gemacht; das war doch ſo leicht. Aber nein! Klärchenz es ſcheint ein zu großes Vergnügen zu gewähren, ein armes, verlaſſenes, ſchutz⸗ loſes Kind zu quälen oder leiden zu ſehen, als daß man ihm beiſpringen ſollte! Wie könnte man auch ſonſt das Bewußtſein, einem höheren Stande anzugehören, haben, wenn man nicht gelegentlich die Kleinen und Schwachen unter die Füße träte? Und was hatten ſie denn eigent⸗ lich von mir zu fürchten? Die Thränen der Klytemneſtra ſind nur ein Thema für die Poeſie; man weiß immer wohl, daß am Schluſſe des Drama's Eriphile und nicht Iphigenie es iſt, die geopfert wird.
„In wenigen Tagen ward ich dem ganzen Hauſe zum Geſpött! Es kam keine Freundin— und Freun⸗ dinnen waren alle die, welche die Tagesklatſchereien mit⸗ theilen konnten— ohne daß ihr als großes Geheimniß mitgetheilt wurde, daß ich in Saint⸗Mérin ſterblich verliebt ſei. Und ſchau, wie gut ſie waren! um mir nicht weitere Pein zu verurſachen, bewachten ſie mich aus Mit⸗ leid ſtreng bis zu Delphinens Heirat. Ein ſchönes Mitleid in der That, welches mich in aller Leute Augen lächerlich machte. Meine Reizbarkeit wurde dadurch na⸗ türlich noch erhöht, und je mehr ich auf mich Acht gab, deſto mehr wuchs meine Erregtheit. Erſt waren es Lippen⸗ bewegungen und Blicke, mit denen man mich unausge⸗ ſetzt inſultirte; bald aber wurde die Sache wirklich un⸗ geheuerlich und unerträglich. Ungeachtet man ſie ganz
geheim hielt, hatte man doch laut genug davon geplau⸗
dert, um ſie aus dem Salon auf die Straße zu bringen. Mußte ich doch bald hören, wie das Stubenmädchen zum Hausknecht ſagte:„Fräulein Louiſe, die iſt in Herrn von Saint⸗Mérin berliebt. Ob die vielleicht Luſt hätte, ihn zu heiraten?“ und ſie ſetzte dann eine ſo gemeine Redensart hinzu, daß ich mich ſchäme, ſie Dir zu wiederholen.
„Man hatte beſchloſſen, die Hochzeit auf einem Sa⸗ venay'ſchen Schloſſe in der Umgebung von Coutances zu feiern. Die ganze Familie ſiedelte dorthin ungefähr einen Monat vor dem Hochzeitstage über. Mérin ließ in dieſer Zeit zu unſerer Begleitung einen Pariſer Freund, einen Advokaten, kommen, der auch als Zeuge bei der Vermälung fungiren ſollte, weil er die Heirat vermittelt hatte.
„Herr Dornet war weder ſchön noch verführeriſch und von ſehr zweifelhafter Liebenswürdigkeit. Dagegen verſtand er es prächtig, das Unglück Anderer zu beob⸗ achten und hatte die gewandteſte Zunge von allen Pari⸗ ſer Advokaten. Voll Eigenliebe, ehrgeizig, mehr aus Eitelkeit als aus Stolz, Egoiſt im höchſten Grade, be⸗ ſtändig eingenommen von ſeinen Verdienſten, boshaft, wenn man nicht für ihn ſo wie er ſelbſt ſchwärmte: ge⸗ berdete er ſich ſtets als der verkannteſte und verfolgteſte
Menſch auf der ganzen Welt. Dieſe Miſanthropie trieb er indeß nicht ſo weit, daß er die Geſellſchaft geflohen hätte. Im Gegentheil: er unterhielt fleißig alle ſeine Be⸗ ziehungen, nahm gewiſſenhaft alle an ihn ergehenden Einladungen an und befand ſich an einer wohlbeſetzten Tafel ſehr wohl, falls er den erſten Platz und den beſten Biſſen bekam. Es war widerwärtig, ihn zu beobachten. Bald ſah man ihn ſchmeichelnd und kindlich bittend bis zur Kriecherei; bald arrogant und verletzend, ſo daß er ſeines Gleichen nicht einmal grüßte. Bald war er ſchweig⸗ ſam und nichts konnte ihn dann oft zum Sprechen be⸗ wegen; oft wieder entwickelte er eine brillante Bered⸗ ſamkeit, und wehe dem Unglücklichen, dem dann ſeine Pfeile und Geſchoſſe galten! Aber nie glänzte ſeine gei⸗ ſtige Fähigkeit heller, als wenn er jedem, ohne unzart zu werden, die größten Anzüglichkeiten und Unannehm⸗ lichkeiten ſagte.
„Man kann ſich in der That glücklich ſchätzen, wenn ſo einem Menſchen etwas entgeht. Wie würde es mir ergangen ſein, wenn Madame Savenay oder ihre Freunde ihn in meine kurioſe Poſition eingeweiht hätten; das wäre für ſeine Bosheit und Ironie Waſſer auf die Mühle geweſen. Allein ſo ſehr man es auch Herrn Saint⸗Mérin zu verheimlichen ſuchte, daß man ſich hie und da auf meine Koſten luſtig machte, ſo war es dieſem doch nicht entgangen, und er fühlte es wohl, daß ſein Benehmen zum Theil Schuld daran war, daß ich jetzt ein Spielball des Geſpöttes war. Darum kam ihm die Ankunft ſeines Freundes ganz gelegen und er ſuchte meine Lage durch dieſen wo möglich erträglicher oder gar angenehm zu machen. Vielleicht wußte er mir's Dank, daß ich die auf mich gerichteten Angriffe nicht auf ihre Urheber, Delphine und ihre Eltern, ableitete. In der That war mir dies auch nie in den Sinn ge⸗ kommen. Ob in Folge meiner natürlichen Gutmüthigkeit oder meiner tief gewurzelten Reſignation, das weiß ich nicht. Leider iſt's nur zu wahr, daß ich mich bei den An⸗ griffen benahm wie ein ſchwankendes Rohr und ſchließ⸗ lich geknickt wurde wie eine Eiche.
„Wie wußte Saint⸗Mérin Herrn Dornet für mich zu intereſſiren? Was für Ausſichten hatte er ihm gegeben auf die Ehre mich einzunehmen? In wie weit hatte er ihn in meine Geheimniſſe eingeweiht? Das ſind Fragen, auf die Du, liebes Klärchen, Dir eben ſo gut antworten wirſt, wie ich ſelbſt. Nur das eine weiß und ſage ich Dir poſitiv, daß Moriz bei erſter beſter Gelegenheit irgend einen jener wohlfeilen Triumphe zu feiern beſchloſſen hatte, die das Genie liebt, indem es ſich auf ſeines Gleichen oder auf Dummköpfe beruft.
„Bald aber änderte ſich die Sache. Herr Dornet verſchaffte mir in unſerer engeren Umgebung, was man ſo zu nennen pflegt, einen Triumph. Ich hatte auf einen Moment meine Qual vergeſſen. Ich benahm mich Herrn Dornet gegenüber ganz vorurtheilsfrei und machte
mir ſeine Freundlichkeit zu Nutzen. Ich zeigte mich ihm
für den Anfang in jener trotzigen Beſcheidenheit und
jener koquetten Furchtſamkeit, die mir nun einmal am
meiſten eigen ſind. Beweglich, ſelbſt ungeſtüm, wie er war, ſuchte Dornet überall die Extreme, und man war


