Heft 
(1861) 8 08
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Die erſten Tage, welche Herr von Saint: Mérin in der Familie verbrachte, würdigte er mich keines Blickes; dann beobachtete er mich näher, horchte weun ich redete, warf mir dann ab und zu einen freund⸗ lichen Blick zu und bald entfuhr ihm öfter Delphinen gegenüber die Aeußerung:Und Ihre Freundin! Die⸗ ſen Worten folgte jedesmal ein allgemeines Erſtaunen, zuſammengekniffene Lippen und ein verhängnißvolles Schweigen. Im Allgemeinen entgehen dergleichen Vor⸗ boten eines nahenden Gewitters den Männern eher als den Frauen. Auch Saint⸗Mérin ſchien ſie nicht zu bemerken. Er wußte ſogar mich dahin zu bringen, an der Unterhaltung mich zu betheiligen, indem er mich um meine Anſichten frug; ja wenn dieſe ihm gefielen, unter⸗ ließ er es ſogar nicht, dies freudig zu betonen. Natürlich war das der Mutter Delphinens nichts weniger als lieb, daß Saint⸗Mérin auf dieſe Weiſe Delphi⸗ nen gegenüber minder liebenswürdig erſchien. Dennoch durfte ſie es nicht wagen, ihm dieſerhalb direkt einen Vorwurf zu machen; aber ſie ließ es ihm nicht undeut⸗ lich merken, daß er ſein Wohlwollen verſchwende, denn ich ſei keineswegs ſo untadelhaft und rein, wie er es zu glauben ſchien. Hierüber entſpann ſich dann eine Dis⸗ kuſſion unter ihnen, die damit endete, daß Madame Savenay Saint⸗Mérin aufforderte, mich über Delphine und ihren Charakter zu befragen, ſo könne er am beſten erfahren, wie er ihr gefallen könne. Nur beanſpruchte Madame Savenay bei dieſer Unterhal⸗ tung anweſend ſein zu dürfen; allein dieſe Zumuthung wies Mérin mit den Worten zurück:Nie und nimmer werde ich Jemandem eine Schlinge legen, Madame! Darin willigte er indeß ein, gelegentlich meine Anſichten zu erforſchen und dies ſo einzurichten, daß er zugleich über meine Ehrlichkeit und Bravheit ſich ein Urtheil bilden könne.

Einige Tage nachher wir waren damals auf dem Lande ging Madame Savenay und Del phine in der Nachbarſchaft einen Beſuch machen. Ich war inzwiſchen einige Kleinigkeiten, Garn und Seide einkaufen gegangen. Mérin ſaß im Salon, wie ge⸗ wöhnlich in ſeine Lektüre vertieft. Ich kam vor den Da⸗ men zurück; der Tag neigte ſich.Ich habe mit Ihnen etwas zu ſprechen, ſagte Mérin, und erſuchte mich, neben ihm auf dem Sopha Platz zu nehmen. Er ſchien Anfangs noch zweifelhaft, ob er die Unterhaltung be⸗ ginnen ſolle oder nicht; um uns wurde es allmälig dunkel, und ſo rückte er mir immer näher, um meine Geſichtszüge beſſer beobachten zu können. Er erklärte mir alſo zunächſt, wie viel ihm daran liegen müſſe, den Charakter Delphinens genau kennen zu lernen, und erſuchte mich dringend, ihm in dieſer Hinſicht offene Auf⸗ klärung zu geben. Ich ließ mich dazu ohne Weiteres her⸗

Louiſe Meunier.

bei, in der Ueberzeugung, daß das, was ich an Del⸗ phine auszuſetzen fand, den ja gar nicht zu beirren brauche, den man für ſie zum Gemal auserſehen. Ihren

Talenten und ihrer geiſtigen Befähigung mußte ich rückhaltlos Lob ſpenden. Im Uebrigen benahm ich mich in meinen Aeußerungen ſo, daß ich weder meinem Ge⸗ wiſſen zu nahe trat, noch auch Herrn Mérin die Selb⸗ ſtändigkeit ſeines Urtheils verkümmerte. Das Reſultat war, daß ich mich dahin äußerte, daß ſie immerhin ihren Gemal beglücken könne.

Mérin war mir dankbar für die ihm gewor⸗ dene Aufklärung und meinte, mir gebühre jedenfalls das Lob, Delphine zu dem gemacht zu haben, was ſie in der That ſei. Während er dieſe Worte der Anerkennung ſprach, drückte er mir zärtlich die Hand; ich aber war an dergleichen ſo wenig gewohnt, daß ich in eine ganz ab⸗ ſonderliche Aufregung dadurch gerieth. Meine Hand zitterte, er zog ſie an ſich und drückte einen heißen Kuß darauf. Mein Erſtaunen wuchs mit jedem Augenblick; ja ich fing ſogar an, mich zu ängſtigen, weils inzwiſchen ſchon ziemlich finſter geworden war. Wie es geſchah, weiß ich weiter nicht, genug, er ſchlang ſeinen Arm um meine Taille und zog mich in ſeine Arme. Dieſer Mo⸗ ment gab mir meine ganze Energie mit einem Male zurück; ich entzog mich ſeiner Umarmung und wollte zur Thür eilen. Mérin aber hielt mich feſt.

Fliehen Sie nicht, ſagte er,verzeihen Sie mir me ine kleine Uebereilung, ich werde mich in Zukunft ſo be⸗ nehmen, daß Sie dieſelbe leicht vergeſſen. Gleichzeitig zündete er die Salonlampe an, um mich noch mehr zu be⸗ ruhigen und griff dann plötzlich zu ſeinem Hute, um Delphinen und ihrer Mutter entgegen zu gehen.

Mir war darob noch immer ich weiß nicht wie; etwas Räthſelhaftes blieb in meinem Innern zurück; ich wußte mir nicht zu helfen; ich wußte einer gewiſſen Auf⸗ regung nicht Herr zu werden, die oben berührter Vorfall in mir hervorgerufen. Ich fühlte für Herrn Saint⸗ Mérin nichts, was einer Zuneigung oder gar der Liebe glich, das kann ich verſichern. Im Gegentheil, ſein über⸗ großes Selbſtbewußtſein, das an Stolz grenzte, belei⸗ digte mein Selbſtgefühl und ſchloß unbedingt jede An⸗ näherung meinerſeits aus. Ich habe überdies immer, das weißt Du, eine entſchiedene Abneigung gegen Alles, was Militär heißt, ſchon weil es mir immer nur ein Shmbol des Zwanges, der Knechtſchaft iſt, die mir in tiefſter Seele zuwider ſind. Selbſt geknechtet und meine Knechtſchaft verachtend und verwünſchend, konnte ich unmöglich den lieben, der durch ſeine Uniform bewies, daß er ſelbſt ein koſtümirter Knecht ſei. Darin unter⸗ ſchied ich mich nun einmal von der Mehrzahl der Frauen, die dasdoppelte Tuch gleich berückt und berauſcht.

Nein, ich liebte ihn nicht! aber ſo oft er mit mir ſprach, elektriſirte er mich. Ich liebte ihn nicht! aber ſo oft er mich anſchaute, ſchlug ich verſchämt die Augen nieder; ich liebte ihn nicht! aber Aerger und Verdruß verurſachte es mir, wenn ich ſah, wie er ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit und Zärtlichkeit an Delphinen verſchwendete. Das Alles machte mich unruhig, ja unglücklich.

Ja, noch nie habe ich ſo viel gelitten, weil mein weiches Gemüth noch nie ein ſo empfindliches Gefühl befallen hatte; verſtimmt, gereizt, die Augen voll Thränen, die Bruſt zuſammengeſchnürt, die Stimme in Thränen

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