Heft 
(1861) 8 08
Seite
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228 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ſchon oft geſagt, liebes Klärchen, eine Künſtlerin bin ich nicht; nicht mein Geiſt iſt es, der bei mir ſchafft, ſondern nur das Gefühl. Ich war nicht im Stande, alle die Bande zu zerreißen, die die Knechtſchaft um mich geſchlungen, und ſo blieben mir die freien Regionen des Ideals fremd. Wie ein Vogel im Käfig ließ ich den Kopf hängen, und vergaß meinen Geſang. Im Uebrigen hatte man auch meine Leiſtungen in meinen eigenen Augen dadurch entehrt, daß man ſich ihrer bediente, um mich noch mehr fühlen zu laſſen, daß ich nicht frei ſei. Wie kalt und leer klangen die Töne des Klaviers, wenn es nach dem Wunſche jedes beliebigen Anweſenden lachen oder weinen mußte! Konnte es da der Dolmetſch meiner Seele ſein? Und jener Pinſel, der faſt immer einer frem⸗ den Laune dienſtbar war, konnte er in meiner Hand die Ideen wiedergeben, die ein Gott in mir weckte!

Nur ein Troſt, nur eine Hoffnung war mir ge⸗ blieben in meiner troſtloſen Einſamkeit und Knechtſchaft: der ſüße Traum, geliebt zu werden, in welchem mich nichts ſtörte. Keine ſchimpfliche oder nur täppiſche De⸗ müthigung kränkte oder verletzte mich, ſie ließ mich ſo recht die Unvollkommenheit der Menſchen fühlen und bewirkte, daß ich mich über alle erhaben dünkte. Bald war ich ſtolz, bald erboßt und verzweifelt ob der Kälte, womit man mich behandelte, um die Empfänglichkeit meines Herzens zu knicken. Mitunter ſchätzte ich mich glücklich, arm zu ſein; denn gerade die Armuth hatte mich gegen die Niederträchtigkeit und den Egoismus ſtets geſchützt. Ein andermal war ich wieder ſehr niederge⸗ ſchlagen, und ſo wechſelte die Stimmung ſehr oft.

Wie ſehr auch die Jugend ihre Geheimniſſe be⸗ wahrt, etwas entſchlüpft ihr doch immer. Nur das reifere Alter und der Greis können die empfangenen Eindrücke bemeiſtern. Ein Wölkchen auf meiner Stirn, ein plötz⸗ liches Erröthen, eine fieberhafte Aufregung, gefolgt von einer außerordentlichen Abſpannung, Ausgelaſſenheit und Melancholie: alles das ſpiegelte ſich ab in meiner Toi⸗ lette, und das reichte für Delphine hin, vor Allem aber für ihre Eltern, die mich nun einmal wie eine Feindin ſtreng überwachten.

Dazu geſellte ſich bald noch inſtinktmäßige Eifer⸗ ſucht. Von Nah und Fern lockte der Ruf von dem Reich⸗ thum und der Grazie Delphinens zahlreiche Bewer⸗ ber herbei, aber die Meiſten hatten an der erſten Zu⸗ ſammenkunft mit ihr mehr als genug. Die Einen, die das mehr Bäueriſche des Provinziallebens noch bewahrt, ſchraken zurück vor den Aenderungen, die eine ſo luxuriös lebende Gattin in all ihre Gewohnheiten und Gepflogen⸗ heiten bringen würde; ja ſie ſahen in der geiſtigen Ueber⸗ legenheit und in den feinen Manieren Delphinens eine Anklage gegen ihre natürliche Derbheit und gegen einen Materialismus, deſſen Freuden ihnen ſo lieb und werth waren. Die Andern, die ſogenannten feinen Herren, fühlten ſich nur wenig hingezogen zu der langen, einem ausgefaſerten Froſch ähnlichen Geſtalt; überzeugt, daß ihre Verehrung für ſie nie ſo groß ſein würde, als ihr Vermögen und ihre äußere Stellung verdiente, zogen ſie ſich zurück, weil ſie dies für Gewiſſensſache hielten. Beide aber konnten es nicht unterlaſſen, ſie mit ihrer Gouver⸗

nante zu vergleichen. Und es dauerte nicht lange, ſo mußte Herr und Frau Savenayes erleben, daß man ſagte:Ja, die Millionen der Einen und die Figur der Andern das ließe man ſich gefallen!

So ſchlug allmälig die Animoſität gegen mich in hellen Flammen auf, die bis dahin in den Herzen nur als Funken fortglimmte. Ich ward der Gegenſtand der gehäſſigſten Späherei. Du haſt keinen Begriff davon, liebes Klärchen, wie geiſtreich und erfinderiſch einige Frauen ſind, wenn ſie ſich mit einander verſchwören, einer andern Leid und Schmerz zu bereiten. Sie wiſſen mit feinem Takt die verwundbarſten Stellen herauszufinden, und die Wunden, die ſie ſchlagen, ſind um ſo gefährlicher und tiefer, je geſuchter und feiner die gebrauchte Waffe.

So hatte ich bei meiner Empfindlichkeit nie Raſt, nie Ruhe; kaum hatte ich eine Attaque ausgehalten, ſo ſann man wieder auf eine zweite. Jeden Augenblick wechſelte man die Waffen; ein ſchiefer Blick, ein Verzie⸗ hen des Mundes, eine Bewegung, wenn ſie auch nur ein Haar von Prätenſion oder Selbſtbewußtſein zu ent⸗

halten ſchienen, und waren ſie noch ſo unſchuldig, reichte

hin. Gleich ſtellte man ſich drob verletzt, ein verachtungs⸗

voller Blick, ein ironiſches Prädikat, welches ſtets auf meine Herkunft und Stellung anſpielte, waren ſofort die

Strafen, die man über mich verhängte. So eine elende Gouvernante, hieß es, die nur dazu auf der Welt iſt, um mit Wiſſenſchaften ausgeſtopft zu werden, ſo ein Satellit, der nur die Beſtimmung hat, von dem glänzenden Geſtirn

verdunkelt zu werden, ſo ein Mädchen ohne Vermögen,

ohne Zukunft, will noch mitunter ſchön ſein, Geiſt haben und ſich beſſer beurtheilen können, als irgend ein Mann. Pfuil das iſt doch keck, abſcheulich, lächerlich und unſittlich!

Und doch hatten dergleichen ungerechte, grauſame Frauen eine ganz richtige Berechnung angeſtellt. Denn wohin mußten die ununterbrochen angezettelten Ver⸗ ſchwörungen, die ſteten Schikanen ꝛc. ſchließlich führen?

Zu Schmach und Schande oder zum Wahnſinn! Erſteres

trifft nun wohl ſelten ein Mädchen, welches bis zu ihrem zwanzigſten Jahre nur ſeine geiſtige Ausbildung im Auge gehabt. Aber mit dem Wahnſinn verhält ſich's etwas anders! Ach! mit Entſetzen fühlte ich ihn oft an mich ſelber herantreten. Mein ganzes Ich, all meine Wünſche, all meine Pläne hatten die faktiſchen Verhält⸗ niſſe zum Feinde. Das Ziel meiner Sehnſucht war: Freiheit im Leben und Fortſchritt! Aber wo und wie waren ſie zu erringen? Ich wußte es nicht; und wohin immer ich mich um Auskunft wandte, eine genügende

Antwort fand ich nicht.

Plötzlich ward mir in dieſer Beziehung ein Troſt geſchenkt; Jemand hielt um Delphinens Hand an. Es war ein Genieofficier, ein eleganter Fant, bei dem die äußere Erſcheinung den inneren Gehalt zu verbergen ſuchte; aber ſein Auftreten, das überall von feinem Takt und einem ſeltenen savoir vivre zeugte, verdeckte ſeine innere Leere jedem nicht geübten Auge. Delphinens Umgebung war ganz entzückt von den eleganten Ma⸗ nieren des jungen Officiers und dachte ſchon an nichts anderes als an eine würdige Ausſtattung, eine möglichſt glänzende Hochzeit und dergleichen mehr. Aber, ich weiß