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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
oder die Krankheit kommt, wie ſchon bemerkt, in ſel⸗ tenen Fällen durch Vertrocknen der bereits gebildeten Eiterhöhlen zum Stillſtande.
Die Urſachen der Lungenſchwindſucht ſind mannig⸗ facher Art, und, wie wir ſehen werden, oftmals ſo tief im menſchlichen Organismus begründet, daß nur eine ununterbrochene Aufmerkſamkeit auf jede eintretende Störung des körperlichen Wohlbefindens und die ängſt⸗
lichſte Sorgfalt für die Aufrechthaltung aller normalen
Funktionen den Ausbruch dieſer ſchrecklichen Krankheit aufzuhalten im Stande iſt.
Vor allem muß erwähnt werden, daß die Krank⸗ heit in den meiſten Fällen auf einer angeborenen und vererbten, oder von den früheſten Lebensjahren her erworbenen Anlage beruht. Bei keiner Krankheit iſt die Mittheilung der Anlage durch Vererbung ſo groß, als hier; doch gehört dazu, daß beide Eltern oder wenigſtens eines von ihnen, das Uebel vor der Geburt des Kindes hatten. Es gibt daher ganze Familien, in welchen dieſes Leiden einheimiſch und niemals ganz auszurotten iſt.
Aber auch bei vollſtändiger Geſundheit der El⸗ tern kann die Anlage zur künftigen Lungenſchwindſucht unmittelbar nach der Geburt durch unzweckmäßige Be⸗ handlung der Neugeborenen ſehr leicht herbeigeführt werden, wenn, wie es leider ſo oft geſchieht, eine gründ⸗ liche und vollſtändige Entwickelung der Lungen verab⸗ ſäumt wird. Es iſt unbedingt für das ganze zukünftige Leben des Kindes von dem größten Einfluſſe, wenn die Lungen durch kräftiges Schreien und dadurch bedingtes tiefes Einathmen bis in die entfernteſten Theile aus⸗ gedehnt werden und demzufolge diejenige Elaſticität und Größe gewinnen, welche zur regelmäßigen Aus⸗ übung ihrer Funktionen durchaus nöthig iſt. Es muß daher unverbrüchliche Regel bleiben, die Neugeborenen, ſobald ſie nicht von ſelbſt durch kräftiges Schreien ein tiefes und gründliches Einathmen hervorbringen, durch Beſpritzen mit kaltem Waſſer dazu anzuregen. Wird dieſe Maßregel nicht ſogleich nach der Geburt in An⸗ wendung gebracht, oder wohl gar ganz außer Acht ge⸗ laſſen, ſo iſt der Grund zu künftiger Engbrüſtigkeit und lebenslänglichem Siechthum gelegt.
Iſt die Anlage zur Schwindſucht einmal im Körper eines Menſchen vorhanden und begründet, ſo bedarf es meiſt nur ſehr geringer Urſachen, um ſie zum Aus⸗ bruche und unaufhaltſamen Fortſchritte anzuregen. Vor⸗ züglich ſind es die ſo häufig vorkommenden und doch ſo wenig beachteten, ja ſogar gröblich vernachläſſigten leichten Erkältungen, welche die unmittelbare Urſache zum künftigen ſchmerzvollen Tode manches Menſchen ſind, der vielleicht ohne ſie die Zahl ſeiner Jahre auf das Doppelte gebracht haben würde.
Jeder betrachte eine ſogenannte leichte Erkältung als einen Gifthauch, der von ſeiner dereinſtigen Grab⸗ ſtätte zu ihm hexüberweht und ihn in nähere Berührung mit derſelben beitgt; er betrachte ſie wie ein Mahl, das der Tod mit furchtbarem Finger ihm aufdrückte, und womit er ihn gleichſam vorläufig bezeichnen wollte,
während er vorüberſtreifte, um an einem ſeiner Gewalt
ſchon gänzlich verfallenen Schlachtopfer ſein Amt zu verrichten.
Beſonders Diejenigen mögen das Geſagte beher⸗ zigen, welche ſich irgend eines Fehlers oder einer Schwäche ihrer Konſtitution bewußt ſind und mit ſchlimmen Wahr⸗ zeichen: einem langen Halſe, einer engen, platten Bruſt, hochrother Geſichtsfarbe, einer auffallenden Abhängigkeit von den Luftveränderungen ꝛc. behaftet ſind, oder mit kurzen Worten: Alle, bei denen Symptome von aſthma⸗ tiſchem oder ſchwindſüchtigem Charakter zum Vorſchein kommen, wenn ſie ſich verleiten laſſen ſollten, eine leichte Erkältung oder einen gelinden Katarrh zu vernachläſſi⸗ gen und dieſe Vernachläſſigung für etwas Geringes zu achten.
Ein bewährter Arzt des vorigen Jahrhunderts nennt die Erkältung„den Urſprung und gleichſam den Keim faſt aller unſerer Krankheiten“, und der berühmte Arzt Tiſſot ſagt mit Recht, daß auf dieſe Weiſe mehr Menſchen am Katarrh ſterben, als an der Peſt. Es iſt wirklich erwieſen, daß an vernachläſſigtem Schnupfen und Huſten, alſo an Krankheiten, die an und für ſich und bei gehöriger Abwartung durchaus keine Gefahr mit ſich bringen, die meiſten Menſchen unaufhaltſam zu Grunde gehen.
Merkwürdig und zugleich charakteriſtiſch iſt es für die Schwindſuchtkranken, daß ſie faſt Alle, trotz ihres gewöhnlich reizbaren und ſanguiniſchen Temperaments, dennoch die größte Gleichgiltigkeit und Unbeſorgtheit über den eigenen Geſundheitszuſtand, vorzüglich was die Lunge betrifft, an den Tag legen. Gewöhnlich über⸗ ſehen ſie bei den Berichten und Erzählungen über ihren Geſundheitszuſtand, dem Arzte gegenüber, die Lungen⸗ beſchwerden ganz, oder übergehen ſie auch wohl abſicht⸗ lich, indem ſie ihre Krankheit in der Regel auf einen andern Theil, beſonders den Unterleib, übertragen. Sie bilden in dieſer Hinſicht den direkten Gegenſatz zu den Hypochondriſten.
Außer der ſchon angeborenen, oder ſofort nach der Geburt erworbenen Anlage wirken auch noch andere Umſtände in ſpäteren Lebensjahren auf den Ausbruch dieſer Krankheit hin. Beſonders übt hierbei das Klima
oder die Luftbeſchaffenheit der Wohnung einen großen Einfluß aus. Das Leben in verdorbener, feuchter, ein⸗ geſchloſſener und beſonders durch thieriſche Stoffe ver⸗ peſteter Luft disponirt am meiſten zum Ausbruche der Lungenſucht, wie dies am deutlichſten die Häufigkeit des Uebels in großen volkreichen Städten zeigt. Auch iſt ein feuchtes nördliches Klima der Entwickelung dieſer Krankheit günſtiger, als ein mehr ſüdliches, denn es iſt eine entſchiedene Thatſache, daß die nördlichen Gegenden die Lungenkrankheiten, die ſüdlichen mehr die Leber⸗ und Unterleibskrankheiten begünſtigen.
Die Lebensart und Beſchäftigung der Menſchen hat bisweilen an der Erzeugung und Ausbildung des Krankheitsſtoffes nicht wenig Antheil; beſonders iſt dies bei einer ſitzenden Lebensart, oder bei Beſchäftigung mit ſchädlichen, die Athmungswerkzeuge angreifenden, Sub⸗ ſtanzen der Fall. Daher kommt es, daß z. B. Schulleh⸗
rer, Maurer, Steinhauer, Bergleute, Schleifer, Nähterin⸗


