Heft 
(1861) 7 07
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2⁰06 gehen, oder, um einen techniſchen und bezeichnenden Aus⸗ druck zu benutzen,verſimpeln, wenn er die Politik, den Kampf der Parteien, die geiſtige Aufregung nicht hätte.

Seine Stellung iſt übrigens eine mächtigere, als

die philiſterhafte Meinung der Menſchheit einräumen

will. Die Preſſe iſt ein Staat im Staate, eine Macht in der Macht, und wohl gehört es zu den größten Kunſt⸗ ſtücken kluger, einſichtsvoller Staatsmänner, ſich dieſe Macht zur Bundesgenoſſin zu erringen. Dieſe Kunſt be⸗ ſitzt unſer liebenswürdiger Nachbar jenſeits der Kehler Rheinbrücke in ausgedehntem Grade, und der Erfolg beweiſt ja, ob er richtig kalkulirte.

Das Publikum, beſonders das Handel und Ge⸗ werbe treibende, kennt übrigens dieſe Macht auch recht gut, wie hätten ſonſt die Goldbergerſſchen Rheumatis⸗ musketten, das Bullrich⸗Salz, die Revalenta arabica, der Apfelwein und das Hoff ſche Malzextrakt ſo immenſe Summen einbringen können. Die Gewerbetreibenden haben einfach nachgemacht, was ihnen die Buchhändler ſeit Langem vormachten.

Der Büchertiſch des Redaktionsbureau's iſt das ganze Jahr hindurch mit zum Theil koſtbaren literariſchen Spenden bedeckt, zur Weihnachtszeit aber füllt ſich auch die häusliche Wirthſchaft des Redakteurs.

Der geneigte Leſer weiß, daß die Preſſe es liebt, bei beſonders guten Anläſſen, und als beſte iſt doch die liebe ſchöne Weihnachtszeit zu betrachten, die Verkaufs⸗ anſtalten der Stadt einer Beſichtigung zu unterwerfen und die ſtattlichen Firmen mit ihren eleganten Lokalen die Revue paſſiren zu laſſen. Alle die Firmen ſowohl, die im Voraus wiſſen, daß ſie in dem Parademarſch mitwirken werden, wie auch diejenigen, ſo da gern in dieſem Schauſpiel eine Rolle übernehmen möchten, beob⸗ achten der Redaktion gegenüber eineSchicklichkeit, die nicht lobend genug anerkannt werden kann. Der Schreib⸗ tiſch und das Arbeitszimmer des Redakteurs, der Putz⸗ und Nippestiſch, ſo wie die Küche der Redaktrice füllen ſich mit allerhand Schönem und Gutem. Und Zahlung dafür wird eben in derWeihnachtswanderung voll⸗ ſtändig geleiſtet.

Spekulative Redaktoren und ſolche, denen es um Hebung von Handel und Gewerbe beſonders zu thun iſt, halten eine Parade im Jahr zweimal ab: ſie ver⸗ anſtalten nämlich, unter gleichen Umſtänden und Bedin⸗ gungen wie zur Weihnachtszeit, noch eine Johannis⸗ verſur. Was von künſtleriſchen Notabilitäten, Virtuoſen und ſchauſpieleriſchen Gäſten nach der Stadt kommt, macht im eigenen Intereſſe natürlich dem Redakteur den erſten Beſuch, damit eine vorläufige Ankündigung im Feuilleton oder Lokalen, vielleicht gar mit Hinweiſung auf frühere Leiſtungen des Künſtlers, welche dem Re⸗ dakteur bekannt ſind, das Publikum im Voraus neu⸗ gierig mache.

Doch nicht nur Künſtler ſteigen die Gradus ad Redactorem hinan, ſondern auch Künſtlerinnen.

Mit bauſchigen, rauſchenden Gewändern angethan und ſtrotzend in koſtbarem Putz und ſonſtigen Zierathen, erſcheint ein ſolches Meteor im erſten Bureau und fragt, klangvollen Organs, ob der Herr Doktor oder Redakteur

Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

zu ſprechen ſei. Manchmal wendet ſie ſich mit ihrer An⸗ rede auch direkt an einen der beiden Herren.

Darauf ſehen beide auf, der Korrektor mit dem Blick eines jungen Mannes, der noch ein großes Stück Leben vor ſich hat, der Sekretär mit den Augen des Kenners.

Der Korrektor beantwortet dann ſtets die Frage und weiſt auf die Thür zum Nebenzimmer, manchmal antworten beide Herren unisono, wenn nämlich irgend welche körperlichen Vorzüge der Dame auch dem Sekretär in die Augen ſtechen.

Die Dame klopft und verſchwindet auf das landes⸗ übliche Herein. Melancholiſch ſieht ihr der Korrektor nach, und ſchaut dann zur Decke empor, wahrſcheinlich der fernern Zeit denkend, wo auch er Redakteur en chef ſein und ſolche ſeltene Blumen in ſeinem Bureau empfan⸗ gen wird.

Der Sekretär aber, der ſchon lange Jahre im Zimmer auf demſelben Platz geſtanden, gearbeitet und manchen Beſuch hinein in das elegantere Zimmer ge⸗ wieſen hat, iſt kaltblütiger als ſein Kollege: er geht gleich an die Arbeit, hat er doch überhaupt ſchon über all die Provinzialkorreſpondenzen, durch deren Ertrag arme Schulmeiſterlein ihr karges Einkommen zu ver⸗ mehren ſuchen, die Hoffnung aufgegeben, je etwas an⸗ deres als ſeinen jetzigen Sekretariatsſitz zu erreichen.

Kurz nachdem die Audienz drinnen beendigt iſt, kommt auch ein Zettelchen aus dem Hauptbureau, das direkt in die Druckerei geht, um noch in die heutige Num⸗ mer ſeinen Inhalt zu bringen. Es enthält die ſchon er⸗ wähnte vorläufige Anzeige, doch kann ich mich nicht ent⸗ halten zu berichten, daß der Wunſch um recht zahlreichen Beſuch, mit welchem dieſe kleinen Reklamen grundſätzlich ſchließen, um ſo wärmer zu ſein pflegt, je geſegneter mit körperlichen Vorzügen die Künſtlerin war.

An den Sonnabenden der Sommermonate möchte ein ſolcher Redakteur ſich tripliciren können. Da erſchei⸗ nen Inhaber von Vergnügungslokalen, Maitres de danse, die Italieniſche Nächte veranſtalten, Feuerwerker, die Mögliches und Unmögliches im Gebiete der Pyro⸗ technik zu leiſten verſprechen, Schwimmmeiſter, Gondel⸗ führer und wie die Leute alle heißen, welche für das Ver⸗ gnügen des Publikums ſorgen; und alle dieſe Leut⸗ chen ſtellen das kindlich naive Verlangen, daß ihnen ein beſonderer Artikel gewidmet werde. Der Redakteur, der in den meiſten Fällen ein gutmüthiger und gutherziger Mann iſt, verſpricht Alle zu befriedigen und kann es doch Wenigen nur halten.

Oft wird aber auch an ſeine Autorität appellirt, wenn durch irgend ein übelgeſinntes Geſchick das Inſerat zu einer Luſtbarkeit zu ſpät fertig geworden iſt, ſo daß der Komptoiriſt unten in der Expedition mit Achſelzucken bedauert, den Zeilen keinen Raum mehr gönnen zu kön⸗ nen, es ſei ſchon zu ſpät, die ganze Zeitung bereits zu⸗ ſammengeſtellt und in den Druck gegeben.

In einem Falle, der mir vorſchwebt, war der Mann, ſo die Inſerate annahm, ohnehin ein grober und mürri⸗ ſcher alter Herr, der ſtolz auf die Autorität ſeiner Würde war und das Publikum ſo recht weidlich nach Herzens⸗