Heft 
(1861) 7 07
Seite
204
Einzelbild herunterladen

204 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Uebrigens bin ich bereit, Ihnen von jetzt an in beſtimmten Perioden poetiſche Beiträge für Ihr Blatt zu ſenden.

Daß ich den Namen Herzlieb von der Roſenau unter meine Gedichte ſetze, werden Sie gewiß auch billigen. Rückert nannte ſich zuerſt, glaube ich, Frei⸗ mund und auch der große Richter iſt nur als Jean Paul bekannt. Auch ſcheint mein Name für einen Dichter nicht paſſend zu ſein.

Mit Ungeduld ſehe ich Ihrer, wie ich gewiß glaube, zuſtimmenden Antwort entgegen und zeichne ꝛc.

N. N. den und den.

Oskar Blaſius, Aktuar.

In dem Briefe nun lagen, von ſauberer Aktuarius⸗ handſchrift geſchrieben, zehn roſafarbene Blätter. Der kalte und nichtswürdige Dr. X. knitterte das zarte und weiche Papier zuſammen, ſteckte es in die Schlafrock⸗ taſche, zündete eine neue Cigarre an und verließ auf einige Minuten das Zimmer. Nach ſeiner Rückkunft erſt ging er an die Lektüre der anderen Briefe.

Da war wieder ein provinzieller Poet, deſſen Pro⸗ dukte das Schickſal des erſten hatten. Ein dritter Brief endlich war ein Mahnbrief. Nicht etwa von Schuſter, Schneider oder Handſchuhmacher, o nein, der Doktor iſt ein ordentlicher und pünktlicher Mann, der Mahn⸗ brief kommt auch von einem jener unſeligen Poeten, welche die Gaben ihrer lyriſchen Muſe vertrauensvoll in des Doktors Hände gelegt hatten, und der nun, wie alle ſeine Kollegen, noch jeder Antwort vergebens ent⸗ gegenſah. Nun wurde der Dr. F. böſe. Sofort riß er ein Blatt Papier hervor und warf mit wenigen Feder⸗ ſtrichen eine fulminante Antwort für den Briefkaſten ſeines Blattes darauf, in welcher er darauf hinwies, wie oft es ſchon ausgeſprochen worder ſei, daß keiner der unberufenen Einſender von Beiträgen einen An⸗

ſpruch auf Antwort habe, und daß jeder Einſender von

Gedichten gefälligſt Abſchrift nehmen möge, da man ſich auf's Remittiren nicht einlaſſen könne.

Dann ſchloß er die Thür und befahl ſeinem Bur⸗ ſchen, jeden Beſucher abzuweiſen, da er, der Doktor, arbeiten wolle.

Mit Macht wirft ſich nun der Redakteur den Muſen in die Arme, da zu morgen eine Einleitungs⸗ abhandlung für ſein Journal fertig ſein muß. Während der Zeit hat der Burſche draußen alle Hände voll zu thun. Denn der Doktor iſt nicht nur ein viel geplagter Mann, ſondern auch ein viel beſuchter, was im Grunde dasſelbe ſagen will. Alle, die da kamen, gingen auf die Weiſung des Burſchen ruhig fürbaß, ſelbſt vertrautere Freunde, die zwar nicht glaubten, daß der Doktor zu ſo früher Stunde(es iſt zehn Uhr) ſchon ausgegangen ſei, aber auf die ihnen zugeflüſterte Nachricht, daß der Herr arbeite, zartfühlend genug waren ihrer Wege zu gehen. Ein junger Mann nur, mit ſchwärmeri⸗ ſchen Zügen und einem alten fadenſcheinigen Frack, bewies eine unerſchütterliche Beharrlichkeit. Mit wei⸗ chem Stimmfall geſtand er dem verzweifelnden Diener,

daß er warten müſſe, ſo lange, bis der Herr Doktor

retournire. Und beſcheiden nimmt er auf der So

einer Mauerniſche Platz, die zufällig im Korridor an⸗ weſend iſt.

Der Herr Doktor kommen aber möglicher Weiſe erſt gegen Abend, meldet der Diener.

So werd ich bis zum Abend warten müſſen, ſagt der Mann mit dem ſchwarzen Frack reſignirt,ich bin darauf eingerichtet.

Mit den letzten Worten nimmt er aus einer der Fracktaſchen ein Stückchen Brod und beginnt ſein Frühſtück.

Der Burſche hat indeſſen ſeine beobachtende Stel⸗ lung bewahrt. Gar zu gern möchte er den ſchwarzen Frack los ſein, denn aus der Bruſttaſche ſchauen weiße Blätter verdächtig hervor, und er hat die Erfahrung ge⸗ macht, daß ſein Herr ſtets böſer Laune war, wenn er ſchwarzen Fracken mit weißen Blättern Audienz gegeben hatte. Durch Beharrlichkeit hofft der Knappe des jungen Mannes los zu werden.

Georg, Georgl' erklang jetzt eine Baßſtimme aus dem Innern des Zimmers.Der Herr Doktor ruft, ſpricht der Frack gleichmüthig zum Burſchen, der indeſſen ſchon auf dem Sprunge iſt, dem Rufe Folge zu leiſten.

Aus dem Innern tönt jetzt etwas, das wiekann man denn nirgends mehr Ruhe haben klingt; darauf öffnet ſich die Thür und der Frack wird unter der Be⸗ dingung eingelaſſen, daß ſein Aufenthalt nicht lange dauere, denn der Herr Doktor ſei im Begriff aus⸗ zugehen.

Es erfolgt nun eine jener Audienzen, denen ein Journal⸗Redakteur ſo vielfach ausgeſetzt und die in den Schlußvers des Spruches:

Genieße was dir Gott beſchieden, Entbehre gern was du nicht haſt.

Ein jeder Stand hat ſeinen Frieden. Ein jeder Stand hat ſeine Laſt.

gehören.

Der ſchwarze Frack iſt nämlich wieder ein ver⸗ kanntes Genie, und kann, wie alle ſeine Kollegen, das beati possidentes nicht auf ſich beziehen. Die weißen Blätter, die ſo verdächtig aus dem Frack ſchauten, ent⸗ halten diesmal ausnahmsweiſe keine Verſe, ſondern No⸗ vellen. Es ergeht ihm aber wie jenem Dichter, er kann keinen Verleger finden, obgleich nach ſeiner beſcheidenen Autormeinung durch Styl, Auffaſſung und Ausführung ſeiner Geſchichten Boccacio vollſtändig geſchlagen ſei.

Nun iſt der ſchwarze Frack auf den nicht unſchlauen Gedanken gekommen, dieſe Novellen dem Herrn Doktor widmend zu Füßen zu legen. Eine Ovation dürfte aber wohl einer Aufmerkſamkeit werth ſein, weßhalb wohl auch der Herr Doktor die Freundlichkeit haben würde, für einen guten und gleich zahlenden Verleger zu ſorgen. Einem ſo geachteten Namen könne das ja nicht ſchwer werden.

Der Redakteur hat, um ſein Vorhaben recht wahr⸗ und augenſcheinlich zu machen, mittlerweile nach Hut und Stock gegriffen, er erſucht nun, ihm das Manuſkript behufs nöthiger Durchſicht anzuvertrauen und ihm ge⸗ fälligſt auch die betreffende Adreſſe zu hinterlaſſen, um zu geeigneter Zeit ſchleunigſte Mittheilung machen zu

88