Heft 
(1861) 7 07
Seite
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202 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Throne des Höchſten, wo er ein Fürſprecher werden ſoll der Bedrängten und Verfolgten, ſein Gedächtniß ein neues Band des Glaubens für die Völker der katholi⸗ ſchen Kirche und ihre Zukunft.

Die Richtung des 15. Jahrhunderts, wo in ver⸗ ſchiedenen europäiſchen Ländern ſtaatskluge und kräftige Fürſten ſich, bei ihrem Kampfe mit den mächtigen Prä laten und Baronen, auf die blühenden Städte und überhaupt auf die zahlreicheren untern Schichten des Volkes ſtützten, eine Richtung, die eben in den ſich ver⸗ ändernden geſellſchaftlichen Verhältniſſen ihren Grund hatte, trieb ſchon im 14. Jahrhunderte ihre Keime und Karl IV. dürfte in einer ſpäteren Zeit ein entſchiedener Vertreter derſelben geworden ſein. Auch Wenceslaus hatte einen Zug dahin, hat ſich ſeine Regierung hindurch mit den Bürgern noch am beſten vertragen, und war bei den unteren Ständen, aus denen er ſeine vertraute⸗ ſten Umgebungen wählte und deren Sprache und Sitte ihm behagten, nicht unbeliebt. Mit dem Klerus dagegen war er von früh an im Streit. Sein ſkeptiſcher Sinn mochte Glauben und Chrfurcht in ihm erſtickt haben. Der Verkehr mit England, den ſeit 1382 die Vermä⸗ lung ſeiner Schweſter Anna mit dem Könige Richard II. vermittelte, brachte wiklefitiſche Schriften und Meinun⸗ gen in das Land, deren Verbreitung Wenzel nicht hin⸗ derte, ohne zu ahnen, welch bittere Früchte dereinſt für Böhmen und Deutſchland daraus erwachſen ſollten. Die ſittlichen Mahnungen geiſtlicher Prediger fand er läſtig und benützte gern die Gelegenheit, die ihm der ſittenloſe Wandel vieler damaliger Kleriker bot, das Mißverhält⸗ niß zwiſchen ihrem Leben und ihren Lehren bloßzuſtellen. So durchſuchte er Nachts die Häuſer der Stadt, in denen ſittenloſe Gewerbe getrieben wurden, und wenn er Geiſt⸗ liche darin fand, ließ er ſie mit den Buhldirnen an den Pranger dem Pöbel zum Spott ſtellen. Als die Huldi⸗ gung des Königs in Breslau von dem Klerus behindert ward, weil die Stadt, wegen eines unerheblichen, rein weltlichen Streithandels, von dem Domkapitel mit dem Interdikte belegt worden war, ließ er die Häuſer und Güter des Doms und anderer kirchlicher Stiftungen plündern, und ſah zu, wie ſeine Böhmen einen geiſtlichen Spottaufzug auf dem Markte hielten(1381).

Eben ſo verfuhr er in Prag gegen die Güter des Erzbiſchofs, Johann von Jenſtein, mit dem er über⸗ haupt in heftigen Streit kam. Derſelbe war früher, als Biſchof von Meißen, ein lebensluſtiger Geſelle geweſen, der ſich des Weidwerkes und der Tourniere freute und durch weltmänniſche Sitten und elegante Bildung glänzte. Wenzel hielt ihn auch Anfangs ſo werth, daß er ihn zum Kanzler ernannte und zu ſeinem Beichtvater erkor. Als aber der gleichfalls überaus lebensluſtige Erzbiſchof Ludwig von Magdeburg zu Calbe, nach einer munter durchtanzten Nacht, vor einem ausgebrochenen Feuer flüchtend, den Hals gebrochen hatte, ergriff das Schickſal des alten Kumpans den Prager Erzbiſchof mit warnen⸗ dem Schrecken. Er ging in ſich und verbrachte ſein wei⸗ teres Leben in allen Bußen und Selbſtpeinigungen der ſtrengſten Asketik. Nur unter Mönchen lebend, trug er

ein härenes Gewand unter den Kleidern, ſchlief auf der

Erde, das Haupt auf die Bibel oder auf einen Stein gelehnt, geißelte ſich blutig, ſetzte ſich der ſtrengſten Kälte aus, wuſch Bettlern die Füße, ſpeiſte auf der Erde und bediente die Mönche. Sein Beichtvater durfte ihn für das leichteſte Vergehen bei den Haaren umherſchleifen, und er ſelbſt hielt dem Könige ungewohnte Strafpre⸗ digten, die dieſem keineswegs behagten.

Das möchte durch die Wahl eines anderen Beicht⸗ vaters auszugleichen geweſen ſein. Aber der König fand den Prälaten auch ſtarr und unbeugſam in Vertheidi⸗ gung der Rechte und Beſitzthümer der Kirche, und hätte ſich eben an dieſen gern erholt, um der Zerrüttung ſei⸗ ner Finanzen abzuhelfen. Schon hatte er dem Adel, zum Theil unter blutigen Hinrichtungen, die von frühe⸗ ren Königen verſchenkten Kammergüter wieder abge⸗ preßt. Jetzt wollte er auch die der Kirche verliehenen zurückfordern, fand aber bei dem Erzbiſchof entſchiede⸗ nen Widerſtand, und dasſelbe trat bei den Eingriffen des Königs in die geiſtliche Gerichtsbarkeit ein. Der Unterkämmerer Sigmund Huler, der zwei Geiſtliche am Leben beſtraft und zwei rückfällige getaufte Juden be⸗ ſchützt hatte, ward in den Bann gethan, dem König die Erhebung der Abtei Kladrau, deren Abt der neue könig⸗ liche Beichtvater geworden war, zu einem Bisthum ge⸗ weigert. Da ſchrieb der König dem Erzbiſchof einen heftigen Brief, worin er ihm mit Erſäufen drohte, wie⸗ derholte die Drohung bei perſönlichem Erſcheinen des Erzbiſchofs und folgte dieſem, der ſich unterweges ret⸗ tete, in das Kapitelhaus. Hier ließ der wüthende König den Dechanten, nachdem er ihm den Kopf mit dem De⸗ genknopf blutig geſchlagen, und vier Geiſtliche verhaften und auf die Folter ſpannen. Da auch dieſe Qualen den erzbiſchöflichen Vikar Johann von Pomuk und den Offi⸗ cial Nikolaus Puchnik nicht zu den Ausſagen brachten, die der König begehrte, ſoll er ſie eigenhändig mit einer Fackel gebrannt haben, und ließ er darauf, am 21. März 1393, den Johann von Pomuk, mit einem Knebel im Munde und gebundenen Händen und Füßen, nach Mit⸗ ternacht in die Moldau ſtürzen. Der Leichnam ward erſt am 6. Mai aufgefunden, hat nachmals ein präch⸗ tiges Grabmal zu Prag erhalten, und der Märtyrer ſelbſt ward in Böhmen hochgefeiert und 1729 vom Papſte heilig geſprochen. Die Legende läßt übrigens den Johann, welcher Welflin geheißen haben ſoll und 1320 zu Pomuk geboren war, hauptſächlich deßhalb ermordet werden, weil er ſich geweigert habe, das Beichtgeheimniß der Königin zu verrathen, und der Umſtand, daß gegen ihn allein ſo grauſam verfahren ward, ſcheint darauf zu deuten, daß der König einen Grund zum Haß gegen ihn hatte, der ihn allein traf. Indeß war es bei Wenzels Charakter leicht möglich, daß ſchon eine trotzige Aeuße⸗ rung des Verfolgten ihn zu der Unthat gereizt hat. Bereut ſcheint er dieſe zu haben. Denn er entließ den Puchnik und füllte ihm Taſchen und Stiefeln mit Gold, ließ ſpäter den Unterkämmerer Huler, der ihn haupt⸗ ſächlich angereizt haben ſoll, ſelbſt enthaupten, und ſuchte ſich auch, wiewohl ohne dauernden Erfolg, mit dem Erz⸗ biſchof auszuſöhnen.

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