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200 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ſchon früher gewendet, ſtand in den Vierzigern; er war das alter ego der jungen Witwe, die er ſtets mit ſeinen Rathſchlägen unterſtützte, ohne ſie mit ſeinen Verweiſen zu quälen, wofern nicht das gemeinſame Intereſſe es erheiſchte. Lucias Brief wird uns ſagen, was ſie von ihm wollte.
„Wenn ich Dir ſagte, mein lieber Moriz, daß ich an dem Gelingen der Sache, die mich hierherführte, verzweifle, was würdeſt Du da vermuthen? Daß der Landaufenthalt einen Theil meiner verführeriſchen Reize zerſtört? Das wäre doch eine zu gewagte Annahme, wie Du oft Dich zu ſolchen verleiten läßt, obwohl ich Dir im Allgemeinen nicht einen ſicheren ſcharfen Blick ab⸗ ſprechen kann und mag. Oder Du glaubſt vielleicht, daß René nach Charakter, Geiſt ꝛc. nicht zu mir paſſe? Noch weiter gefehlt, lieber Bruderl René würde in allen Salons der Welt als ein ausgezeichneter, höchſt liebenswürdiger Menſch hervorragen. Sein Tempera⸗ ment iſt lebhaft und munter, er iſt intelligent und, was gar nicht ſchaden kann, er benützt ſeine Intelligenz zur Mehrung ſeines Vermögens und Einfluſſes dadurch, daß er überall als Ehrenmann ſich kennzeichnet. Er ver⸗ diente ein Ideal von einem Weibe: Sein loyales, edles, feinfühlendes Herz, ſchon in der Provinz eine Selten⸗ heit, würde in Paris geradezu ein Phänomen ſein, wo, wie mir mein Doktor oft ſagte, Charakterloſigkeit eine endemiſche Krankheit iſt.
„Aber ich muß ſeine Empfindlichkeit loben, denn die iſt es gerade, die unſeren Plänen ſich entgegen ſtellte. Es war ſchon ſehr ſpät, zu ſpät, als die Gräfin von Bourgueville mich hierher berief. René war ernſtlich verliebt! Und in wen? Ach! Das iſt es, was mich tief kränkt! Sollteſt Du es glauben, lieber Moriz? In eine Gouvernante! Mein Gott ja! Sie iſt ſchön, talentvoll, geiſtvoll; aber eine Gouvernante! So eins von den für eine Mutter unentbehrlichen Meubels, die man jetzt von ſich ſtößt, dann wieder ruft, gerade ſo wie man einen Fußſchämel aus einer Ecke des Zimmers in die andere ſchiebt. Und dieſer Umſtand läßt den ſo poe⸗ tiſchen jungen Grafen ſehr proſaiſch erſcheinen, und er ſelbſt muß etwas Serviles an ſich haben, ſonſt könnte er unmöglich von einer dieſer niederen Kreaturen ſich berücken laſſen.
„Aber, nein! Ich weiß, was ihn bezaubert und verblendet hat; die großen, melancholiſchen Augen Loui⸗ ſens— ich ſage, die großen, weil' einmal ſo in unſeren Romanen Mode geworden.— In der That aber ſind es die kleinen Augen Louiſens und die ſchwarzen Augenbrauen, die ihn bezauberten! Ihr ſeid
freilich draußen kurioſe Menſchen; eine junge Dame ſchließlich nach der Krankheit noch hübſcher vor als
braucht nur ſchmachtende Augen und ſonſt einige liebens⸗ würdige Züge zu haben, und gleich ſucht ihr dahinter ein tiefes Geheimniß. Als ob es etwas monotoneres gäbe als Traurigkeit! Hat denn etwa ein faſt ewig um⸗ wölkter düſterer Himmel darum einen Reiz, weil er hie und da einmal auf Augenblicke ſich erheitert?! Es iſt rein unbegreiflich, wie auf einen geſunden Sinn ein me⸗ lancholiſches Geſicht einen Zauber ausüben kann, während ein feuerſprühendes Auge, ungetrübte Heiterkeit...
„Doch ich habe nicht die Feder genommen, um Dich mit dergleichen philoſophiſchen Beobachtungen zu traktiren. Ich möchte vielmehr gerne der armen Madame von Bourgueville, die über die Wahl ihres Soh⸗ nes untröſtlich iſt, einen Dienſt erweiſen, bei dem ich auch ſelbſt intereſſirt bin. Sie möchte gerne wiſſen, wel⸗ cher Art das Vorleben der Louiſe Meunier geweſen — das iſt nämlich der wenig ariſtokratiſche Name der obbenannten Braut— wiſſen möchte ſie, ob nicht in den Kreiſen, in denen ſie ſich als Gouvernante bis dahin be⸗ wegte, ſkandalöſe Gerüchte über ſie verbreitet ſind. Deine Verbindungen machen Dir' entſchieden leicht, dieſes Ge⸗ heimniß zu entdecken; Du haſt den nöthigen Scharfſinn dazu, und Nebenabſichten, am wenigſten unedle, wird Niemand in Paris dahinter ſuchen wollen, der Dich kennt. Louiſe hat ein Jahr in einem Kloſter zu Aix zugebracht; dann erhielt ſie eine Stelle bei Fräulein Delphine Savenay, deren Mutter nunmehr ſeit drei Vierteljahren ein Schloß in der Umgebung von Avranches bewohnt. Ich erinnere mich flüchtig, daß Du ſchon der Familie erwähnteſt; und Du wirſt Dich gewiß noch derſelben erinnern; daran zweifle ich keinen Au⸗ genblick.
„Lebe wohl, mein lieber Moriz; thue in der Sache, was in Deinen Kräften ſteht. Ich baue auf Deine Bruderliebe. Ganz die Deinige
Lucia von Saucour.
„P. S. Wenn mir die Heirat nicht gelingt; den Proceß werde ich ſchon einleiten, und die Gegner werden die Koſten des Vergleichs zu tragen haben!!“
V
Während dieſer Brief ſeinen Weg zurücklegte, er⸗ hielt Louiſe einen, der ihr die Rückkehr Klärchens meldete. Die Intelligenz des Arztes, ihres Onkels, die mütterliche Pflege ſeitens der Madame Tiercelin hatten gemeinſchaftlich die große Gefahr beſeitigt, die dem jungen Leben der Patientin drohte. Es war ſogar zu hoffen, daß ihre Schönheit nicht den geringſten Scha⸗ den gelitten. Ihre Züge waren faſt unverändert; keine Narbe entſtellte ihr Geſicht, nur war ihr ſonſt ſchnee⸗ weißer Teint etwas röthlich geworden. Jerome hatte übrigens keineswegs erwartet, daß ſie ihre ganze frühere jugendliche Friſche wieder erhalten werde. Darum war er nicht wenig erſtaunt; denn nachdem er mehr für die Erhaltung ihrer Schönheit, als für die ihres Lebens ge⸗ betet, fühlte er, daß er ſie doch auch geliebt hätte, wenn⸗ ſie häßlich geworden wäre. Ja, ihm kam Klärchen
früher. Und wie war die Stimmung des ganzen übrigen
Hauſes? Eine brillante! Alle gewannen ſie während ihrer Geneſung unendlich lieb; ihr freundliches Lächeln,
ihr Humor, ihre Leutſeligkeit— ihr todtgutes Herz be⸗ zauberte Alles was Leben hatte in ihrer Umgebung: Mann und Weib, Jung und Alt, Katzen und Hunde,
Pferde, Kühe, Kälber, Hühner: kurz Alles, Alles!
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Der Tag der Heirat war nicht mehr fern. Acht


