Heft 
(1861) 7 07
Seite
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198 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Aber, Onkel, rief Louiſe aus,dieſe Ihre Er⸗

zählung betrifft nicht blos den Geldpunkt, ſondern auch

den Ehrenpunkt. Sie hätten mich von dieſem traurigen Verhältniß in Kenntniß ſetzen ſollen; warum iſt das nicht längſt geſchehen? Madame, fügte ſie dann zur Gräfin gewendet hinzu,ich betrachte Ihren heutigen Antrag beim Onkel als nicht dageweſen. Sagen Sie Herrn René, daß ich ihn aller ſeiner Verbindlichkeiten gegen mich feierlichſt entbinde.

Ich werde nicht ermangeln, dies René mitzu⸗ theilen; er ſchätzt die Familienehre ſehr hoch; aber er liebt ſie ſo ſehr, daß er vielleicht doch keine Notiz von der Sache nehmen wird.

Für Louiſe waren vielleicht weniger dieſe Worte der Gräfin auffallend, als der Ton, in welchem ſie ge⸗ ſprochen wurden. Es war der Ton einer tiefgewurzelten Abneigung, der durch ſeine eigenthümliche Schneide durchaus verletzte.

Warum ſollte ſich der Graf aber auch abſchrecken laſſen? ſagte Meunier;was kümmert ihn das! Weil man ſagt, die Mutter adelt nicht...

Genug, mein Onkel, ſagte Louiſe heftig; Sie, Madame, brauchen weiter nichts zu fürchten; ich löſe das Verhältniß, wenn Ihr Sohn es nicht thut; ich gebe ihm ſein Wort zurück, wenn er es nicht zurück nimmt.

Als Madame von Bourgueville fort war, wandte ſich Louiſe zu Herrn Meunierz; ſie wünſchte zu wiſſen, wie hoch ſich die Schulden beliefen, die ihr unglücklicher Vater hinterlaſſen, und erfuhr ſo, daß nach den durch das Mobiliar und den in ſeinem kleinen Ge⸗ ſchäfte zurückgebliebenen Aktiva nur noch die geringfü⸗ gige Summe von 3000 Franks zu decken ſei.

Einer ſo kleinen Summe wegen hat mein Vater ſich das Leben genommen! Das hätten Sie mir durch⸗ aus nicht verſchweigen ſollen! Ol wie würde ich gear⸗ beitet haben, und noch arbeiten, um dieſe Ehrenſchuld zu decken!

Im erſten Augenblicke, wenn wir unſere theuerſten Hoffnungen vernichtet ſehen, hindert uns der Groll ge⸗ gen die Ungerechtigkeit des Schickſals unſer Unglück in ſeiner ganzen Größe zu erkennen. Wenn wir aber nach einer Weile ruhiger unſere Lage im Einzelnen betrach⸗ ten, ſo nähern wir uns immer mehr der Verzweiflung; der Blick in die Vergangenheit vergrößert unſer Unglück, und denken wir an die Zukunft ſo iſt auch dieſe nur eine düſtere. So war's auch bei Louiſe; ſie griff in ihr ganzes ſeitheriges Leben zurück; ſie führte ſich alle ſchon erduldeten und die noch zu erwartenden Leiden vor die Seele. Und gerade dieſes, weit entfernt, ſie zu brechen, verlieh ihr ſchließlich doppelte Kraft. Und ſo ſchrieb ſie denn an René:

Ihre Mutter wird Ihnen die Meldung machen, mein Freund, daß unſerer Verbindung etwas im Wege ſteht. Vielleicht wollen Sie dieſes Hinderniß beſeitigen, wie Sie ſchon die andern beſeitigten; aber hören Sie ja da auf, wo Ihr eigenſtes Intereſſe in's Mitleid ge⸗ zogen wird; Ihre Generoſität iſt zu bereit, Opfer zu bringen, die die meinige anzunehmen mir verbietet.

Uebrigens, wozu Sie täuſchen; ich bedauere es nicht, Ihnen etwas zu verdanken; ich wünſchte ſogar, ich ver⸗ dankte Ihnen Alles: Namen, Glück, Ehre, Ruhe! Ich liebe Sie zu ſehr, daß ich nicht alle Ihre Geſchenke lieb und werth halten ſollte.

Sie lieb und werth halten, das iſt zu wenig; ich wünſche mir Alles, was Ihnen gehört, das Dach, wel⸗ ches Sie ſchützt, die Mauern Ihrer Wohnung, die herr⸗ lichen Bäume Ihrer Domäne, kurz Alles, was Ihren Luxus bildet und worin Sie ſich gefallen. Ich würde von Allem gern meinen Theil nehmen, wie das Kind, das immer nach der Mutter koſten will. Was könnte es für mich auch koſtbareres geben, als etwas, was mich nur an Sie erinnert?

Ja! ich hätte gern von Ihrer Hand mein ganzes Lebensglück angenommen; aber Ihre Mutter! Ihre Mutter wird nie die meinige ſein. Selbſt an Ihrem Arme, an der Wiege Ihrer Kinder würde ich für ſie der Eindringling, die Fremde, die Intrigantin ſein.

Aber wenn auch, mein lieber Re, einzig Ihr und mein Wille zu entſcheiden hätte, ſo würde es, glaube ich, doch klug ſein, unſer Gelöbniß zu löſen. Ich werde mich von dieſer Ueberzeugung nie trennen. Ich bin in der Schule des Unglücks groß gewachſen und erzogen, und ich fühle, daß ich nie auf dieſe Weiſe glücklich ſein würde. Ich habe langſam und nach und nach in allen Stunden meines Lebens dulden gelernt. Ruhe und Freude ſind mir nachgerade fremd geworden. Aber ich beſitze die Gabe der Selbſtverläugnung nun dafür, die für ein ſo unglückliches Weſen ſo nöthig iſt wie die Luft.

Noch einmal, lieber Ren 6, nehmen Sie Ihr Wort zurück. Ich will nicht Ihre Gattin werden, weil ich Ihnen nur die Vortheile rauben kann, zu denen Sie Ihre ſociale Stellung berechtigt, und weil ich gewiſſen Vorurtheilen und Anſchauungen keinen Zwang anthun will, der zweifelsohne ſchließlich nur auf mich zurück⸗ fallen würde. Hören Sie gleichwohl nicht auf, mich zu lieben, ich beſchwöre Sie, und wenn dieſe hoffnungsloſe Liebe Sie peinigt, ſo bedenken Sie, daß das nicht lange dauern darf. Meine Abweſenheit ich drohe nicht mit meinem Tode wird Ihnen bald Frieden und Frei⸗ heit wieder geben.

Während René dieſen Brief las, ſteigerte ſich ſeine Liebe zum reinſten Enthuſiasmus. Je mehr Louiſe gedemüthigt, verlaſſen, verleumdet worden deſto in⸗ brünſtiger liebte er ſie. Sein Mitgefühl für ihr Unglück war größer als die Leidenſchaft, die ihre Schönheit, ihre Talente, ihre Anmuth hervorgerufen.

René verlangte alſo energiſch von ſeiner Mutter, ſie ſolle ſich von Neuem zu Herrn Meunier begeben und ihm ſagen, daß ſeine Abſichten unverändert geblie⸗ ben, und daß er nie und nimmer auf Louiſens Hand

verzichten werde. Ja er erklärte, die Schulden, die

Louiſens Vater noch hinterlaſſen, augenblicklich decken zu wollen. Und um ſeine zartfühlende Braut möglichſt zu ſchonen, erklärte er ferner, die betreffende Summe ohne Quittung und ohne irgend einen Anſpruch auf Erſatz oder Rückerſatz zu erlegen. Allein bei dieſem un⸗