Heft 
(1861) 7 07
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196 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

gewöhnlichen Skrupel hinaus; ſie ſah ſich ganz außer Stande, über ihre Gedanken und Gefühle irgend eine Kontrole zu führen. Bilder, zu denen ſie ſich früher nie fähig gehalten, ſtiegen in ihrer Einbildung auf; ſie ſah ſich auf dem Schoße Renés, die Arme um ſeinen Hals geſchlungen, den Kopf zurückgelehnt, als ſollte ſie einen Kuß bekommen; ſie ließ ihn in ihre ſchönen Augen ſchauen und ſagte zu ihm:Liebe mich, ſieh mich an, und zog ſo ſeine Blickr von der Nebenbuhlerin ab, die dieſer gefürchteten und demüthigenden Scene anwohnte.

Louiſe horchte aufmerkſam; tiefes Stillſchwei⸗ gen herrſchte; Meunier ſchlief ohne Zweifel; auch Veronika mußte ſchon im Bette liegen. Die Braut Renés nahm ihren Hut und einen kleinen Mantel und ſchlich leiſen Schrittes die Stiege hinunter, öffnete ſtill die Hausthür und ſchloß ſie dann eben ſo geräuſch⸗ los mit ihrem Schlüſſel hinter ſich zu. Sie ſchwankte nicht, ſie zitterte nicht! Weder die Einſamkeit, noch die Dunkelheit, die ſie zu umfangen begannen, erſchreckten ſie, und als ſie ſich auf dem Wege befand, auf dem ſie René zuletzt geſehen, war vollends jede Beſorgniß verſchwunden. Raſch eilte ſie vorwärts und war bald an ihrem Ziele. Was ſollte ſie nun thun? Bei Lucia ſo allein um dieſe Stunde erſcheinen, das ging nicht an.

In einiger Entfernung von demSchlößchen ſtand am Wege eine Kirche. Die offene mit Bänken verſehene Vorhalle bot allen müden Reiſenden eine Ruheſtätte. Louiſe trat ein und ſetzte ſich nieder. Mußte ſie hier nicht René bei ſeiner Rückkehr vorbei⸗ gehen ſehen? Dieſer Gedanke beruhigte ſie. Und dann erinnerte ſie ſich, einſt ſo fromm in dieſer kleinen Kirche gebetet zu haben, daß ſie das verlorene Gottvertrauen wieder fand. Auch jetzt betete ſie. So verging faſt eine ganze Stunde; und ſchon wanderten die Sternenheere langſam um den Mond herum. Louiſe ſchlürfte die Ruhe, Stille und Erhabenheit des Anblicks in vollen Zügen. Nach und nach gerieth ſie ſogar in Entzücken, und ſie wußte nicht mehr, ob die Freude oder der Schmerz ſie hierhin geführt.

Plötzlich hörte ſie Schritte; ſie beugte ſich, um zu ſehen, wer komme; er wars! Furcht, Angſt und eine unüberwindliche Scham befiel ſie alsbald; ſie ließ ſich auf die Bank, von der ſie ſich halb erhoben, wieder nieder, und wollte ſich ihm unſichtbar machen; René aber hatte einen Schatten ſich bewegen ſehen; er ſchaute nach der Stelle hin und erkannte Louiſe. Unſchlüſſig ſtand er einen Augenblick da und konnte ſich nicht er⸗ klären, wie ſie dahin kam; dann rief er mit einem Male aus:

Cheures, eiferſüchtiges Kind!

Dann unterhielten ſie ſich über dieſe Eiferſucht und ihre Veranlaſſung, und Ren é verſicherte mit einer Freimüthigkeit, die jeden Zweifel beſeitigte, daß ſein Verkehr mit Lucia, den die Gaſtfreundſchaft unver⸗ meidlich mache, keineswegs auf Liebe beruhe, und daß er ſie nie und nimmer zur Frau haben möchte.

Nunmehr gehe ich raſcher meines Weges weiter, weil mein Herz leichter iſt und ich freier aufathme. Ich muß dieſer mißlichen Lage ein Ende machen, die mir ſo

viel Herzenleid verurſacht. Morgen theile ich meinen Entſchluß der Mutter mit und dann muß ſie gleich zu Ihrem Onkel gehen. Haben wir dann einmal die Zu⸗ ſtimmung Beider, ſo mögen Sie immerhin den Tag, der uns vereinigen wird, beſtimmen.

Louiſe konnte nun nicht länger widerſtehen, ohne ſich undankbar zu zeigen gegenüber der Angelobung René's. Indeß machte ſie ihren Freund darauf auf⸗ merkſam, daß er vielleicht doch auf Schwierigkeiten ſtoßen könnte; ſie wies dabei nicht undeutlich hin auf die inti⸗ men Beziehungen Lucias zur Gräfin, die für ſie keinem Zweifel unterlägen, und ſetzte hinzu:

Bis jetzt wars mein Stolz, der Sie von einer Erklärung Ihrer Mutter gegenüber abhielt, und jetzt iſt's meine Liebe. Ach! René, ſie ſind eins unter ein⸗ ander und haſſen mich Beide, und ihre Loſung iſt: mein Verderben.

Was können ſie aber thun? ſagte Ren 6; meine Mutter wird mir einige Gegenvorſtellungen machen und dabei wirds bleiben.

Das weiß ich nicht, ſagte Louiſe;aber ich habe ſchon oft gegen Animoſität, Unglück und derglei⸗ chen zu kämpfen gehabt und immer war mein Los: eine Niederlage!

René gab ſich alle erdenkliche Mühe, mit be⸗ ſänftigenden Worten und allerlei Schmeicheleien ihr Vertrauen zu beleben. Wenn aber dann die Zärtlich⸗ keiten Louiſe daran erinnerten, daß ſie hier allein ſei, in der Nacht, mit ihrem Geliebten, dann erwachte die Scham in einem ſo furchtſamen Beben, daß es Ren förmlich wehe that. Er wollte ſie nicht länger in dieſer peinlichen Lage laſſen; er nahm ſie in ſeinen Arm, um ſie nach Hauſe zurückzubegleiten.

Als ſie vor Meuniers Hauſe angekommen, wollte Louiſe die Thür aufſchließen; aber von innen war ſie geſperrt. Ihre Wuth war eben ſo groß wie ihre Angſt; indeß zeigten beides nur ihre Blicke.

Alſo ſo bewacht Herr Meunier die jungen Damen? ſagte Rensé lachend.

Dieſen Streich hat der Onkel und Veronika mir geſpielt, erwiederte Louiſe, die die naive Auf⸗ faſſung und Aeußerung Ren s nicht theilte;das iſt einer ihrer gewöhnlichen ſchadenfrohen Streiche. Ach, wäre nur Klärchen zu Hauſe, ſo würde ich bei ihr einſprechen, und brauchte hier nicht erſt zu danken.

Wollen Sie mit zu meiner Mutter gehen? fiel René ein.

Nein, nein! Treten Sie etwas bei Seite, ich werde klingeln; ich bin überzeugt, daß ſie mich erwarten; der Onkel ſchläft vielleicht, aber Veroni ka gewiß nicht. Sie laſſen mich nicht vor dem Hauſe ſtehen, davon kön· nen Sie feſt überzeugt ſein; das iſt nur ein boshafter Streich, um mich zu ängſtigen.

Begeben Sie ſich unter, meinen Schutz, und jeder ſoll Sie ſo reſpektiren wie ich ſelbſt.

Ungeachtet dieſer Zuſicherungen blieb Louiſe unruhig, ja ſie ängſtigte ſich. Aber war es denn wirklich nur eine augenblickliche Verlegenheit, die ſie fühlte? Nein, es ſchien, daß Louiſe den Betheuerungen der

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