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168 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
von einer Rivalität. Indeß, um von einander Näheres zu erfahren, erkundigte man ſich gegenſeitig über das Leben, welches man führe ꝛc.
„Ohne die Geſellſchaft der Frau Gräfin,“ ſagte Louiſe zu Lucia gewandt,„würde ich Sie ſehr be⸗ dauern, Madame, man findet hier gar wenig Zer⸗ ſtreuung.“
„O,“ fiel Madame Bourgueville ein,„Ma⸗ dame Saucour iſt eine treffliche Amazone, und jeden Tag macht ſie mit René einen langen Spazierritt.“
Louiſe überlief bei dieſen Worten ein leiſer Schauer. Lucia wies das Kompliment von der Hand, welches man ihrer Reitkunſt machte, und führte als Grund an, daß ſie noch vor einigen Tagen geſtürzt ſei.
Sie hätte über einen Graben ſetzen wollen, über den kurz vor ihr René mit ſeinem Pferde hinweggeſetzt war. Allein der Satz ſei mißlungen, wahrſcheinlich weil ſie dem Pferde zur unrechten Zeit einen Stoß verſetzt, und ſie ſei mit demſelben in die Tiefe des Grabens ge⸗ ſtürzt. Sofort ſei René zu ihrer Hilfe herbeigeeilt, habe ſie mit Mühe und Noth aus einer Pfütze, in der ſie gelegen, herausgezogen, ſei in eine benachbarte Stroh⸗ hütte geeilt, mit Waſſer zurückgekehrt, habe dann ſein Battiſttaſchentuch zu kalten Umſchlägen benutzt, weil ſie
ſich an einem Fuße verletzt habe, und habe auf dieſe Weiſe es allmälig durch die liebevollſte Pflege dahin
gebracht, daß ſie zu Fuß habe zurückkehren können. Dieſes und das weitere Schickſal ihres Pferdes
u. ſ. w. erzählte ſie mit einer ſolchen Gewandtheit und Sicherheit, daß nicht der leiſeſte Zweifel an der Wahr⸗
heit ihres Berichtes Platz greifen konnte. Am Ende ihrer Erzählung hatte Madame Sau⸗ cour ihren Fuß auf den vor ihr ſtehenden Schämel
Fräulein zu fragen, ob es ein Reitkleid beſitze;
geſetzt, gleichſſam um an ihm und mit ihm den Beweis
zu liefern, daß ſie nicht aufſchneide. Sie trug ſo feine
Strümpfe und ſo hübſche ſchmale Schuhe von Gold⸗
leder, daß Louiſe bei ihrem Anblick ganz bezaubert war; ſie fing an, ſich einem närriſchen Angwohn hinzu⸗ geben.
Nachdem Lucia auf die beſagte Weiſe ihren
Knalleffekt zu Tage gefördert, ſchickte ſie ſich an, wegzu⸗ gehen.
„Werden Sie reiten?“ ſagte Madame Bour⸗ guevile zu Louiſe.
„Jawohl, Madame,“ antwortete ſie.
Straße in Staub hüllte. Wer war's? Sie und er waren es, die im blanken Galopp vorbeiritten. Louiſe hatte kaum Zeit, ſie zu erkennen; ſie glaubte indeſſen, René habe ihr einen Blick zugeworfen. Sie eilte hinauf in ihr Zimmer und konnte noch in weiter Ferne die Amazone und ihren Kavalier wahrnehmen; genau aber gewahrte ſie zu ihrer Verzweiflung nichts als das Wallen von Luciass Schleier.
So geht es überhaupt bei Liebenden; die Tage vergehen, aber gleichen ſich nicht. Welch' unendliche Mannigfaltigkeit weiß die Liebe auch in die monotonſte Exiſtenz zu bringen! Welchen Sturm birgt oft ein Blick! Welche Aufregung erzeugt oft ein Lächeln! Bald genügt ein Wort, dir den unſäglichſten Schmerz zu be⸗ reiten, bald reicht’s hin, dich in die höchſten Regionen des Glückes emporzutragen.
Vierzehn Tage nach dem Beſuche Lucias erſchien ein Bediente bei Louiſe.
„Würde das Fräulein geneigt ſein, einen Spazier⸗ ritt mit dem Herrn Grafen und der Madame Sau⸗ cour zu machen? In dieſem Falle bin ich beauftragt, um ein Uhr Nachmittag, falls dieſe Stunde konvenirt, Ihnen ein Pferd zu bringen.“
„Ich werde mich bereit halten; ſagen Sie René für ſeine Aufmerkſamkeit meinen beſten Dank.“
„Der Herr Graf hat mir auch aufgetragen, das wenn nicht, werde Madame von Bourgueville eins beſorgen.“
Ich habe, Gräfin.“
Louiſe nahm alſo aus dem großen Reiſekoffer, welcher ſchon über ein Jahr ihre Garten⸗, Bade⸗ und Ferienkleider beherbergte, ihr Reitkleid heraus. Als ſie dasſelbe mit ſeinen reichen Schleppfalten angelegt; als ſie um ihre ſchlanke Taille das Mieder zugeknöpft, deſſen langen Schöße über ihre wenig vorſpringenden Hüften reichten, da mußte Louiſe ſich ſagen, daß ſie, groß und ſchlank wie ſie war, in dieſem Anzuge eben ſo ele⸗ gant als würdevoll erſcheine. Dann nahm ſie ihren kaſtanienbraunen Strohhut mit doppelter Krämpe und einer langen ſchönen Feder und ſetzte ihn auf und zwar ſo tief, daß man von ihrer Stirn nur die glänzend
was ich brauche; ich danke der Frau
ſchwarzen Augenbrauen wahrnahm, die ihrem bleichen
„Das iſt doch wirklich um toll zu werden,“ dachte
die Gräfin bei ſich;„ſie kann alles, ſie weiß alles, ſie hat zu allem Möglichen Talent; und doch kann ich nicht
begreifen, wie René ihre Schwachheit erträgt, und ſich von zwei Pferden. René kam ſelbſt mit dem Bedienten,
nicht bei ihr langweilt.“
„Alſo, weil Sie auch Reiterin ſind, werden Sie
mit uns einen Spazierritt machen müſſen.“
Louiſe antwortete mit einer Bewegung des Kopfes, die weder Ja noch Nein bedeutete.
Tags darauf gegen vier Uhr, als das arme Kind in ſeine Stickerei vertieft war— denn ſeit der Ankunft Lucias hatte René ihr geſchrieben, und ſie einmal beſucht, aber nie ſie zu einem Rendez-vous im Park
eingeladen— ſah ſie, wie ſich vor ihren Augen die
Teint einen ſo ſeltenen Zauberreiz verliehen. Als ſie ſich dann zum erſten Male in dem ganzen Anzuge genau betrachtete, war ſie faſt ſelbſt über ihr reizendes Aus⸗ ſehen entzückt.
Zur beſtimmten Stunde hörte Louiſe die Tritte
der ihr das Pferd brachte. Veronika und Herr Meu⸗ nier betrachteten alle Vorbereitungen mit ſichtlichem Staunen. Meunier war ſehr verſtimmt, aber er nahm ſich vor, nächſtens Rache zu nehmen, obwohl er noch nicht wußte wie. Als Louiſe bereit war aufzuſteigeng ſagte ſie zu René:
„Warum geben Sie mir denn das größte Pferd; mir ſcheint, das würde beſſer für Sie paſſen.“
Das Pferd, welches ich reite, war die Urſache des
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