Heft 
(1861) 6 06
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Vorurtheile aufs ſtrengſte zur Geltung zu bringen. Ja weich und nachgiebig, wie ſie im gewöhnlichen Leben war, konnte ſie Niemanden leiden, der es wagte, die Vorurtheile der Welt anzugreifen und ihre Geſetze und Gebräuche auch nur im mindeſten zu verletzen. Selbſt unfehlbar und voller Verſtand, verband ſie mit der Strenge der römiſchen Matrone den Fanatismus eines Inquiſitors. Sie war bürgerlicher Abkunft, aber der Adelstitel, den ſie ſich erworben, indem ſie dem Grafen von Bourgueville ein bedeutendes Vermögen brachte, war ihr darum nicht weniger theuer und werth. Im Gegentheil, eine Meſaliance René's war für ſie doppelt demüthigend; erſtens, weil ihr Sohn ſeine na⸗ türlichen Vorrechte dadurch verlor, und zweitens, weil ſie vorausſah, daß er für ſeine Nachkommen dieſelben ſich nie werde wiedererwerben können. Ja ſie hielt es ſogar für eine unerhörte Keckheit, daß ein bürgerliches Mädchen wie Louiſe ſich erfrechte, ihren Sohn in die Netze ihrer Liebenswürdigkeit zu verſtricken. Sie ſann daher auf Mittel und Wege, wie ſie ihm ſeine Liebe zu Louiſe verleiden könnte. Dieſes Mittel glaubte ſie denn auch bald gefunden zu haben, und ſo begab ſie ſich einige Tage ſpäter zum Notar der benachbarten Burg, der die Beſorgunggaller ihrer Rechtsſachen über ſich hatte.

Das Erſcheinen der Gräfin war nichts Ungewöhn⸗ liches für unſern Mann des Geſetzes. Eine ganz natür⸗ liche Urſache hatte ſie ſchon oft zu ihm geführt. Ein Bruder des ſeligen Grafen von Bourgueville hatte ſeine Erbſchaft ungleich vertheilt. Den geringeren Theil hatte er ſeinem Neffen René vermacht, den bei weitem größeren aber einer jungen Nichte, der Tochter einer Schweſter, die ihm ſehr an's Herz gewachſen war. Schon waren fünf Jahre ſeit dem Tode des Erblaſſers ver⸗ floſſen, als zwiſchen den beiden Erben, oder vielmehr ihren Vertretern, ein Streit ausbrach, bei dem jeder ſich darauf berief, der Wortlaut des Teſtamentes ſei unklar. Um indeß jedem Proceſſe auszuweichen und alles aus⸗ zugleichen, ward der Vorſchlag gemacht, René ſollte ſeine junge Couſine heiraten. Aber die Gräfin Bour⸗ gueville hatte ſich, trotz der verführeriſchen Vortheile einer ſolchen Verbindung, dennoch geweigert darauf ein⸗ zugehen. Sie ſchützte dabei die Jugend ihres Sohnes vor, der erſt einundzwanzig Jahre alt, alſo erſt zwei Jahre älter ſei als die für ihn beſtimmte Braut.

Sechs Monate ſpäter gab's nichts mehr zu erwä⸗ gen und zu berathen; die Erbin war verheiratet. Zwei Jahre ſpäter wurde ſie Witwe. Während dieſer ganzen Zeit hatte der Proceß geſchlummert, weil beide Parteien ſich nicht darum kümmerten. Die Gräfin erſchien indeß öfter, um Neuigkeiten zu erfahren, und der Notar ant⸗ wortete ſtets dasſelbe:Da die liebenswürdige Madame Lucia de Saucour nun wieder frei ſei und René ihre Hand anbieten könne, ſo halte er dies immer für den beſten Ausweg.

An jenem Tage hielt die Gräfin den Notar bei den letzten Worten feſt: dieſe Verbindung ſei ja un⸗ möglich, weil René ſich doch nicht ſelbſt der Madame Saucour in Paris vorſtellen könne; und wenn ihm

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auch ihr Haus offen ſtände, ſo ſei darum doch nicht ge⸗ ſagt, daß er nicht abgewieſen würde mit ſeinem Antrage. Was Lucia betreffe, ſo werde dieſelbe ſchwerlich je Paris vertauſchen wollen mit demSchlößlein ſo nannte man nämlich den Herrſchaftsſitz der geborenen Grafen von Bourgueville, deren Repräſentantin die junge Witwe war da ſei alſo keine Ausſicht auf einen günſtigen Erfolg.

Der Notar merkte die geheimen Wünſche der Gräfin, und da ihm ein hübſcher Kontrakt in Ausſicht ſtand, erwachte ſein ganzer Eifer, und ſogleich zog er ſein Intriguantentalent, das er unter den verſchmitzten Bauern der Hochnormandie außerordentlich kultivirt hatte, zu Rathe.Ich werde, begann er nach kurzem Nachſinnen,an Herrn Dornet, Bruder der Madame Saucour und Exadvokaten am Kaſaationshofe, ſchrei⸗ ben, und durch ihn das Nöthige erkundigen laſſen.

Seien Sie des Erfolges gewiß, ſagte er wie⸗ derholt zur Gräfin.Worauf kommt's an? Nur darauf, Madame Saucour unter dem Vorwande, es ſei ein Proceß zu arrangiren, zu einem zeitweiligen Aufenthalte auf dem ,Schlößlein' zu bewegen. Iſt das erreicht, ſo wird's genügen, daß beide Theile ſich ſehen, um die Sache in einer erwünſchteren Weiſe als durch einen Vertrag zu ordnen, nämlich durch eine Heirat. Und welcher Frau würde es nicht ſchmeicheln, René zum Gatten zu haben? Welcher Mann könnte der reizenden Madame Lucia widerſtehen? Vor Ablauf eines ein⸗ zigen Tages wird ſie jene kleine Gouvecnante weit über⸗ ſtrahlen, die ihrerſeits ohne Zweifel begreifen wird, daß mit einer ſo noblen, bezaubernden Dame rivaliſiren zu wollen reiner Wahnwitz und Tollheit ſei.

Während er in dieſer Weiſe geſchickt deklamirte, ſagte er zu ſich ſelbſt:Der junge Graf müßte doch gar ein ſonderbarer Kauz ſein, wenn er ein ſo prächtiges Geld geſchäft von der Hand weiſen wollte, davon abge⸗ ſehen, daß Lucia in der That auch ſehr hübſch iſt.

Da die Gräfin ſich durch die Verſprechungen des Notars neu geſtärkt fühlte, und, wie ſchon geſagt, jede offene Oppoſition gegen ihren Sohn meiden wollte, beobachtete ſie ihn nicht mit Argusaugen, obgleich ſie ſich über keinen ſeiner Schritte täuſchte. Liebende aber wiſſen die Duldung ihres Verhältniſſes ſtets recht aus⸗ zunutzen; ſo war's auch bei René und Louiſe der Fall: ſie glaubten bald, ſchon ein Recht zu haben, ganz ſich ſelbſt zu leben. René genoß ſein Glück tagtäglich in der feſten Zuverſicht er werde ſtets der Herr ihres gemeinſchaftlichen Geſchickes bleiben. Louiſe aber, mit ihrem lüſternen Herzen und ihrer düſtern Phantaſie, weidete ſich an dieſem neuen Gefühle, in welchem ſie den idealen reinen Zauber erlaubter Liebe und geheim⸗ nißvoller Leidenſchaft fand.

Die Anweſenheit Klärchens hörte ſogar bald auf, an den Eindrücken ihrer Freundin etwas zu ändern, wie dies bis dahin der Fall, wo Klärchen ſtets ihre Einbildung abkühlte.

Klärchen ſtand übrigens in den Tagen ihrer Feuerprobe und des Kampfes; aber ſie fürchtete ſich nicht.

, e,g ſo SD