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154 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
„Nicht möglich?“ fragt der Renommiſt entrüſtet. „Ich ſelber bin jener Schwimmer und das Abenteuer paſſirte mir auf meinen frühern Reiſen.“
„Dann bitte ich tauſendmal um Verzeihung,“ entgegnet der Fremde,„ich hielt es nur nicht für mög⸗ lich, weil mir ſelber ein ähnliches, wenn auch ſtärkeres Abenteuer paſſirte, und dasſelbe bisher immer als einzig bezeichnet wurde. Ich bin dadurch ſo verwöhnt worden, daß ich ſehr leicht Aehnliches für unmöglich halte. Bitte, wie geſagt, tauſend Mal um Verzeihung.“
„O, bitte, bitte recht ſehr,“ meint der Renommiſt. „Wollten Sie nicht ſo freundlich ſein, zu erzählen?“
„O mit Vergnügen. Ich lebte in New⸗VYork in Geſchäften und unternahm mit einigen Freunden eine kleine Spazierfahrt in’'s Meer hinaus.
„Wir waren ſehr animirter Stimmung, trieben Poſſen und allerlei unnützes Zeug. Die Bootsleute warnten, wir hörten nicht. Meine Freunde haben ihren Uebermuth theuer bezahlen müſſen: Das Boot ſchlug um und alle mitſammt den Schiffern verſanken in der Tiefe. Ich klammerte mich verzweiflungsvoll am Boots⸗ rande an und hoffte, der ſonſt ſo lebhafte Verkehr würde ein Rettungsboot von ungefähr in meine Nähe bringen.
„Aber ich hoffte vergebens. Die Nacht ſank her⸗ nieder, eine Sturzwelle kam und entführte mich weit, weit weg. Da ſchwebte ich nun zwiſchen beiden Hemiſphä⸗ ren im feuchten Elemente. Leider hatte ich zu wenig Aſtronomie getrieben, um aus dem Stand der Sterne auf die Richtung zu ſchließen, die ich einſchlagen müßte.
„So ſchwamm ich nicht Tage, nein Wochen lang, mein verehrter Herr. Daß ich gerade die entgegengeſetzte Richtung eingeſchlagen hatte, merkte ich wohl, umkehren konnte ich aber nicht mehr, da, ſo viel ich mich erinnerte, die Gegend des Meeres, die ich ſo glücklich durchſchwom⸗ men, von Haifiſchen wimmeln ſollte.
„Oft kam ich in die Nähe von Schiffen, nie aber bemerkte man mich. Einmal ſchien es mir, als beſchäftige man ſich mit meiner Perſönlichkeit, vermuthlich hielt man mich aber für irgend ein Seeungeheuer, mit deſſen Fang man nicht den Cours aufhalten wollte. Möglich auch, daß ich die unſchuldige Urſache zu den Seeſchlan⸗ gengeſchichten geworden bin.
„Nach meiner nur oberflächlichen Berechnung war ich bereits über zwei Monate auf der feuchten Reiſe. Ich hatte mich an meine jetzige Lebensart übrigens ſo gewöhnt, daß ich ſelbſt während des Schwimmens ſchlafen konnte.
„Endlich ſah ich Land. Ich ſteuerte darauf hin und wo war ich wohl, meine Herren?(Es waren noch mehr Zuhörer hinzugetreten.) In Madeira. Ich trat an's Land und man wollte mich ſchon, weil ich keinen Paß hatte, desſelben Weges zurückweiſen, wenn nicht ein Bekannter von mir, der glücklicher Weiſe in Madeira wohnte, mich rekognoscirt hätte.“
Der Erzähler ſchwieg und that einen tiefen Zug aus ſeinem Glaſe.
„Aber, mein Herr, Ihre Erzählung ſcheint denn doch wirklich ſtark an's Unmögliche zu ſtreifen,“ ſagte der Re⸗ nommiſt.„Zwei Monate kann doch kein Menſch hungern.“
„Vor dem Hungertode rettete mich eine Ange⸗ wohnheit,“ ergänzte der Fremde.„Ich hatte mich näm⸗ lich gewöhnt, meine Cigarren ſtets mittelſt des Brenn⸗ glaſes anzuzünden und trug auch am Tage der Vaſſer⸗ partie glücklicher Weiſe das Brennglas bei mir.
„So wurden denn kleine Fiſche und Hummern gefangen und dieſe durch Anwendung des Glaſes ge⸗ braten. Salz lieferte das Meer und durch ein chemiſches Elixir, das ich ſtets bei mir trug, wurde auch das See⸗ waſſer immer trinkbar gemacht.
„Der Fiſchfang ſelber war um ſo leichter, als ich durch meinen fortgeſetzten Aufenthalt im Waſſer von den Fiſchen für eine befreundete Macht gehalten und kollegialiſch behandelt wurde.— Hiermit haben Sie, verehrte Herren, mein vollſtändiges Seeabenteuer.“
Der Renommiſt aber trank ſein Glas aus und entfernte ſich. Er war geſchlagen, beſiegt, auf immerdar.
War Cortes der Mörder ſeiner Frau?
er berühmte Eroberer Mexiko's ſteht in dem Lande, das er dem Kreuz und dem Banner von Kaſtilien und Leon unterworfen hat, in keinem ehrenvollen Andenken. Im Jahre 1823 wollte der Pöbel ſein Grab erbrechen und ſeine Aſche in alle vier Winde ſtreuen, aber Verehrer ſeines Namens vereitelten dieſe Niederträchtigkeit und ſchafften die irdiſchen Ueberreſte des großen Mannes an einen ſichern Ort. Die gebildeten Mexikaner tragen eine ge⸗ wiſſe Bewunderung ſeiner glänzenden Eigenſchaften zur Schau und glauben dadurch berechtigt zu ſein, von Grauſamkeiten und Verbrechen zu reden, die ſein Privat⸗ leben geſchändet hätten. Die Quelle dieſes Klatſches ſind Proceßakten, die im Archiv zu Mexiko liegen. Don Ignacio Lopez Rayon, ein mexikaniſcher Rechtsgelehrter, hat ſich das Verdienſt erworben, dieſe Akten herauszugeben. Seine Landsleute können ſich nun überzeugen, wie ſchwer ſie ſich an Cortes durch ihr Gerede verſündigt haben. Jener Proceß, der gegen Cortes ganz insgeheim geführt wurde, erſtreckte ſich über verſchiedene Anklagen. Cortes ſelbſt wurde ſo wenig verhört, als man Ent⸗ laſtungszeugen vernahm. Die Richter waren ſeine Feinde, und es kam ihnen blos darauf an, möglichſt viel Stoff zu einer Verurtheilung zu ſammeln. Sie be⸗ mühten ſich in dieſer Beziehung nach Kräften und ſahen ſich doch ſchließlich genöthigt, alle Anklagen fallen zu laſſen. Schon das iſt ein genügender Beweis ſeiner Un⸗ ſchuld. Am eifrigſten ſuchten dieſe Richter nach Beweiſen daß Cortes ſeine Frau ermordet habe, und auch dieſes Be⸗ mühen gaben ſie als vergeblich auf. Mit dieſer Anklage des Gattenmordes wollen wir uns hier beſchäftigen. Die Gattin des Eroberers hieß als Mädchen Ca⸗ talina Suarez. Sie ſtammte aus Granada in Spanien und war mit ihrer Familis nach Kuba gekommen. Gleich ihren drei Schweſtern eine blendende Schönheit, wurde ſie mit Cortes bekannt und verlobte ſich mit ihm. Daß ſeine Verbindung mit ihr ihm ſpäter leid geworden ſei, weil Catalina's niedrige Herkunft ſeinen ehrgeizigen
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