15⁵² Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
als einſt die ehr⸗ und tugendſame Gattin des Odyſſeus, Penelopeia, ein Graf aber muß es mindeſtens ſein, ein anderer erhält die Perle nicht.
Der Renommiſt von echtem Schrot und Korn iſt als ſolcher durchaus nicht auf den erſten Blick oder an ſeinen erſten Worten zu erkennen. Der gute Mann muß erſt Terrain haben für ſeine Wirkſamkeit. Nicht eher macht er ſich an einen Unbekannten, bis er ſeines Reuſſirens ſicher iſt. Dann aber iſt er auch groß.
Zu Hauſe in ſeinen vier Pfählen legt er keines⸗ wegs ſeine Eigenſchaft ab, ſo daß ſein Weib ſich ſehr oft genöthigt ſieht, den Kopf zu ſchütteln. Das Renom⸗ miren iſt ihm ſo zur zweiten Natur geworden, daß ſelbſt das Geſpons, welches die Verhältniſſe des Gatten doch gewißlich kennt, nicht ſicher iſt vor ſeinen großſprecheri⸗ ſchen Worten.
„Was meinſt Du, wenn wir unſern Karl die Diplomatenkarriere einſchlagen ließen?“
„Was iſt das für eine, lieber Mann?“
„Nun, ob wir ihn Geſandter, Legationsrath, Mi⸗ niſter werden laſſen ſollen.“
„Du ſcherzeſt wohl?“
„Nein, durchaus nicht. Unterricht im Lateiniſchen, Franzöſiſchen, Engliſchen und Griechiſchen ertheile ich ihm, die ſchönen Künſte brauchen dabei auch nicht ver⸗ nachläſſigt zu werden. Er mag dann das Abiturienten⸗ examen gleich in einer Univerſitätsſtadt machen, Jura und Kameralia ſtudiren und dann ſein diplomatiſches Examen abſolviren.“
„Aber das Geld, lieber Rudolph, wo erhalten wir das her?“
„Kleinigkeit. Durch Geldmangel muß ſich der rechte Mann nie von einem vorgeſteckten, ſchönen Ziele abbringen laſſen. Staatsunterſtützungen wirke ich ihm aus, wozu habe ich meine Verbindungen bis in die höchſten Kreiſe hinauf.“
Darauf ſchweigt die Frau. Sie kann gegen den Mann doch nichts ausrichten und weiß nebenbei recht gut, daß Karl doch nichts weiter als Kaufmann werden und bei ſeinem Onkel, der Firma Leberecht Stattlich in der kleinen Nachbarſtadt, lernen wird.
Es kommt Beſuch. Ein fremder junger Mann bringt unſerm Renommiſten einen Gruß von einem fernen Freunde. Herr Rudolph iſt ſehr erfreut.
„Ja,“ ſagt er,„was könnte Klette(ſo heißt der Freund) nicht jetzt ſein, wenn er meinem Rathe ge⸗ folgt wäre und die Verbindungen benutzt hätte, in welchen zu ſtehen ich die Ehre habe. Er hat ſich ſelber recht ſehr in Lichten geſtanden.— Liebe Amalia (ſo heißt wieder die Frau), ſage doch dem Johann, daß er von dem gelbgeſiegelten, er weiß ſchon im erſten Fach links, bringen ſoll.— Um wieder auf Klette zu kommen, ſo kann ich Ihnen verſichern, daß der damalige Miniſter bei mir anfragte, ob er ſich zum vortragenden Rath eigne. Ich empfahl meinen Freund, wie Sie denken können, ſehr warm, aber als das Patent ſchon zur Unterſchrift bereit lag, ſchreibt der Menſch einen Abſage⸗ brief. Und warum, aus reiner Bequemlichkeit, aus reiner Liebe zur Ruhe und Furcht vor einem Umzuge.“
„Verzeihen Sie, beſter Herr Rath,“ ſagt nun der junge Fremde,„wenn ich mir die Bemerkung erlaube, daß Herr Klette doch eher lebhaft als ruhig iſt. Auch ſcheinen mir ſeine pekuniären Verhältniſſe nicht der Art zu ſein, daß er eine ſo vortheilhafte Stelle im Mini⸗ ſterium ausſchlagen ſollte.“
„Wie geſagt, lieber Herr,“ entgegnet der Renommiſt, nebenbei noch durch den Rathstitel, da er nur Kanzlei⸗ direktor iſt, geſchmeichelt,„wie geſagt,'s iſt eine boden⸗ loſe Ruhe in Klette. Man muß ihn von früher Jugend kennen um das zu durchſchauen. Ich hätte mich ſeinet⸗ wegen auch faſt mit dem Miniſter überworfen. Meine Beziehungen zum Miniſterium, ja ſelbſt zum Kabinet, waren auf lange Zeit ſehr geſpannt, bis man von ſelber wieder mit mir anknüpfte und mir eine Ovation dar⸗ brachte, die manchen Menſchen vielleicht zum Glück⸗ lichſten aller Sterblichen gemacht hätte.“(Bei dieſen Worten zeigte Herr Rudolph nach einem Glasſpinde, woſelbſt der rothe Adlerorden dritter Klaſſe ausgeſtellt war. Beſaß der Renommiſt auch nicht einmal die vierte Klaſſe, ſo konnte ihm die Ordensausſtellung geſetzlich doch nicht verboten werden.)
Mittlerweile kommt Frau Amalia mit einer Flaſche, die roth geſiegelt iſt und keine Etiquette trägt.
„Ah, Johann war wohl nicht da,“ empfängt ſie der Gemal.„Das haſt Du gut gemacht, Du bringſt von dem vorzüglichen Rothgeſiegelten. Ja, mein ge⸗ ehrter junger Freund, das iſt ein Weinchen für Ken⸗ ner, daher die einfache Flaſche, daher der Mangel der Etiquette.“
Der Fremde trinkt ohne Kenner zu ſein, deßhalb glaubt er auch etwas Vaterländiſches an dem Land⸗ weine herauszuſchmecken.
„Ja, ja,“ beginnt der Renommiſt,„der echte deutſche Mann mag keine Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern,“ ſagt Goethe. Das iſt ein Götterge⸗ tränk, wie ihn nur Burgund erzeugen kann.“
Mit ſtummem Nicken ergibt ſich der Beſuch in ſein Schickſal. Zufällig fällt der Blick des jungen Mannes auf das einfache Bücherbrett, das an der Wand ſchwebt. Der Wirth bemerkt es und ſagt:„Es iſt traurig mit den Wohnungen in unſerer Stadt. Ich wohne in dieſem Quartier nun ſchon ein Jahr und zwar nur proviſoriſch, bis ich eine paſſende Wohnung gefunden habe. Meine Bibliothek ſteht in fünf großen Kiſten oben auf dem Boden, meine guten Möbel ſind in den Händen einiger Freunde, ſelbſt ein Sopha von Elfenbein und Panther⸗ fellen, das mir der amerikaniſche Konſul einſt ſchenkte, befindet ſich noch in Berlin, da ich es doch unmöglich hier in mein beſcheidenes Quartier bringen kann. Oſtern nächſten Jahres gedenke ich den penſionirten Oberſt X auszumiethen und kann mich erſt wieder wohl fühlen, wenn ich ſo eingerichtet ſein werde, wie ich es von frühern Jahren her gewöhnt bin.“
Der Fremde hört dann noch von verſchiedenen Projekten ſeines Wirths, der ſich bei Eiſenbahnbauten, Bergwerken, Seidenfabriken, betheiligen will. Als er ſich entfernt nimmt er das Bewußtſein mit, einen großen Mann kennen gelernt zu haben, der in ſeiner bef ei⸗
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