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146 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
mer im Bett; allein ſie that kein Auge zu und weinte in einem fort bis an den nächſten Morgen. Zorn und Schamgefühl ſtritten ſich jetzt wechſelſeitig in dem Herzen der ſtolzen Dirne, und ſie konnte es den Buchauern nie verzeihen, daß ſie ihr vor ihrer Abreiſe noch eine ſolche Schande angethan. Die Schande war aber auch wirk⸗ lich ſchon gar zu groß, wenn ſie ernſtlich darüber nach⸗ dachte. Sie wußte ja nur zu gut, daß es unmöglich ein Geheimniß bleiben könne, was in der heutigen Nacht im Oedhofe geſchehen. Im Gegentheil mußte man es am morgigen Tage ſchon in der ganzen Gegend wiſſen, daß der ſtolzen Oedbauerntochter Haberfeld getrieben worden; dadurch war ſie aber vor aller Welt gebrand⸗ markt und dem Gerede und Geſpöttel von Jung und Alt bloßgeſtellt. Sie durfte ſich ja für die Zukunft kaum mehr getrauen, aus dem Hauſe zu gehen, wenn ſie nicht gewärtigen wollte, daß ſie die Leute über die Achſel an⸗ ſehen, wo nicht gar mit höhniſchen Reden begrüßen würden; zum mindeſten war ihr Anſehen, darauf ſie ſich als„galante“ Bauerntochter ehedem doch ſo große Stücke einbilden durfte, durch dieſen einen Schlag für immer zu Grunde gerichtet, kein Menſch konnte fortan mehr Reſpekt vor ihr haben, und ein ordentliches Mäd⸗ chen durfte nicht einmal mehr umgehen mit ihr, wenn es nicht in Gefahr kommen wollte, ſelber für„ſo Eine“ gehalten zu werden und gleich der Roſi dem gefürch⸗ teten Sittengerichte anheimzufallen.
„Nur grad das Eine möcht ich wiſſen, wer mir das angethan hat?“ Dieſe Frage machte unſerer Roſi in dieſer peinlichen Nacht nicht wenig zu ſchaffen und ließ ſie auch keinen Augenblick einſchlafen. Sie hatte von der großen Schar Mannsleute, die vor ihrem Hofe verſammelt war, auch nicht einen einzigen erkennen mö⸗ gen; Einer ſah aus wie der Andere, lauter ſchwarze rußige Geſichter grinſten ihr damals entgegen, als ſie zitternd unter der Thür ſtand, und nicht einmal an der Geſtalt hatte ſich einer verrathen. Verdacht hegte Roſi wohl gegen manchen: voraus zweifelte ſie keinen Augen⸗ blick daran, daß der hintere Saugruber⸗Se ppei unter den Rädelsführern war, denn ſie wußte, daß ihr dieſer niemals hold geweſen; ſie hatte ihn ja oft genug durch ihr hoffärtiges Weſen beleidigt, und ſo etwas ver⸗ gißt ein Bauernburſche nicht ſo leicht, um ſo weniger, wenn er ein Recht darauf hat, ſich unter die Beſten und Angeſehenſten zu zählen. Aber auch ein anderer kam dem Mädel jetzt noch in den Sinn; ob nicht am Ende auf ſeinen Rath dieſe abſcheuliche Bosheit an ihr verübt worden? Die Roſi hätte ſchon viel gegeben für die Gewißheit, ob der Waſt von dem Haberfeldtreiben vorher wußte oder nicht. Grund hätte er freilich genug gehabt, ſich an der Roſi zu rächen für all' das Bittere, was ſie ihm ſeit langer Zeit zu koſten gegeben. Sie hatte ihm ſeine treue Liebe wahrlich ſchlecht gelohnt; ſie hatte ihm„das Maul gemacht“, wenn gerade kein Beſſerer da war, und im Grunde doch niemals eine ernſtliche Neigung für ihn gefühlt. Das war nicht edel von der Dirne, und gerade jetzt fühlte ſie es mehr als je, wie unſchön ſie an dem Waſt gehandelt hatte, und wie ein Centnerſtein lag ihrs auf dem Herzen. Sie
machte ſich auch bittere Vorwürfe darüber; denn ſie hätte ſich ja nie ſo anſtellen ſollen, als wenn ſie ihn gern haben möchte, wenn ihrs mit der Liebe doch nicht Ernſt geweſen. War es denn ein Wunder, wenn ihr der Waſt für ſo viel Unrecht jetzt auch einmal einen Poſſen geſpielt?„Ich hab's verdient um ihn!“ dachte Roſi; allein je länger ſie darüber nachſann, deſto unwahr⸗ ſcheinlicher kam es ihr zuletzt vor, daß der Waſt von dem Haberfeldtreiben unterrichtet oder gar unter den Anſtiftern geweſen. Es war dies ein Gefühl ganz eige⸗ ner Art, das ſich im Herzen der Dirne mit aller Gewalt gegen den Gedanken ſträubte, als könne der Waſt einer ſolch niedrigen Rachſucht fähig ſein. Hatte er ſich denn jemals gegen Roſi anders betragen, denn als ein edler und durch und durch charakterfeſter Menſch? War denn nicht ſein Benehmen gegen ſie gerade in der letzten Zeit von der Art geweſen, daß es der Roſi, nachdem ſie einmal ihre Furcht und Verlegenheit vor dem Ver⸗ ſchmähten abgelegt, nur die größte Achtung für ihn ein⸗ flößen konnte? War er denn nicht auch heute, während vor dem Hauſe das entſetzliche Sittengericht abgehalten ward, ſo allen Ernſtes aufgebracht darüber, ſo unge⸗ heuchelt gut und theilnehmend gegen den Bauer und die Seinigen? Und dies alles ſollte nur Verſtellung ſein? Der Waſt ſollte ſich in ſolch' niedriger Weiſe an ihr rächen wollen?—„Na, nal der Waſt hat kein Sterbenswörtl nöt gewußt von Allem, darauf getrauet ich mir ſchon jetzt ein Jurament abzulegen!“ ſo ſchloß die Roſi ihr zweifelhaftes Hinundherdenken, und über dieſen einen Punkt war ſie jetzt vollſtändig mit ſich im Reinen.
Nun kam aber auch noch etwas Anderes, was dem Mädel viel zu denken gab. Sie konnte ſich nämlich gar keinen Grund denken, weßhalb man ihr dieſen entſetz⸗ lichen Spott angethan. Das Haberfeldtreiben war doch ſonſt nur in ſolchen Fällen der Brauch, wenn ein Mädel hinſichtlich ſeines Lebenswandels ſich etwas zu Schulden kommen ließ, wenn es ſeine Unſchuld preisgab, oder das„Kranzl“ herſchenkte, wie die Bauern ſagen. Ge⸗ rade in dieſer Hinſicht konnte ſich aber die Oedbauern⸗ tochter den ſtolzen Troſt geben, daß ſie ſich in keiner Weiſe eines Unrechtes bewußt war. Warum alſo ihr Haberfeldtreiben— gerade ihr, während manche An⸗ dere, deren Ruf vielleicht wirklich kein reiner war, leer ausging? Die Dirne ſann vergeblich hin und her, ob ſie nicht etwa doch einmal irgend einen Anlaß gegeben haben könnte, daß man Unrechtes von ihr dachte, allein es fiel ihr halt gar nichts ein; denn daß ſie mit einem ehrbaren vermöglichen Manne im Brautſtande lebte, das konnte ihr ja doch kein vernünftiger Menſch übel nehmen. Man kann ja doch nicht gleich heiraten; man muß ſich vorher doch auch ein wenig kennen lernen, ob man zuſammen taugt; ſo dachte Roſi, und fing neuer⸗ dings heftig zu weinen an, weil ja nichts Anderes mehr zu denken übrig blieb, als daß es blos der Neid und die Bosheit ſchlechter Menſchen geweſen ſein konnten, was ihr eine ſolche Schmach angethan. Dieſe Thränen waren aber jetzt kein Ausbruch der Wehmuth mehr oder des gekränkten Ehrgefühls, wie früher, der Zorn war es,
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