Heft 
(1861) 5 05
Seite
147
Einzelbild herunterladen

zurſchen,

en ihm. Stille hören, er bor lteſter

n.

Das Haberfeldtreiben. 145

Hochwürdiger Herr Pfarrer von Pang, thus Sündenregiſter her! rief endlich der Wortführer, nach⸗ dem er ſich durch einen ſcharfen Blick in der Runde überzeugt hatte, daß Alles bereit ſei, ihn zu hören. Ein vierter Mann, in eine Kapuzinerkutte vermummt, auf dem Kopfe ein ſtattliches Hirſchgeweih, trat ſofort aus dem Viereck, verbeugte ſich tief und gab dann dem Erſten ein gerolltes Stück Papier in die Hand. Dieſer öffnete es und warf ein paar flüchtige Blicke über ſeinen Inhalt; ſodann begann er die ſämmtlichen Anweſenden einzeln unter irgend einem falſchen Namen zu verleſen, wobei ein Jeder mithier antwortete. Erſt als dies geſchehen war, nahm er wieder das Papier zu Hand, räuſperte ſich noch etliche Male und hub hierauf mit lauter, weithintönender Stimme zu deklamiren an:

Luſt auf, Ihr Männer, und laßt Euch ſagen, Was ſich in der Buchau hat zugetragen; Das waren ebber rare und b'ſondere G'ſchichten, Kein Menſch, fürcht' ich, möchts ſo viel ſchöner derdichten! In Oedhof hinten am Schreckenſtein, da wird ge dem Bauern der Geldſack z' klein. Ein' ſellen Ruechen magſt nöt derfrag'n, der möcht' gar dem Teufl noch d' Höll abjag'n,

Und ˙s Großthun ſäh' ihm zum Beſten ein, grad gar ſoviel gern möcht' er herriſch ſein!

Und ˙s Roſei das reiſt ge auſſi ins Land, möcht' ein Stadtfräulein wern mit herriſchem G'wand.

Und weil ſie kein richtigen Herrn nöt kriegt, ſo nimmt ſ' ein' Lumpen, der d' Leut' betrügt.

Der Akkordant und der Guckheihut, des g'fallet dem Diendl halt gar ſoviel gut.

Und ˙s Bauernmenſch da möchſt gleich verrecken das ſoll derſell Guckeihut verſtecken,

Als wann ihr's nöt aufs Hirn wär' g'ſchrieb'n, daß ſ' ſonſt allweil grad die Küh' hat'trieb'n.

Ein' Schneiderbock hat nachſt der Wind verwaht, und auf der Welt geht All's verdraht,

Die Bauern ſpiel'n ge die großen Herrn, und eaneri Menſcher hamm d' Lumpen gern.

Das magſt von der G'ſellin leicht erfrag'n, was dorten hockt im Gaisbockwag'n.

Ich aber ſag' Euch, und merkt Euch's All: der Stolz und die Hoffart kommt zum Fall.

Und ein Tropf war der Menſch, dem ſein Stand is z'ſchlecht! Ihr Männer ha? Hab'ich ebber nöt recht?

Recht haſt! Recht haſt! jubelte jetzt der Chor darein, und dabei brach wie auf einen Schlag von allen Seiten ein ganz entſetzliches Lärmen los. Alles ſtürzte ſich ſofort in wilder Haſt auf das Wäglein; die Strohfigur ſammt ihrem ſchönen Aufputze wurde wie im Fluge herabgeriſſen und unter Trommel⸗ und Pfeifen⸗ ton in feierlicher Proceſſion eine Weile herumgetragen. Erſt als der Zug das Viereck einmal umgangen hatte, hörte jede Spur von Ordnung gänzlich auf. Unter hölli⸗ ſchem Gelächter ſpang jetzt ein Jeder auf die unglückliche Strohpuppe los; viele hundert Hände ſuchten Stücklein davon zu bekommen, man riß ihr alle Kleider vom Leibe und in tauſend Fetzen flogen dieſe nebſt Stroh und dürren Reiſern auf Fenſter und Thür des Oedhofes zu. Und bei dem allen ging nunmehr eine Muſik los, die nur der zu beſchreiben vermag, der ſelbſt einmal Gelegenheit hatte, etwas ähnliches zu hören. Pfannen, Keſſel, Getreidemühlen, Kuhſchellen, alte Trommeln, Pfeifen, Pauken und Trompeten raſſelten mit dem

Erinnerungen. LXXXII. 1861.

Sturmwind um die Wette, Dreſchflegel donnerten auf Thür und Fenſterläden nieder, dazu knallten etliche hundert Flintenſchüſſe, Böller krachten, Fröſche und Raketen ſtiegen knatternd auf, und war das ein ſolch fürchterliches, wahrhaft hölliſches Hallohen, ein ſolches Pfeifen, Quieken, Jauchzen und Heulen, daß einem darüber Hören und Sehen verging.

Den Leuten im Oedhofe ſtanden die Haare ſchnur⸗ ſtracks zu Berge. Die Dienſtboten rannten entſetzt aus ihren Kammern herunter und das Moidei fing jämmer⸗ lich zu weinen an und verkroch ſich zitternd hinter den Ofen. Roſi und die Bäuerin ſtanden todtenbleich an die Thür gelehnt; Erſtere hatte bei den Spottverſen der Haberer das Bewußtſein ſchier ganz verloren, und der Oeder biß die Lippen über einander und bebte vor Wuth. Am allertollſten geberdete ſich Schwin del, und nachdem einmal die erſte Ueberraſchung über dieſen unvermutheten, ihm bisher völlig unbekannten Auftritt vorüber war, rannte er ganz außer Sinnen und wie ein Wüthender in der Stube herum.Gensdarmen! Polizei! Wo ſteckt das Geſindel die verdammten Schurken ſollen an mich denken! So ſchrie er in einem fort und riß endlich den Stutzen von der Wand. Zum Glück verhinderte der Oeder, daß er durch das Fenſter hinausſchoß.

Um Gotteswillen halt, halt! rief er entſetzt, als er das Vorhaben ſeines Freundes gewahrte, indem er ihm mit ſtarker Fauſt in den Arm fiel,Alles, nur grad nöt ſchießen! Sie ſchlagen uns ja ſonſt das ganze Haus in Grund und Boden!

Nur die vereinte Kraft des Bauers und der her⸗ beieilenden Knechte war im Stande, den Wüthenden zurückzuhalten. Aber er knirſchte mit den Zähnen vor Wuth und ſchlug mit Händen und Füßen um ſich, ſo daß die Mannsleute nicht gering Mühe hatten, ſeiner Herr zu werden.

Endlich dieſer ohrenzerreißende Spektakel hatte bereits eine Viertelſtunde angedauert begann es allmälig wieder ſtiller zu werden. Man hörte jetzt nur noch, wie draußen Thüren und Fenſterläden ausgehängt wurden und in den Garten hinausflogen; hier und dort ſchallte noch ein ſpöttiſches Gelächter vom See herauf, auch die Fackeln wurden immer ſpärlicher und entfernter endlich aber ließ ſich nah und ferne kein Laut mehr vernehmen und die Haberer waren, ein Trupp nach dem anderen, davongezogen, ſo wie ſie zuvor ge⸗ kommen. Jetzt erſt getrauten ſich die im Oedhofe wieder freier aufzuathmen und die Knechte ließen endlich auch den tobenden Akkordanten wieder los. Dieſer aber konnte noch immer nicht recht zur Faſſung kommen, wie es ſchien.

Nein, dieſer Unfug iſt unerhört, er muß exem⸗ plariſch beſtraft werden. Noch heute mach' ich die An⸗ zeige bei der Gensdarmerie! Mit dieſen drohenden Worten rannte er, ohne auf das ängſtliche Geſchrei der Roſi zu achten, ſofort aus dem Hof und in die ſtür⸗ miſche Winternacht hinaus.

Das war wohl heute eine ſchreckliche Nacht für die Bewohner des Oedhofes. Roſi lag auf ihrer Kam⸗

19