Heft 
(1861) 5 05
Seite
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144 Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Weile nach allen Seiten hin um und legte lauſchend die Hand vors Ohr. Allein es ließ ſich nirgends etwas Ver⸗ dächtiges hören: nur der Sturmwind pfiff und heulte durch die Berge, und im Stall hinten brummte das Kuhvieh.

Vorſichtig ſein ſchadet nix! ſagte er endlich lachend, als er wieder herein kam,wir mögen doch ein boiß umeinandſpäh'n!

Mit dieſen Worten zündete er etliche Späne an, winkte dem Waſt, mit ihm zu gehen, und eilte ſodann, ohne weiter auf das Geſchrei ſeines Weibes zu achten, mit dem Knecht in die ſtürmiſche Winternacht hinaus. Die Oederin wollte ihm nach, aber das Moidei hielt ſich zitternd an ihren Rockzipfel feſt, und bat ſie unter Thränen dazubleiben.

Mutter, geh'n wir in die Stuben ummi! drängte das Kind,ich trau mir nimmer da zu ſein in der Kuchel; es war ſo viel grauſig da heraus!

Diendl, ſei keine Lappin! verſetzte die Bäuerin mit ernſtem Tadel, obſchon es ihr ſelber in dieſem Augen⸗ blicke nichts weniger als heimlich zu Muthe war;was brauchſt Dir denn zu fürchten? Allein ſie folgte gleich⸗ wohl ganz gerne der Bitte ihres Kindes, und Beide gingen ſofort in die Wohnſtube hinüber, wo ſich mittler⸗ weile auch der Akkordant und die Roſi eingefunden hatten, weil die Letztere jetzt einmal mit dem Packen zu Ende war. Die Brautleute ſaßen mit einander am Erker⸗ tiſche; ſie hielten ſich Hand in Hand und plauderten von einer ſchönen Zukunft. Die Oederin wollte ſie auch durch kein Wörtlein in ihrem Glück ſtören, ſie faßte ihr zittern⸗ des Kind bei der Hand und Beide ſetzten ſich ſchweigend und voll banger Erwartungen auf die Ofenbank. Bald darauf kam auch der Bauer wieder in die Stube zurück; mit ihm der Waſt.

Annei, mir ſcheint, es hat Dir was träumt! ſagte er lachend zu ſeinem Weibe;wir hätten uns ſchier die Augen herausgeſchaut, aber geſehen haben wir doch nix!

Jetzt wurde auch das Brautpaar aufmerkſam ob dieſer ſeltſamen Anrede, und Beide ſahen den Oeder groß an.

Was ſollteſt Du denn geſeh'n haben? fragte der Akkordant haſtig, aber er hatte noch nicht völlig ausge⸗ redet, als urplötzlich vor dem Haus außen ein dumpfes Gemurmelentſtand, als wie von vielen hundert Menſchen. Man ſah Lichter auftauchen, Pfeifen und Trommeln er⸗ tönten im Sturmwind und Alles deutete auf eine große Menſchenmenge, die vor dem Oedhofe verſammelt war. Alle, die in der Stube waren, fuhren jetzt erſchrocken in die Höhe und ſahen einander mit großen Augen an. Der Waſt war an ſchnellſten wieder gefaßt.

Sakra, da haben wir ja ſchon die Beſcheerung! rief er mit einem haſtigen Blick auf ſeinen Dienſtherrn; aber hab' ich mir's doch gleich denkt, es geht ſo. Ich bitt Euch, ſeid nur grad ſtat jetzt und rührt Euch nöt. Und Du, Bauer thu's Fenſter auf; es hilft Dir jetzt doch nix nimmer!

Bauer, war Dein Haberfeld leer? hörte man in dieſem Augenblick draußen eine tiefe donnernde Baß⸗ ſtimme rufen.

Todtenſtill wars jetzt in der weiten Stube, man hörte jeden Athemzug. Auch der Oeder faßte ſich jetzt; er ging an das Fenſter und öffnete es.Ja! gab er dem Frager mit gepreßter Stimme zur Antwort, und dabei zitterte ihm der ganze Körper vor Zorn und Be⸗ ſchämung. Er wußte nur allzugut, was jetzt Alles kommen würde. Draußen vor dem Hofe unter den Obſtbäumen und auf der Wieſe nebenan ſchimmerten zahlloſe Fackeln und Laternen in einer ſeltſamen Verſammlung. Leicht an dreihundert Männer bildeten dort ein weites, dicht geſchloſſenes Viereck. Sie hatten alle das Geſicht mit Ruß oder Mehl gefärbt und waren in die bunteſten, abenteuerlichſten Aufzüge vermummt. Die Einen trugen Harniſche von Gold⸗ oder Silberpapier, alte Soldaten⸗ helme, abgetragene Uniformen und Reitermäntel, Andere hatten Kapuzinerkutten umhängen, Kappen von Papier, von Blech oder Eiſen, auch wohl zerbrochene Töpfe auf dem Kopf. Wieder Andere waren in Kuhhäute oder Mehlſäcke eingenäht, oder ſie erſchienen als Vogel⸗ ſcheuchen mit einem flatternden Gewande von Lumpen und Fetzen angethan. Bewaffnet aber war ein Jeder: wer nicht eine Flinte trug, hatte wenigſtens eine Senſe oder einen Dreſchflegel in der Hand, und dazu hatten ſie alle künſtliche Bärte von Roßhaar, Werg oder ge⸗ trocknetem Moos im Geſicht.

In die Mitte des beſagten Vierecks fuhr jetzt ein kleiner Wagen. Zwei Gaisböcke zogen ihn und er war ringsum mit Haferſtroh und dürren Tannenreiſern auf⸗ geputzt. Eine lebensgroße Strohfigur ſaß darauf. Sie war in ein ſtädtiſches Gewand gekleidet: ein langes Kleid hing ihr bis auf die Füße herab, ein blauer Küchenſchurz war als Shawl um ihren Hals gelegt, und auf dem Kopfe ſaß ein Amazonenhut mit ſchwarzer Straußenfeder und grünem Schleier. Anſtatt der Ohr⸗ ringe hatte dieſe Figur ein Paar große Melkkübel ein⸗ hängen, und in der Hand hielt ſie eine lange, dreizackige Miſtgabel.

Als der beſagte Wagen mit ſeiner ſeltſamen Bürde beim Glanz der Fackeln und Laternen ſichtbar wurde, entſtand für einen Augenblick in der zahlreichen Ver⸗

ſammlung ein entſetzliches Lärmen und Gelächter. Gleich

darauf aber hörte man eine durchgreifende Stimme Ruhe gebieten, und ein langer ſtämmiger Burſche trat jetzt mitten in das Viereck, gerade vor den Wagen hin, den die beiden Gaisböcke ſoeben hereingezogen hatten. Der Burſche trug eine ſchäbige Grenzwächteruniform und darüber einen zerfetzten Reitermantel. Auf ſeinem Kopfe ſaß ein dreieckiger Hut mit rothem Federbuſch, einen hölzernen Säbel hatte er an der linken Seite und der Schweif eines ſchwarzen Eichhörnchens hing ihm, künſtlich in zwei Theile geſpalten, als eine ſeltſame Art von Schnurrbart über die Lippen. Zwei andere Burſchen, der Eine als Hanswurſt, der Zweite als Gensdarm ver⸗ kleidet, ſtanden zu ſeinen beiden Seiten und leuchteten ihm. Es war jetzt für den Augenblick ſo tiefe Stille rings umher, daß man eine Maus hätte laufen hören; Aller Augen richteten ſich nach dem Burſchen, der vor dem Wagen ſtand, und ein Jedes harrte in geſpannteſter Aufmerkſamkeit der Dinge, die da kommen ſollten.

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