Heft 
(1861) 5 05
Seite
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vährend

gehalten

Kleiner Anfang, großer Ausgang. 147

der ſie ihr entlockte, und die ſchlechtere Natur des Mäd⸗ chens ward jetzt wieder mit erneuter Macht und Stärke rege. Ihr Puls ſchlug höher, ihr Auge rollte wild und glühend und das Blut trat ihr ganz dunkelroth auf die vollen Wangen. Gott, wie haßte ſie doch dieſe ſchlechten Menſchen ſo tief und unverzeihlich! Ihr einziger Troſt war noch das Bewußtſein, daß ſie mit dem morgigen Tage bereits aus der Heimat fort ſein durfte, in der ſie jetzt um keinen Preis der Welt mehr länger hätte leben mögen. Doppelt erfreut ſah ſie daher von jetzt an ihrem zukünftigen Aufenthalte in der Stadt entgegen, und ſie meinte den Augenblick kaum mehr erwarten zu können, wo ſie ihr Bräutigam in eine neue beſſere Welt hinaus führen würde, zu feinen und gebildeten Menſchen, die nicht ſo roh und boshaft wären, wie dieſes neidiſche Bauervolk.

Schon vor Tagesanbruch ſtand Roſi auf und beſchäftigte ſich mit den letzten Zurüſtungen für die Reiſe. Es war ihr ordentlich zuwider, daß ſie noch ein paar Stunden in dieſem verhaßten Hauſe zubringen mußte, und mit einem wahren Widerwillen ging ſie hin und her. Um die Mittagsſtunde war endlich alles zur Abfahrt bereit. Kalt und ohne eine Thräne zu vergießen nahm Roſi von der Schwägerin und den ſonſtigen Hausgenoſſen Abſchied, nur als ſie dem Moidei Lebe⸗ wohl ſagte und dabei ſah, wie das Kind gar ſo bitter⸗ lich weinte, da ward auch ihr ein wenig weicher im Ge⸗ müthe. Sie küßte die Kleine mit großer Herzlichkeit und gab ihr noch ein Heiligenbild zum Andenken.So b'hüet dich halt Gott, Baſei! ſagte ſie bewegt,bleib geſund und thu' mich nöt vergeſſen!'s freut mich, daß d mich ſo viel gern haſt; ſchick dir ſchon auch einmal einen was herein vom Stadtl! Das gute Moidei konnte vor Weinen kein Wort erwiedern; draußer vor dem Hofe, unter dem grauen Himmel in der froſtigen Novemberluft, da blieb es noch lange Zeit ſtehen und ſah der Roſi nach, wie ſie mit dem Vater dahin ging. Der treue Waſt kam hinten nach mit einem Schlitten, auf dem er die Koffer und Schachteln ſeiner Bauern⸗ tochter in's Dorf hinausfuhr, wo der Akkordant mit ſeinem Fuhrwerk die reiſefertige Braut und ihren Bru⸗ der erwartete.

Eine halbe Stunde ſpäter und Roſi ſaß in ihrem Bergbauerngewande, aber um den Bandhut ein weißes Tuch geſchlungen und in ein großes Shawltuch gehüllt, zwiſchen Schwindel und dem Oedbauer im leichten Schlitten, der von ſeinem flinken Schimmel ge⸗ zogen im raſchen Trabe aus den eingeſchneiten Bergen hinausſchellte.

Nur mit wenigen Worten brauchen wir dieſe Er⸗ zählung noch zu vervollſtändigen.

Glück und Frieden wollten vorerſt auf dem Oed⸗ hofe noch nicht einkehren. Das neue Wirthshaus war faſt vollendet, da wurde es vom Unglück heimgeſucht und brannte ab. Der Oedbauer glich einem Verzwei⸗ felnden, denn nun ſah er ſeinen rettungsloſen Untergang vor Augen. Da ſtarb auch noch ſein einziges, geliebtes Kind, die Moidei. Nun ſchien es aus mit ihm zu ſein.

Dieſen Augenblick ſchien der Akkordant nur abge⸗ wartet zu haben. Unverhohlen verlangte er von dem Oedbauer ſein Geld und die Mitgift der Roſi heraus. Dieſer konnte es nicht geben.So gebt mir Euren Hof und ich zahle Euch das wenige, was Ihr noch daran habt, heraus, erwiederte der Akkordant. Nun endlich gingen dem Bauer die Augen auf. Seinen Hof ſollte er hergeben! Darauf war Alles abgeſehen. Der Zorn übermannte ihn und er warf den Akkordanten zur Thür hinaus.

Dieſer drohte mit Rache und einer Klage. Ehe es indeß dahin kam, wurde der Lotterieſchreiber eines Be⸗ truges wegen verhaftet und ſagte nun auch aus, daß der Akkordant jene beiden Schuldverſchreibungen ge⸗ fälſcht habe. An demſelben Tage, an dem ſich dieſer mit einem andern Mädchen denn mit der Roſi war es aus verheiraten wollte, wurde auch er feſtgenommen und in das Gefängniß abgeführt.

Auf dem Oedhofe war es längſt beſſer geworden, denn der Bauer hatte noch vor ſeinem gänzlichen Unter⸗ gange eingeſehen, daß es ſo nimmer gehe. Er hatte ſeine Fehler ja ſchwer genug büßen müſſen. Er wurde der frühere wieder gegen ſein Weib, der frühere, was Fleiß und Arbeitſamkeit anbetraf, und nun ſah er wohl ein, daß dieſes am ſicherſten weiter führe.

Die Roſi kehrte endlich aus der Stadt zurück. Der Akkordant hatte auch ſie ſchändlich hintergangen, und jetzt fühlte ſie erſt, daß ſie ihn nicht aufrichtig ge⸗ liebt hatte. Der, welcher von Jugend auf, wenn auch ihr ſelbſt unbewußt, in ihrem Herzen gelebt hatte und der faſt verzweifelt war vor ſtillem Gram, der wurde ſchließlich doch noch ihr Mann und das war der Waſt.

Kleiner Anfang, großer Ausgang.

3 er kennte nicht die Themſe(Thames), Eng⸗ lands größten Fluß! Von der kleinen Quelle an der Grenze von Glouceſterſhire, wo ein Kind den winzigen Bach überſpringen kann, bis zu der breiten Waſſermaſſe bei der Ein⸗ mündung in das Meer; von dem Silber⸗

faden, der ſich durch die lieblichſten Thäler windet, bis zu dem großen gewaltigen Strome, der ſeine Wogen an London vorbeiwälzt; von dem durchſichtigen klaren Flüßchen, das Fruchtbarkeit an den Blumenufern ver⸗ breitet, bis zu dem ſtattlichen Seearm, der ein rühriges Handelsvolk bereitwillig in alle Oceane trägt: welche kontraſtvollen Scenen des Lebens und der Natur! Von ihrem Urſprunge wachſend an Schönheit, ſchlängelt ſich die Themſe lange nur durch Thäler und fruchtbare Wieſen, ſchmückt ſie die Parks und Luſtgärten der Land⸗ ſitze an ihren Ufern. Sie erhält erſt nach der Vereini⸗ gung ihrer beiden bedeutendſten Quellflüſſe, der Iſis und des Charwal, bei Oxford ihren Namen. Nach einem Laufe von 30 deutſchen Meilen, auf welchem ſie

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