136 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
„Weſſen klagt man mich denn an, Mutter,“ ſagte er,„daß Sie ſich verpflichtet glaubten....“
„Man klagt Dich keineswegs an, mein Sohn; man machte nur die Bemerkung, daß hier Dein Herz große Gefahr liefe.“
„Ohne Zweifel; aber ſind denn dieſe Damen ſo grauſam, daß ich die Hoffnung aufgeben müßte, aufge⸗ nommen zu werden, wenn ich freiwillig ihnen meine Freiheit opfere?“
„Das nicht! aber Ihr Herz würde ſich auf dem Wege verirren können, wenn es ſeinen Herren ſuchte,“ ſagte die Freundin.
„Wiel ſind denn nicht alle dieſe jungen Damen gleich gut, gleich liebenswürdig, gleich unſchuldig?“
„Selbſt, wenn jede Deine Wahl rechtfertigen würde,“ ſagte lebhaft die Gräfin,„ſo gibtes doch einige, auf die ſie nicht fallen dürfte.“
„Sie irren, Mutter,“ erwiederte Renséin ernſterem Tone;„es könnte höchſtens eine oder die andere darunter ſein, deren ich weniger würdig wäre.“
„Ha!“ ſagte Louiſe, indem ſie ihr Herz wieder freier ſchlagen fühlte,„er rächt mich! Er iſt doch ſehr gut!“
Und indem ſie noch mehr in Gedanken verſank, fühlte ſie ſich in eine überaus ſüße Stimmung verſetzt, die ſich nur in den leiſen Worten äußerte:
„Ol möchte auch ich ihn ſo lieben!“
„Soll das vielleicht ein Geſtändniß ſein, was Du uns da machſt, René?“ ſchrie die Gräfin in kaltem ge⸗ reiztem Tone laut auf.
„Nein, Mutter; aber wenn ein ſolches eines Tages von mir beabſichtigt würde, ſo müßte ich Ihnen dankbar dafür ſein,“ ſetzte er ſich verbeugend hinzu,„daß Sie das erſte Wort, was immer das ſchwerſte iſt, ſelbſt aus⸗ ſprachen.“
Louiſe war vor Ueberraſchung, Furcht und Freude faſt außer ſich.„Was fehlt denn zu einem Geſtändniß noch,“ ſagte ſie wiederholt zu ſich.„Vielleicht meine Zu⸗ ſtimmung? Er liebt mich doch! Aber ich irre gewiß; er wollte jener Frau nur einen Wink geben, künftig etwas weniger neugierig zu ſein.“ Und ſo hörte ſie auf, weiter beſtürzt zu ſein.
Darauf ſchlich ſie durch eine in ihrer Nähe befind⸗ liche offene Thür in ein anderes Zimmer, um nicht die Aufmerkſamkeit der Gräfin oder René's auf ſich zu ziehen. Dann kam ſie durch eine weitere Thür wieder hinein und ſetzte ſich neben Klärchen. Sie ſah, wie Rens ſie mit ſeinen Blicken ſuchte, wie ſein Auge, als er ſie entdeckt, mit Zärtlichkeit ſich auf ſie richtete. Dann gab ſie ihm unvermerkt ein Zeichen, womit ſie ihn zu ſich bat.
„Ich wünſchte mich zu entfernen,“ ſagte ſie zu ihm;„denn,“ ſetzte ſie hinzu,„mich intereſſirt hier nichts mehr und ich fühle, daß ich meine Erregtheit weder mei⸗ ſtern noch verbergen kann.“
Klärchen verſtand ihren Händedruck. René warf zwar ein, ſie müßten doch erſt mit ſoupiren. Aber
ſie beſtanden darauf, aufzubrechen, und er fügte ſich
willig ihrem Begehren. Louiſe war überglücklich, daß
der Gebrauch ihr geſtattete, ſich zu entfernen, ohne ſich zu empfehlen, ja ſelbſt ohne ſich bei der Gräfin zu ver⸗ abſchieden. Bald darauf ſtiegen alle Drei in den Wagen und— raſch fuhren ſie davon.
„Wann werde ich Sie wiederſehen?“ ſagte René halblaut zu Louiſen, als ſie ſich dem Hauſe des Dok⸗ tors näherten.
„Morgen, wenn Sie wollen,“ antwortete ſie.
René ſah ſie an, und aus ihren Blicken ſprach eine Entſchloſſenheit und Entſchiedenheit, die er bis da⸗ hin an ihr nicht wahrgenommen.
„Wo? und zu welcher Stunde?“
Und ſchnell ſetzte er hinzu:
„Um ſieben Uhr Abends in dem Wäldchen, wo wir uns zum erſten Male ſahen.“
Weiter frug er nichts, indem er vorausſetzte, es ſei ihr ſo recht. Sie gab ihm dann ein Zeichen, daß ſie ein⸗ verſtanden ſei; das Wort erſtarb ihr auf den Lippen. Sie trennten ſich; René drückte ihr zärtlich die Hand.
In heftiger Aufregung begab ſich dann Tags da⸗ rauf Louiſe zum Park, öffnete die kleine Eingangs⸗ thür und ſetzte ſich unter derſelben Laube nieder, wo ſie von René zum erſten Male ſo ungehofft betroffen wurde. Sie zitterte; ſie war unruhig und aufgeregt, denn dieſes Betragen kam ihr ſträflich vor.
So war ihr Gefühl zwiſchen Gewiſſensbiſſen und freudiger Erwartung getheilt und ungeduldig harrte ſie des Augenblickes, wo die Ankunft Renés ihrer unbe⸗ häbigen Lage ein Ende machen würde.
René kam. Sein Entſchluß war nur der, bei Louiſe ja keine jener zarten Seiten zu verletzen, die eine junge Dame ſo ſorgſam pflegt, und erſt ihr volles Vertrauen und dann erſt ihre Liebe ſich zu er⸗ werben. Als er ſie daher an derſelben Stelle ſitzen ſah, wo er ſie ohnmächtig in ſeinen Armen gehalten, warf er ſich von der Erinnerung überwältigt zu ihren Füßen. In dieſer Stellung blieb er ſchweigend, unbeweglich, ſein ſehnſuchtsvolles Auge war feſt auf ſie geheftet. Louiſe hatte ſich, wenngleich unbewußt, gedacht, es würde zu Gott weiß was für Erklärungen kommen; aber eine ſolche Erregtheit, ſo eine Extaſe und ſo ein liebeſprü⸗ hendes Auge hatte ſie ſich nicht geträumt. Anfangs war ſie nur bezaubert; aber die Rührung gewann ſchließlich die Oberhand und es dauerte nicht lange, ſo konnte ſie ihre ſchwache Seite nicht mehr verbergen. Plötzlich ver⸗ ſpürte ſie neuen Heldenmuth, wie ein Krieger, wenn er zum erſten Male mit dem Feinde auf dem Schlachtfelde zuſammentrifft, um ſich mit ihm zu meſſen. Sie reichte ihm die Hand.
„Stehen Sie auf,“ ſagte ſie zu ihm,„und laſſen Sie uns mit einander plaudern.“
Er gehorchte. Aber ſie konnten Beide keine Worte für ihre Gedanken finden; ihre Blicke ruhten entzückt in einander. Das war eine göttliche Stunde; die Sonne beherrſchte noch den Horizont mit einem Strahlenkranze, ohne die unerbittliche Hitze, die ſie Mittags entwickelte. Hinter einem Kaſtaniengehölz mit ſeinen dichten dunkeln Moſſen gewahrte man mitten durch die verſchlungenen Aeſte einen Raſenſtreifen, der im zarteſten Grün prangte,
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mit eine Zau hart


