Louiſe Meunier. 135
hätten. Fräulein Louiſe iſt doch recht ſchlimm,“ fügte zu bedauern; gerade ihre Vollkommenheiten ſchienen
René mit einer außerordentlichen Zärtlichkeit hinzu; „ſie zittert und klappert, um uns zu beweiſen, daß man auch zu Dreien frieren kann.“
Louiſe wurde dadurch einer Entgegnung über⸗ hoben, daß der Wagen eben vor dem Schloſſe anhielt. Der junge Graf faßte beide Damen nacheinander in ſeine Arme, um zu verhindern, daß ſie ihre friſche Garde⸗ robe an den Wagenrädern verdürben. Er berührte dabei Louiſens Hand; ſie war brennend heiß.
„Ach!“ ſagte er,„ich that Ihnen alſo Unrecht!“
„Nein!“ erwiederte ſie;„ich war kalt, aber der Anblick eines Saales macht mich immer fiebern.“
„Was iſt denn das für ein Fieber? Vielleicht Eitel⸗ keitsfieber?“
„O! nein! vielmehr Groll⸗ und Ekelfieber.“
„Das iſt die traurigſte Krankheit; beſſer wäre eine andere, die auch ihren Sitz im Herzen hat, die ich Ihnen aber nicht näher bezeichnen darf.“
Louiſe erröthete einen Augenblick und ihr Herz pochte laut bei dieſen Worten René's.
Die meiſten Gäſte der Gräfin, übrigens meiſt aus der Nachbarſchaft, kannten wenigſtens von Anſehen oder Hörenſagen die Nichte des Doktor Renoult. Was Louiſe betrifft, ſo lag ſchon in ihrem Titel„Gouvernante“ ihre Selbſtändigkeit ausgeſprochen. Die beiden Freundinnen nahmen, nachdem ſie die Herren des Hauſes zuvor begrüßt, ohne Weiteres unter den Damen Platz. Aller Augen waren auf ſie gerichtet; aber Klärchen war ſo allerliebſt, Luiſe ſo vornehm und fein, daß jede der anweſenden Frauen und jungen Damen alsbald einſahen, daß ſie mit dieſen umſonſt rivaliſiren würden. Ja man ſah, wie ſie, um ſich zu entſchädigen, einen verſtohlenen Blick auf ihre Juwelen und Spitzen warfen, wobei ſie
ſich im Stillen ſagten, das ſeien doch die ſolideſten
Vorzüge, und an dieſen hatten ſie keinen Mangel.
In dieſem Augenblicke war eine junge Dame am Piano; ſie ſpielte eine ſchwere, muſikaliſch vollſtändig unentwirrbare Sonate, die für die Spielerin ſelbſt offen⸗ bar ſo abſtrakt war, wie ein geometriſcher Lehrſatz. Nach⸗ dem dieſe ſich ihrer mühevollen Aufgabe entledigt, erſuchte man Louiſe ihren Platz einzunehmen. Die Wirkung ihres Spiels war wahrhaft bezaubernd; ſelbſt wenn ſie mehr ſchwärmeriſche als künſtleriſche Stücke ſpielte und ſich dabei mehr oder weniger gehen ließ, blieb ihr Ton immer rein, das ganze Spiel ſtets präcis. Wenn ſie ſich aber ganz nur dem Vortrage hingab, dann ſprühten ihre Finger wie ihre Augen Begeiſterung und zwar oft eine ganz eigenthümliche Begeiſterung, in der ſich Süßig⸗ keit und Bitterkeit miſchten, und die ſich alsbald ihren Zuhörern mittheilte und einen unbeſchreiblichen Zauber übte.
Nachdem ſie ihr Spiel geendigt, engagirte Réne ſie zu einem Walzer. Da gab's nur noch größeres Staunen; ſie tanzte mit einer ſolchen Vollendung und Grazie, daß auch die haarſpaltendſte Kretik nichts daran auszuſetzen vermochte. Indeß ſelbſt die feurigſten Ju⸗ gendherzen verriethen bei ihrem Anblick keine enthuſia⸗ ſtiſche Freude. Man fühlte ſich vielmehr verſucht, ſie
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ihr die Bürde der Melancholie, unter der ſie ſeufzte, nur um ſo drückender zu machen. Aber wenn die be⸗ trübte Verwunderung aufhörte, wenn die Eiferſucht ſich oft vom Mitleid entwaffnen ließ, dann erwachte ſofort das Mißtrauen. So unſchuldig ihnen das arme Kind auch offenbar erſchien, man ſah in ihr eine Feindin, ja ein Unglück.
So fand an jenem Abende Klärchen ſtets Jeman⸗ den, der ſich mit ihr unterhielt; an Louiſe aber richtete Niemand ein Wort, nicht einmal um ihr zu ihrem muſi⸗ kaliſchen Talent Glück zu wünſchen. Sie war an dieſe Wirkung ihres Auftretens ſchon ſo gewohnt, daß ihr die Kälte, mit welcher faſt alle Frauen ſie behandelten, gar nicht mehr auffiel. Sie wußte aus Erfahrung, daß bei Zuſammenkünften ſich gewiſſe ſtille Verſchwörungen bil⸗ den, die, ohne ſich verabredet zu haben, ſich einen Sünden⸗ bock, ein Stichblatt für ihre Witze auserſehen.
Solchen Opfern, die ſich die Furcht oder die Eitel⸗ keit wählte, kann nichts gelingen, mögen ſie ſich noch ſo ſehr anſtrengen. Man verdeckt und läugnet ihre Vor⸗ züge, ihre kleinen Fehler und Unvollkommenheiten über⸗ treibt man in's Unendliche und je nach ihrem Weſen werden ſie entweder verlacht, oder ganz links liegen gelaſſen.
René hatte Louiſe auf ihren Platz zurückgeführt. Gleich darauf erhob ſie ſich, um ihren Fächer ſuchen zu gehen, den ſie auf den Kamin gelegt hatte; ſie mußte dabei hinter dem Fauteuil der Hausherrin hergehen, die eben mit einer ihrer Freundinnen einen Wortwechſel hatte. Einige Worte, die Louiſe verſtand, veranlaßten ſie ſtehen zu bleiben; dann ſetzte ſie ſich in der Ecke des Saales nieder, und da ſie hier nahe genug, um einen großen Theil der Unterhaltung zu verſtehen, ſo horchte ſie:
„Wie können Sie es dulden,“ ſagte die Freundin, „daß dieſe junge Dame ihre Beſuche..... 2 Ich halte ſie zwar nicht für intriguant, aber für gefährlich.“
„Für René nicht,“ erwiederte Madame de Bour⸗ gueville;„er begreift die Kluft, die Geburt und Ver⸗ mögen hier geſchaffen.“
„Aber er iſt jung, lebhaft und hat ein feuriges Temperament.“
„O nein! er iſt ruhiger und kälter als Sie ver⸗ muthen. Sein Herz kann man berücken, aber ſeinen Kopf nie, und ſo wird er ſtets unter den Einflüſſen ſeiner Familie ſtehen. Solche junge Damen ſind für ihn nur eine Zerſtreuung, eine unſchuldige, erlaubte Zerſtreuung; denn er iſt im Punkte der Ehe zu zartfühlend, als daß er etwas anderes darin erkennen und ſuchen ſollte.“
Louiſe verlor hier faſt ihre Beſinnung.„Eine Zerſtreuung!“ wiederholte ſie, und jede Sylbe dieſes Wortes, welches ſie ganz langſam ſprach, als wollte ſie die ganze Enttäuſchung, die darin lag, aufdecken, goß einen ganzen Strom von Bitterkeit über ihre Lippen. Wem aber ſollte das gelten? der Madame Bourgue⸗ ville oder René, weil dieſer vielleicht den Ausſpruch der Mutter rechtfertigte. In demſelben Augenblicke näherte ſich letzterer den beiden Freundinnen; er hatte die letzten Worte, die die Gräfin eben geſprochen, verſtanden.


