Heft 
(1861) 5 05
Seite
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134 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Was übrigens brieflich nicht abgethan war, wurde in der Sonntagsmeſſe ergänzt. Es iſt wohl ſelten der Fall, daß ſich Landleute, Eigenthümer, Dienſtboten, Tagelöhner ihren religiöſen Obliegenheiten entziehen; aber die diſtinguirteſte Klaſſe zeichnet ſich vor Allem da durch Pünktlichkeit aus. René und ſeine Mutter hatten, wie geſagt, ihre eigene Bank im Chor. Louiſe hatte ihren Platz in dem Schiff der Kirche. Ohne vorherge⸗ gangene Beſprechung hatten ſie ſich verſtändigt; Louiſe erſchien immer vor René und entfernte ſich nach ihm. Reim Eintritt in die Kirche konnte der Graf, durch die menpelreihe der Bänke ſchreitend, nur einen verſtohlenen derck nach ſeiner Louiſe werfen; aber beim Heraus⸗ gehen ruhten ſeine Blicke unverwandt in den auf ihn gerichteten bezaubernd ſchönen Augen Louiſens, die er um ſo mehr liebte, als ſie noch etwas Räthſelhaftes für ihn hatte.

Louiſe hatte nun eine Herzensangelegenheit, die ihr ganzes Leben änderte. Sie war ſterblich verliebt: ihre Leidenſchaft fand Nahrung in der Hoffnung, wäh⸗ rend ſie in ihrer Umgebung nur Aufmerkſamkeit, Kritik und verletzende Bemerkungen hervorrief. Wenn ſie in⸗ deſſen die ganze Seligkeit der Liebe genoſſen, wenn ſie durch ihre Liebesqualen ermattete, wie ein Vogel durch die luſtigen Schläge ſeiner Fittige, dann miſchte ſich Un⸗ ruhe in ihr Glück. Die Briefe Ren és ſchienen ihr nicht mehr beſtimmt genug; ſie verlor das Verſtändniß der⸗ ſelben und ſuchte vergebens nach Beantwortung der Frage, ob der Schreibende ihr Freund oder ihr Geliebter ſei. Dieſer Zweifel war ihr überaus peinlich; ſie wollte René ſehen, mit ihm ſprechen, um jeden Preis. Dazu bot ſich ihr nur ein Weg: ſie mußte das Rendez-vous im Parke annehmen.

René liebte ſie nicht weniger; aber er war ruhi⸗ ger, weil er leichter die Gedanken Louiſens durch⸗ ſchaute. Die Sprache der Frau iſt weniger zweideutig, als die des Mannes, blos konventionelle Zärtlichkeit gibts bei ihr nicht.

Inzwiſchen war René entſchloſſen, bei der erſten beſten Gelegenheit ſich Louiſen zu nähern, wo es ohne ihre Empfindlichkeit zu verletzen geſchehen könnte.

Eines Tages nun kam ein Bediente in ſilberbe⸗ bordeter Livrée die auf einen Bedienten der Gräfin ſchließen ließ in das Haus Meuniers und ließ bei Veronika zwei niedliche wohlriechende Couverts zu⸗ rück, die zwei Einladungen enthielten, eine für den On⸗ kel, die andere für die Nichte, zu einer im gräflichen Schloſſe am folgenden Sonntag ſtattfindenden Soirée.

Louiſe und ihr Onkel waren im Speiſeſaal, als der Bote kam. Alsbald trat Veronika ein und über⸗ reichte die beiden Briefchen an ihre Adreſſen.

Meunier las in den Zügen Veronikas die er gern befragte, weil ihre Anſichten, Urtheile und Vorurtheile meiſt mit den ſeinigen ſtimmten daß er die Botſchaft nicht günſtig aufnehmen ſolle.

Nachdem er das Briefchen flüchtig angeſehen, machte er eine verneinende Bewegung, die zugleich ankündigte, daß er dieſer feinen Einladung nicht traue und ſie nicht annehmen wolle.

Louiſe ſagte kein Wort; ſie war niedergeſchla⸗ gen und gefaßt. Sie ſah ſich zwiſchen zwei Stühle ge⸗ ſetzt: ihre Sehnſucht, René zu ſehen, war eben ſo groß, wie ihr Widerwille gegen eine Vorſtellung bei der Gräfin, die kein Gegenſtand ihrer Sympathie war.

Aber diesmal noch ſollte Louiſe durch Klär⸗ chen Hilfe finden.

Die liebenswürdige Nichte des Doktors erklärte nämlich, Herr Renould habe dem Grafen verſprochen, ſie werde jener Reunion beiwohnen, und zwar werde entweder er ſelbſt ſie hinbegleiten, oder ſie Herrn René anvertrauen, falls er ſelbſt an dem Krankenlager eines ſeiner Patienten zurückgehalten werden ſollte. Klär⸗ chen aber ſetzte ihrerſeits hinzu, ſie würde in keinem Falle ohne Louiſe erſcheinen; was ſie ſonſt allein mitten in einer ihr faſt unbekannten Geſellſchaft thun ſollte. Und wenn nun gar René käme, um ſie mit dem Wagen abzuholen, dann ſei es doch obendrein vollends unſchicklich, allein mit ihm zu fahren; das könne und werde ſie nicht. Sie ſagte dies mit einer ſolchen Leb⸗ haftigkeit, daß Herr Meunier nicht umhin konnte, Louiſen die Erlaubniß zu geben, ihre Freundin zu begleiten, einzig darum, weil Klärchen bereits die Zuſtimmung des Doktors erhalten hatte.

An dem feſtgeſetzten Tage fanden ſich die beiden Freundinnen im Hauſe des Doktors zuſammen. Sie machten ihre Toilette und legten ihre reichgefalteten prächtigen weißen Mouſſelinekleider an, als man ihnen plötzlich die Nachricht brachte, René warte bereits auf ſie. Er war in einem herrlichen Wagen gekommen, in welchem Louiſe und Klärchen, die eine zu ſeiner Rechten, die andere zu ſeiner Linken, ganz be quem Platz fanden. Es war ein wundervoller Abend; auf der einen Seite kleidete die untergehende Sonne die Wolkenmaſſen in den ſchönſten Purpur, der nach und nach wieder wie eine Lieblingserinnerung ſchwand, auf der andern ſandte der noch ſehr junge Mond mitten aus ſeinem Sternen⸗ meere ſeine jugendlichen hoffnungsvollen Strahlen auf die Erde nieder.

Klärchen und Louiſe ſahen ſich entzückt bald nach rechts, bald nach links um.

Schade, daß wir ſo bald ſchon am Ziele ſind! ſagte Ren é.Das wäre heute Abend ſo eine herrliche Promenade zu Dreien.

Iſt denn Drei die kabaliſtiſche Zahl, entgegnete Klärchen,bei der man der Langeweile entgehen kann?

Ohne Zweifel! Vier iſt keine Zahl: das ſind zwei Paar, wenn man ſich theilt; eine Geſellſchaft wird daraus, wenn man ſich vereinigt. Zu Dreien amüſirt man ſich und man erheitert ſich, ohne die Intimität des Verhältniſſes zu ſteigern.

Aber zu Zweien, warf Klärchen hin;zu Dreien erhitzt man ſich; zu Zweien zankt man ſich viel⸗ leicht.

Zu Zweien würde die Promenade dieſen Abend entweder zu verführeriſch, oder zu ſchwärmeriſch. Man würde Gefahr laufen, ſich Eindrücken hinzugeben, die ſich ſo recht für den wärmenden Feuerherd geeignet

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