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Louiſe Meunier. 133
Lippen ſpielten,„vollſtändig, aber ich brauche nicht zu wiſſen, was meine Mutter denken wird, ſie würde aus Liebe zu mir ſich jeder Zeit aufopfern, ſelbſt auf Koſten der Gerechtigkeit, die ſie meinem Bruder ſchuldig iſt; aber ich werde nie dazu meine Zuſtimmung geben; ſchlimm genug, wenn meine Perſon nicht genug, und es noch einer Ausgleichungsſumme bedarf.“
„Einer Ausgleichungsſumme,“ ſagte der Doktor lächelnd,„wird's nimmer bedürfen, liebe Nichte, nimm mir das nicht übel; aber was ich Dir ſchenken kann, iſt ſehr wenig, es ſind 6000 Francs, die ich zu dieſem Zwecke erſpart und die Du ohne Skrupel annehmen kannſt. Du kannſt ſie in Baarem aufbewahren, Du kannſt ſie zur Ausſteuer verwenden oder zur Hochzeit oder zu Feſten, wie es Dir beliebt. Jetzt, wo wir unſere gegenſeitigen Abſichten kennen, kannſt Du Dich wieder entfernen.“
Klärchen brachte ſofort Jerome die Nachricht, mit ihrer Heirat ſei es aus; er wollte es durchaus nicht glauben.
„Ich kenne meine Mutter,“ ſagte er,„ſie müſſe närriſch ſein, wenn ſie die Sache ſo mit einem Schlage für abgethan hielt; bleiben Sie bei Ihrem Worte, ich werde bei dem Meinigen bleiben; ſein Sie ſicher, wir kommen heut oder morgen wieder und zwar recht bald; denn ſehen Sie, Fräulein Klärchen, dieſer Tag hat mich ſo in Aufregung geſetzt, daß ich keinen Spaß mehr verſtehen werde.“
Das Geſicht der Madame Tiercelin hatte ſich ver⸗ finſtert, beſonders als Klärchen ſich in ſo entſchiedener Weiſe dagegen geſträubt, in die Rechte ihrer Mutter einzugreifen; aber es heiterte ſich ſofort wieder etwas auf, als ſie von dem Erſparniß von 6000 Franes hörte. Tief ſeufzend ſprach ſie⸗
„Sie werden ſich die Sache überlegen, Herr Renoult, und wir auch; wir ſind beiderſeits nicht gebunden. Vorſicht iſt nöthig. Es würde mir ſehr leid thun, wenn Klärchen nicht meine Schwiegertochter würde; ſie iſt ein gutes Kind. Ach, wir ſind doch wirklich unglücklich.“
Herr Tiercelin, von dem bis jetzt ebenſo wenig die Rede war, wie von der Rolle, die er in dieſer Heirats⸗ affaire ſpielte, war ein ehr⸗ und tugendſamer Gutsbe⸗ ſitzer, mehr Bauer als Gefühlsmenſch, und beſchränkte ſich ſomit darauf, während obiger Verhandlung mit ſeinem Meſſer über's Tiſchtuch auf und ab zu fahren und zuweilen hineinzumurmeln:
„Gut, Weibchen, gut, Genovefe; FJerome liebt unſer Kind nun einmal, was hilfts; der Herr Doktor wird's ſchon recht machen.“
Tags darauf kam Klärchen lachend und ſcherzend in das Haus Meuniers, gerade als wenn ſie Tags zuvor keine ihrer Hoffnungen zu Grabe getragen. Sie hatte ein Buch in der Hand.
„Der Herr Graf hat heute Morgen meinen Onkel beſucht,“ ſagte ſie,„und mir dies Buch für Dich zurück⸗ gelaſſen; es ſcheint, Du haſt ihn darum angegangen.“
Louiſe las den Titel des Buches; es war ein engliſcher Roman, von dem ſie in der That oft mit René geſprochen.
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„Wer wird's ihm aber zurückbringen,“ ſagte ſie unruhig,„wenn ich's geleſen; denn Veronika dies zu überlaſſen werde ich mich wohl hüten.“
„Mein Burſche wird's beſorgen,“ antwortete Klärchen.
Von dieſer Seite beruhigt, fühlte Louiſe beim Anblick des Buches eine plötzliche Veränderung in ihrem Innern; René dachte an ſie; alſo war ſie nicht mehr allein und verlaſſen auf der Welt. Er hatte dieſes Buch geleſen; ſeine Gedanken hatten ſich denen des Autors verbunden; ſie glaubte die Mittheilung beider zugleis in dem Buche zu finden, und darum müßte diesuſt⸗ angenehmſte und tröſtlichſte Lektüre ihres ganzen Lebeſe ſein. Dieſer Roman war eine jener langen aber anzie⸗ henden Geſchichten, die voll engliſchen Humors ganz dazu gemacht ſind, die langen Mußeſtunden der Ein⸗ ſamkeit zu verkürzen. Louiſe las ihn in der Urſprache, ſo daß ſie den höchſt pikanten Sthl und die lebhaft und trefflich gezeichneten Charaktere unverkümmert und un⸗ geſchwächt betrachten und bewundern konnte.
Nachdem ſie dieſes Werk geleſen, bat ſie um ein zweites. Natürlich malte ſie René in einem Dankſchrei⸗ ben die außerordentliche Freude aus, die ihr das Buch gemacht, und gab dazu in Kürze ihr Urtheil über das⸗ ſelbe ab. René theilte ihr darauf auch ſeine Anſicht mit und— ſo entſpann ſich ein Briefwechſel. Aber ſein Inhalt gehörte mehr auf das Gebiet der Liebe, als auf das der Literatur; der Ideenaustauſch ward bald ein Gefühlsaustauſch. Daher blieb's auch nicht lange bei dem gewöhnlichen Höflichkeitston. Und ſollte man's glauben? Gerade Louiſe war es, die am erſten und entſchiedenſten den Ton der Freundſchaft mit dem der Innigkeit und ſogar der Begeiſterung vertauſchte. Viel⸗ leicht war ſie ſich nicht genau bewußt, ob ſie an René oder an ein ideales Weſen ſchrieb, welches ſie eben nur in ihrem Kopfe und in ihrem Herzen trug. Aber ſie war überaus freigebig mit jenen zarten Schmeicheleien, mit denen die Damen ſonſt ſo geizen, deren Geheimniß ſie allein kennen, und die die Seele des Menſchen beugen dem ſchwachen Rohre gleich.
Rensé, deſſen Humor und Charakter von jeder Berechnung fern war, merkte die ſtets wachſende Innig⸗ keit und glaubte, im Intereſſe derſelben, Louiſe han⸗ deln laſſen zu müſſen, ohne ſich die Mühe zu nehmen, ſie an ſich zu feſſeln, ſie mit ſich fortzureißen. Und er täuſchte ſich nicht. Was man auch von dem Stolze des „ſtarken Geſchlechtes“ denken mag, ein Weib hat er nie verführt; die Weiber verführen ſich ſelber, wenn ſie aus Läſſigkeit und Ueberſättigung dem was gewöhnlich kommt nicht zeitig ausweichen.
Der Briefwechſel wurde nun ein regelmäßiger; jede Woche wurden zwei Briefe gewechſelt. Mit welcher Ungeduld ſandte man ſie ab; mit welcher Unruhe er⸗ wartete man ſie! Wie zärtlich erbrach die zitternde Hand das Couvert! Mit welcher Gier verſchlang man den In⸗ halt, um darin jenes eine Wort zu entdecken, welches Glück und Freude ſchafft, jenes Wort, welches, wenn auch oft verblümt, Alles ſagt, und nie in einem wahren Liebesbriefe fehlen darf.


