Heft 
(1861) 5 05
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132 Erinnerungen. Illuſtrirte B

lätter für Ernſt und Humor.

ſelbſt zwei kleine Stunden, die vorüber gingen, ohne daß ſie es wußten. Von der wichtigen Angelegenheit, die inzwiſchen im Speiſeſaale verhandelt wurde, war unter ihnen mit keiner Sylbe die Rede.

Jeromes ſtärkſte Seite war keineswegs ge⸗ wandte Konverſation; aber er hatte ſo viel Lebendigkeit und jugendliches Feuer, daß er auch ohne viele Worte die Damen in ſehr guter Stimmung zu erhalten wußte. Aber mitten in ſeinem Ungeſtüm machten die Reize einer jungen Dame einen tiefen Eindruck auf ihn, und ſo erklärt es ſich, daß er Louiſen ſo naive Kompli⸗ mente machte, daß ſie einestheils darüber lachen, an⸗ derestheils aber ſich dadurch ſehr geſchmeichelt fühlen mußte: das Weib iſt und bleibt nun einmal Weib! Mit Klärchen machte er es anders; ſeinen Arm ſuchte er oft um ihre zarte Taille zu ſchlingen; ſeinen Kopf ſtützte er auf die volle runde Schulter, und ſeine Lippen berührten abwechſelnd eine roſige Wange und eine weiße Stirn. Klärchen wehrte ſich gegen der⸗ artige Dreiſtigkeiten, wie nicht anders zu erwarten war, aber ihr Herz pochte, ihre ſchönen blauen Augen wurden feucht, ihre feuerrothen Lippen luden, obgleich ſie ein geſtrenges Geſicht zu zeigen ſich bemühte, nur zu ſehr zum Küſſen ein. Allerdings war der Unwille Klärchens ganz gerechtfertigt, aber gerade er goß über die ſtummen Geſichtszüge die Strahlen des Glückes. So wußte Je⸗ rome mit ganz anderen Mitteln das Intereſſe ſeiner Begleiterinnen zu gewinnen, als einſt René. Die Liebe hat drei verſchiedene Sprachen zu verwenden, die eine wendet ſich an's Ohr, die andere ans Herz, die dritte an die Sinne. Wohl ſelten geſchieht es, daß ein Liebender aller drei Sprachen im ſelben Grade mächtig iſt; bilden ſie aber eine geheimnißvolle unzertrennliche Dreiheit, ſo braucht der glückliche Beſitzer nur der einen ſich zu bedienen und alsbald reden die beiden anderen von ſelbſt.

Minder angenehm verſtrich die Zeit im Speiſeſaal, zumal für Doktor Renoult, der ungeachtet ſeiner außer⸗ ordentlichen Geduld die hatte er unter den Land⸗ leuten gründlich gelernt unter den erfolgloſen An⸗ ſtrengungen Madame Tiercelin zu einer deutlichen Erklärung zu vermögen, ob ſie die Hand Klärchens für ihren Sohn Jerome wünſche oder nicht, in gro⸗⸗ mächtige Tropfen ſchwitzte. Die reſpektable Gu konnte ſich nicht entſchließen, ſich von ihrem gewöhnlichen Jeremiadenrepertoire zu trennen.Gewiß würde ſie ſich ſehr glücklich und geehrt fühlen, wenn ſo ein braves Mädchen wie Klärchen ihres Sohnes Gattin werden wollte; es ſei nur ſehr fatal, daß ſie kein Vermögen hätte, denn unſer Herr, ſagte ſie, und meinte damit ihren! Mann,würde ſeinem Sohne einige Stücke gutes Land- geſchenkt haben, dazu hätte er ſich dann noch ein Gut gepachtet und ſo eine ganz paſſende Exiſtenz gehabt. Hätte ſeine Frau dann einiges Vermögen mitgebracht. ſo würde man es zur Ausſtattung des Landgutes vög⸗ wendet haben, ſo etwa 1215000 Francs. Aber waßs

das Land und noch obendrein die Ausſtattung des Land⸗ gutes ſchenken können. Ach wir ſind ſehr ſehr unglücklich.

Natürlich wurde dieſe Unterhaltung und alle Varia⸗ tionen, die ſie darüber durch zwei Stunden machte, jeden Augenblick von tiefen Stoßſeufzern unterbrochen. Der Doktor begnügte ſich mit der Antwort:

Wenn ich meiner Nichte ein Opfer bringen könnte, würde ich nicht anſtehen; aber ich habe ſie erzogen und ſchenke ihrer Mutter, meiner Schweſter, die Wittwe iſt und noch zwei andere Kinder hat, die Nutzn eßung eines kleinen Eigenthums, von dem ſie lebt. Ich habe mir nur das Allernothwendigſte vorbehalten; denn wenn ich nach einigen Jahren nicht mehr prakticire, ſo kann ich doch nicht erwarten, daß mich meine alten Kunden penſioniren werden.

Während die jammernde Gutsfrau den Doktor anhörte, ging ihr gewiß hundertmal ein Vorſchlag durch den Kopf; aber ſie konnte ſich nicht entſchließen, damit herauszurücken, nicht aus Furchtſamkeit oder Delikateſſe, ſondern das findet man überall bei dem normanniſchen Bauer: wenn er ein Geſchäft macht, überläßt er die Initiative ſtets dem Andern. Endlich entſchloß ſie ſich doch zu reden.

Wenn Sie teſtceentariſch dem Fräulein Klärchen etwas ſchenken, z. B. jenes keine Haus mit Garten, welches ihre Mutter bewohnt, und welches uns vekannt iſt, würden wir uns ſchon einigen. Mein Mann würde das Gut Jeromes ausſtatten und würde ſogar nöthigenfalls noch Geld obendrein leihen, weil man ſicher wäre, es heute oder morgen wieder zu erhalten.

Ach Gott! ich wünſche, es geſchähe je eher deſto beſſer, ſagte der Doktor in ſpöttiſchem Tone.Aber ich verſprshe Ihnen nicht, nichts zu thun, um den Rück⸗ zahlungst ſo weit als möglich zu verſchieben, ganz im Gegenth. 8 ach meinem Stande bin ich der Feind des Todes, und ſovennen ihn, es koſte was es wolle, in meine Gewalt zu bekommen. Aber da liegt nicht die Hauptſchwierigkeit; mein Gewiſſen verbietet es mir auf Ihren Vorſchlag einzugehen, was ich hinterlaſſe, kömmt meiner Schweſter zu, und erſt wenn auch ſie geſtorben ſein wird, werden ſich ihre drei Kinder in das kleine Erbgut theilen. Uebrigens, ſetzte der Doktor hinzu,darf Lich ja vielleicht auch allein nicht darüber entſcheiden, adenn am Ende liefe mein Geſchenk noch Gefahr, nicht

einmal angenommen zu werden; wir wollen meine Nichte rufen und ſehen, was ſie dazu ſagt.

Man ließ Klärchen kommen; Renoult erklärte ihr die Bedingungen, an die ihre Verheiratung mit Jerome geknüpft werde. Für ſeine Perſon zeigte er ſich ganz bereit zur Ueberlaſſung der Erbſchaft, wie man ſie fordere, und er wartete nur noch auf die Zu⸗ ſtimmung ſeiner Nichte, weil die es wiſſen müſſe, welchen Eindruck die Sache auf ihre Mutter machen, ob ſie nicht dieſe Bevorzugung Klärchens vor ihren Geſchwiſtern ſehr unliebſam aufnehmen würde. Nachdem er ſeine Auseinanderſetzung beendigt, frug er Klärchen zwei⸗

ſoll der arme Jerome machen mit einer Frau die

nichts hat, ſetzte ſie dann jedesmal hinzu in einem Tone, 18 der ihre tiefe Herzenspein verrieth.Nie wird mein Mann Hohn

mal, ob ſie dieſelben auch gut verſtanden. Vollſtändig, antwortete Klärchen, indem Jronie, Aerger und Scherz zugleich um ihre

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