40 Erinnerungen.
der Erziehung ſeiner Kinder. Er bewarb ſich um keinen Platz, verwaltete kein Amt und begnügte ſich einzig damit, glücklich zu ſein. Möchten wir Alle in Letzterem ihm gleichen!
Holzſchläger und Flößer').
(Hiezu die Bilderbeilage.) N ſ8 inque!
d 1) Hahahaha!“ ſchallt brüllendes, heiſeres Geſchrei haus der Oſteria von Cremaglia. Die ſouveränen ſ Bauern dieſes, auf hoher Berg⸗Terraſſe liegen⸗ den, teſſiniſchen Dörfchens ſitzen beim vollen Boccale des feurigen Weines von Kugnasko und ſpielen, die Finger auf dem Tiſche beinahe ſich wund ſchlagend und Tollhäuslern gleich einander gegenſeitig anſchreiend, mit leidenſchaftlicher Lebhaftigkeit das be⸗ liebte Mora⸗Spiel. In Deutſchland und diesſeit der Alpen würde man die Geſellſchaft für Wahnſinnige halten, ſo geberden ſie ſich in aller Liebe und Freundſchaft; das iſt eben italieniſches Blut.— Der leventiner Aelpler, oder der aus der Tiefe des Val Maggia iſt ein ganz gelaſſener Mann, ſo lange die Leidenſchaften ihn nicht aufregen; Streit, Geſellſchaft, ein fröhlicher Trunk geſtalten ihn völlig um, und machen aus dem ſonſt ſo beſonnenen, ruhigen Menſchen einen hitzigen, tobenden Poltron. Was aber regt heute, an einem Werktage dieſe Handvoll Leute ſo auf?
Die ganze Gemeinde von Cremaglia iſt officiell bei⸗ ſammen. Gianella, der Holzſpekulant von Comprovasco im Blenio⸗Thale, hat wieder einen großen Wald der Gemeinde a bgekauft und gibt einen Trunk obendrein. Die Ratifikation des Kaufes wird ſoeben von der Muni⸗ cipalità ausgefertigt und die baare, klingende Kauf⸗ ſumme für dieſes veräußerte Gemeinde⸗Gut kommt nicht etwa in die Kaſſe des Patriciato, um daraus Straßen zu bauen, Schulen und Almoſen⸗Bedürftige zu unter⸗ ſtützen, ſondern die Vicini oder Gemeinde⸗Nachbarn ver⸗ theilen den Betrag unter ſich, ſo daß ein Jeder mehrere hundert Lire bekommt. Darum ſind heute die Confede- rati von Cremaglia ſo heiteren Humors.
Ein jeder ehrſame, deutſch⸗ſchweizeriſche Burger, der mit Stolz auf den„Gemeinde⸗Säckel“ und das „Stockamt“ blickt, der etwas auf den ökonomiſchen Stand ſeines Orts⸗Haushaltes gibt, oder ein jeder andere civiliſirte Menſch, der überhaupt kultivirte Begriffe von den geordneten Verhältniſſen ſorgſam⸗verwalteter Kom⸗ munal⸗Güter hat, wird vor ſolch' einer urgemüthlichen Handhabung der Verwendung von Genoſſame⸗Gütern zurückſchrecken, der teſſiniſche Bauer nicht. Er hat keinen Begriff von der Nothwendigkeit eines geregelten, ſtaatlich⸗beaufſichtigten Forſthaushaltes. Seine Berge⸗
sette! tre! Cinque! quatter! due!
¹ And den„Alpen in Natur⸗ und Lebensbildern“ von A. Verlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er⸗ kaubriß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ſind noch reich an Hochwäldern, wenigſtens ſeiner Mei⸗ nung nach, die ihn und ſeine Kindeskinder überdauern,
und bis dahin, wo Holznoth eintreten könne, wachſen neue Waldungen an Stelle der abgeholzten. So räſonnirt der Bauer. Früher gab's allerdings meilengroße Forſte, die ſeit Jahrhunderten unbenutzt geblieben waren. Als dann in der benachbarten Lombardei die Holzpreiſe ſtiegen, kamen italieniſche Spekulanten in die Schweiz, unterhandelten, kauften um Spottpreiſe, und ganze Ge⸗ birge wurden ihres koſtbaren Schmuckes beraubt.
Jetzt ſoll auch wieder ein großer, ſchöner Hochwald, tief in den hinterſten, geſchluchteten Thälern, am Fuße des Rheinwaldhornes, unter dem Beile der Borratori fallen. Die Waldung liegt weit von der Straße ab und wohl einige Tagereiſen entfernt von dem lombardiſchen Orte, wo das Holz an den Sägemüller verkauft wird. Durch den Transport auf der Achſe würde das Holz zu einem enormen Preiſe hinaufgetrieben werden, den Niemand zahlte; deßhalb müſſen andere Transportmittel erſonnen werden, namentlich auch ſchon, um nur das Holz aus den tiefverſteckten, einſamen Gebirgs⸗ winkeln erſt in die Nähe menſchlicher Kommunikation zu bringen.
Ueberall, wo große Bergſtröme von den Alpen herabkommen, ſind auch die Thalwände ſehr von Wal⸗ dungen entblößt. Das Holz, welches nach Gewicht und Volumen in keinem Verhältniß zu ſeinem Werthe ſteht, iſt, bei nur einiger Entfernung, ein undankbar zu trans⸗ portirendes Naturprodukt. Darum nahm man die Flüſſe für den Transport des Holzes in Anſpruch, und deßhalb griff die Axt zunächſt diejenigen Forſte an, welche in der Nähe kräftiger Waſſeradern lagen. Auffallend entwal⸗ deter iſt die Südſeite der Alpen als die nördliche. Das ſtark bevölkerte Italien erzeugte von jeher nicht ſeinen Bedarf an Hölzern; deßhalb griff es in die Alpenwälder und rückte, Schritt für Schritt, immer weiter gegen den Kern der Forſtſchätze emporſteigend, mit ſeiner Plün⸗ derungsſpekulation vor, bis jene auffallende Entblößung an den Südhängen entſtand, welche uns bei jedem Berg⸗ Uebergange ſo ſehr auffällt. Die leicht und frei gelege⸗ nen Forſte fielen zuerſt, und als dieſe gelichtet waren, drang der Wälderhandel immer tiefer in die Seiten⸗ thäler und die holzreichen, verwinkelten Gebirgsſchluch⸗ ten ein, die früher ſelten eines Menſchen Fuß betrat. Hier wächſt, mit dem Näher⸗Eindringen an den Gebirgs⸗ kern, auch die Böſchung, die Zerklüftung des Bodens. An ſtotzigen Bergwänden, die gar oft der Abdachung eines Kirchthurmhelmes wenig nachſtehen, klettern die Lärchen und Rothtannen wie rechte Sturmbäume mu⸗ thig hinan, daß einer dem andern immer weit über die Wipfelkrone hinwegſchaut. Dann aber gibt's da drin in den Winkelmyſterien der großen Gebirgsfalten iſolirte Kegel, rings von Abgründen umgeben, die prächtige Waͤlderkapuzen auf ihren Felſenſchädeln tragen. Wie eine Gruppe von Baumſchildwachen oder wie die kleine, muthige Beſatzung einer Feſtung ſtehen ſie da droben unantaſtbar, weil Niemand, ſo lange es noch bequemer zu fällendes Holz gab, auf den übermüthigen Gedanken kam, die Epkluſiven da droben anzugreifen. Freilich


