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3— Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
gegen meinen Willen nur zu Ihrer Entdeckung bei⸗ tragen.“
„Du ſprichſt ſo weiſe, wie die Königin von Saba. Liebe mich wenigſtens ſo lange wir hier beiſammen ſind. Auch ich trage Bedenken, Dich in mein Mißgeſchick zu verflechten.“
„Was,“ ſagte ſie lebhaft,„Sie ſind auch ſo arm wie ich?“.
„Ich bin noch tauſendmal ärmer als Du, denn ich habe rein nichts, aber tauſend Bedürfniſſe, die Du nie kennen lernen wirſt. Einſt war ich reich, jetzt ſind meine Güter eingezogen, und ich ſelbſt treibe mich wie ein verfolgtes Wild im Lande herum.“
Sie erhob ſich mit dem lauteſten Freudenausbruche. Sie klatſchte in die Hände und tanzte mit ſeltſamen Sprüngen um den Tiſch. Roland ſah ſie mit ſonder⸗ barer Ueberraſchung an.
„Mein lieber Marquis,“ ſagte ſie endlich, indem ſie ihm um den Hals fiel,„Du gefällſt mir und ich liebe Dich, Du haſt nichts, komm mit uns und ſei frei. Freiheit wiegt alles Geld auf. Kannſt Du Guitarre ſpielen?“
„Ein wenig.“
„Gut, das trifft ſich vortrefflich. Wir ſuchen grade einen Spielmann, der mich begleitet, denn Rudolf iſt ein Tölpel, der nur Centnergewichte mit den Zähnen aufheben, flammendes Werg eſſen und Hühnchen mit ſammt den Federn verſchlingen kann. Er beſitzt keine Eleganz und feine Lebensart.“
„Wer iſt dieſer Rudolf?“
„Nun, der Säbelfreſſer, der mich in ſeinen Schutz genommen hat.“
„Du liebſt ihn?“
„Ich gebe mir Mühe, ihn zu ertragen.“
„Iſt er eiferſüchtig?“
„Selten; aber wenn er es iſt, greift er gleich zum Meſſer.“
„Und da ſoll ich bei der Geſellſchaft ſein?“
„Wir ſtecken Sie in eine Perücke und in einen bunten Rock; da wird Sie niemand erkennen.“
Roland ſchüttelte bei dieſen Worten der Zigeu⸗ nerin den Kopf. Er ſah ſich ſchon als poſſenreißenden Bajazzo der Geſellſchaft und dieſe Vorſtellung erkältete die neu auftauchende Liebe ſeines Herzens.
„Werden Sie mich ohne Andenken an dieſe Stunde laſſen?“ fragte die Zigeunerin.
Roland griff traurig in die Taſchen. Glücklicher⸗ weiſe hatte er noch eine Uhr von großem Werthe.
„Dieſe Uhr würde Sie nur verrathen,“ ſagte ſie, und mit einer ſchnellen Bewegung entwandte ſie ihm den koſtbaren Gegenſtand.
Der Marquis bat ſie dafür um ihre Guitarre. Die Zigeunerin bot ſie ihm mit vieler Anmuth dar umarmte ihn haſtig und war im Augenblicke darauf durch die Thür verſchwunden. Roland ſah ſie nach Moulin zu mit der Schnelligkeit eines Rehes laufen, dem die Jäger nachſetzen. Seufzend machte er ſich ſelbſt wieder auf den Weg nach dem Schloſſe von Dives.
„Wie ſchade,“ ſagte er ſich,„daß eine ſo vollendete Schönheit auf den Märkten herumzieht. Die arme Sara,
die in Mainz die Bewunderung aller ſauerkrauteſſenden Deutſchen war, iſt nicht würdig, ihr die Schuhriemen aufzulöſen. Und erſt Louiſel Welche traurige Figur muß ſie in dieſem düſtern Schloſſe ſpielen, wo der lang⸗ weilige Onkel nichts anderes zu reden weiß, als von ſeinem Zipperlein und von den Tagen der Vorzeit. Ich werde ihr hoffentlich Unterhaltung bringen, und ſie wird
mir es nur Dank wiſſen, daß ich viel gelebt habe.“
Dieſer Gedanke machte ihn lächeln.
Ohne Hinderniſſe ſetzte er ſeine Reiſe fort. Ueberall traf er bei den fröhlichen Weiſen, die er auf der Guitarre ſpielte, und bei ſeinen Schlachtberichten, die er hübſch auszuſchmücken verſtand, herzliche Aufnahme. Das No⸗ madenleben fing an, ihm zu gefallen und er vergaß nach und nach ſeine konfiscirten Güter, die eigene Lebensge⸗ fahr und faſt ſelbſt das Ziel ſeiner Reiſe.
Da er die Gegend um Dives ſehr gut kannte, wich er der Stadt aus und gelangte auf einem wenig betre⸗ tenen Fußſteige in die große Allee, die zum Schloſſe führte. Die Sonne war ſchon untergegangen, als er unter den Fenſtern des alten Ademar ankam.
Um nicht von den Dienern erkannt zu werden, drückte er den Hut tief in die Augen und öffnete mit demüthigem Weſen die Schloßthüre.
„Was wollen Sie?“ fragte ihn barſch ein Diener.
„Ich bin ein armer Spielmann,“ ſagte Roland, „und bitte um Herberge für dieſe Nacht, deann ich habe mich in dem Gebirge verirrt.“
Man ließ ihn eintreten und führte ihn in die Küche, wo er ſich, mit dem Rücken gegen die Flamme des Ke mins gewendet, niederließ. Eine rauchige Lampe ver⸗ breitete ein nur ſchwaches Licht in dem düſtern Raume, daß man ihn nur mit Mühe zu erkennen vermocht hätte.
„Wollen Sie einen Teller Suppe mit uns eſſen?“ fragte ihn der Bediente, der ihn hereingeführt hatte.
Roland ſchüttelte den Kopf und ſagte mit möglichſt verſtellter Stimme:„Ich habe ſchon zu Nacht gegeſſen, aber ich will Euch etwas aufſpielen, daß Ihr tanzen könnt.“ Zugleich nahm er ſeine Guitarre zur Hand und griff einige Accorde.
„Woher kommen Sie denn?“ fragte eine neugie⸗ rige Magd.
„Von der deutſchen Grenze, wo man ſich ſchlägt.“
„Sie waren bei den Schlachten zugegen?“
„Ich bin Soldat und bin im Felde verwundet worden. Man hat mir den Abſchied gegeben und jetzt lebe ich vom Guitarreſpiel.
Bei den Worten„Schlacht und deutſche Grenze“ ſpitzte Alles die Ohren und bildete neugierig einen Kreis um den Fremden. Auf einmal aber öffnete ſich der Kreis, um dem Fräulein von Dives Platz zu machen. Ro⸗ land verneigte ſich ehrfurchtsvoll.
„Da iſt ein Soldat, welcher aus dem Kriege zurück⸗ kehrt,“ ſagte die Magd, die ſchon geſprochen hatte.
Louiſe betrachtete den Marquis, ohne ihn jedog bei der herrſchenden Dunkelheit zu erkennen, und ſag ihm mit freundlicher Stimme:„Wollen Sie zu uns den Salon kommen? Mein Vater wird ſich freuen, zu ſehen und mit Ihnen zu ſpeiſen.“


