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12 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Schwinget die ſtärkſten und gewandteſten Kämpfer bei⸗ der Parteien die letzten ſind und jede Thalſchaft ihre endliche und entſcheidende Siegeshoffnung auf ihren Mann ſetzt, es alſo gilt, die Ehre des Tages für eine ganze große Gemeinde zu retten, ſo entfaltet ſich mitunter ein Schauſpiel eigener Art. Beide Ringer einander fürch⸗ tend, ſuchen ſich nur defenſiv zu verhalten, jeder nur ſeinen Fall zu verhüten und dadurch den Sieg des Geg⸗ ners unmöglich zu machen. Dann weichen beide in der Regel von der gewöhnlichen Schwingart ab. So wie die beiden Gymnaſten ſich ordnungsmäßig gefaßt haben, laſſen ſie ſich, der eine genau die Stellung des andern abmeſſend, auf's rechte Knie nieder und entfernen ſich mit dem ganzen Unterkörper, ſo weit es Griff und Mus⸗ kelanſpannug erlauben, von einander. Fürchtet der Eine auf dieſe Art von ſeinem Gegner mit übermächtiger Ge⸗ walt dennoch gelüpft zu werden, ſo legt er ſich platt auf den Bauch, worin ihm dann auch der Mitkämpfer folgen muß. In ſolch unnatürlicher Stellung martern Beide einander oft eine halbe Stunde lang, winden ſich am Boden wie kriechende Schlangen, und ſpannen Sehnen und Muskeln ſo übermäßig an, daß von dem furchtbaren Kraftaufwande das Antlitz braunroth er⸗ ſcheint. Vermag nun Keiner durch Ausdauer, Kraftüber⸗ maß oder Liſt den Gegner zu bewältigen, ſo ſtehen ſie endlich freiwillig, aber zum Tode erſchöpft, vom Kampf⸗ platz auf, bekennen einander mit traulichem Handſchlag gegenſeitig ihre Männerſtärke, und keine Partei kann ſich des Tagesſieges rühmen.— Sie iſt wild, ja faſt barbariſch, dieſe Kundgebung der phyſiſchen Kraft; aber ſie legt Zeugniß ab für ein männliches, kampfbereites Volk, für ein Geſchlecht, das nicht verweichlicht iſt und noch Muth und Ausdauer genug beſitt, für ſeine Ehre, ſeine Freiheit und ſein Vaterland mit äußerſter Ent⸗ ſchloſſenheit zu kämpfen.
Der originellſte Lupf, ſo weit überhaupt dieſe Kraftprobe volksthümlich exercirt wird, findet im Re⸗ fektorium des Kapuzinerkloſters zu Appenzell im Bei⸗
ſein der Mönche ſtatt. Im Herbſt nämlich bringen an⸗
einem beſtimmten Tage junge kräftige Burſche von nah' und fern Natural⸗Lieferungen an Wein, Früchten, Holz u. ſ. w. dem Kloſter freiwillig dar. Für dieſe Geſchenke nun laſſen die Mönche den Lieferanten eine feſte Mahl⸗ zeit verabfolgen, und als Deſſert, wenn die Tiſche hinaus⸗ geräumt ſind, wird zur Ergötzung der Konventualen im Refektorium von den Burſchen ein Schwingen zum Beſten gegeben. Die Mönche ſtehen auf Tiſchen und Stühlen, nehmen den lebhafteſten Antheil an dem Ver⸗ laufe des Zweikampfes und lachen oft ſo draſtiſch, daß die Schwinger über das Gelächter der Mönche ſelbſt in’'s Lachen gerathen und kampfesunfäl Dieſe Kloſter⸗Arena iſt ſo landesbekannt, daß ſich die Burſche das Jahr über nicht nur wegen Streitigkeiten auf den„Kloſter⸗Lupf“ laden, ſondern recht herkuliſch⸗ ſtarke junge Männer„Jedem im ganzen Lande aus⸗ bieten“, d. h. einen Jeden, der ſich mit ihnen meſſen will, einladen, im Kloſter zu Appenzell am genannten Tage zu erſcheinen.
Der Reſt des Tages verläuft auf einer Alpſtubete,
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wie er begonnen, nur daß die Freude, ſtatt zu ſinken ſich noch ſteigert. Bald verſinkt die Sonne; des Waldes Rieſen
Heben höher ſich in die Lüfte, um noch
Mit des Abends flüchtigen Roſen ſich ihr
Haupt zu bekränzen. In ungetrübter Glückſeligkeit hüpft jedes Mädchen, an ihres Buben Hand, über Stock und Stein hinab in's Thal.
Aus dem ſiebenbürgiſchen Sachſenlande. Von P. J. (Schluß.)
ES) ei aller dem ſächſiſchen Bauer nicht abzuſpre⸗ J ende Wohlhabenheit iſt jeder Vater und jede Mutter froh, wenn ihre Kinder ſo weit gediehen, —₰“) daß ſie ſich bald einen eigenen Herd gründen — können. Iſt die Tochter mit Gottes Hilfe bald 85„1000 Wochen alt“ geworden und hat der Junge„lange genug die Beine unter der Eltern Tiſch hängen laſſen“(d. h. ſich von ihrem Brode genährt), dann rückt die Zeit der Heirat raſchen Schrittes heran. Dieſer ſehen ſie denn auch mehr als das Elternpaar mit ungeduldigem Bangen entgegen; denn der Weg bis dahin iſt ein weiter und ſehr komplicirter.
Nachdem das Mädchen zur„Magd“ geworden und in Folge deſſen Borte, Mantel und Pelz zu tragen begonnen, der„Junge“ aber zum„Knecht“, d. h. in Hut, Gürtel und Pelz erſcheinen darf, bedia der erſte Akt des Heiratsdramas: das„heimliche Liebetreiben“. Man trifft ſich bei Tanzbeluſtigungen und in den Spinn⸗ ſtuben zu geſelligen Verkehren. Der Knecht zeichnet die „Seinige“ an beſonderen Tagen vor ihren Geſpielen aus, ſteckt ihr z. B. am Palmſonntage Palmzweige auf oder in’'s Dachfenſter ein Büſchel Palmkätzchen, am Pfingſt⸗ morgen Maibäume; am Namenstage oder ſonſtigen feſtlichen Gelegenheiten ſchenkt er ihr Bänder, Kleider, Tücher u. a. m. Dafür erhält der Knecht alle Sonn⸗ und Feiertage die ganze Blumenzeit hindurch große Blumenſträuße, die er ſich unter dem Kirchenläuten ab⸗ holt und auf den Hut ſteckt.—
Während man ſo„heimliche Liebe treibt“, be⸗ ſtürmt die Magd fort und fort das Schickſal, um in der wichtigſten Lebensfrage ſichern Aufſchluß zu be⸗ kommen. Die Wege, die dazu führen ſollen, ſind oft zahllos und mehren ſich noch ſtets bei dem unausge⸗ ſetzten Sinnen und Trachten des Menſchen, den ge⸗
heimnißvollen Schleier der Zukunft zu lüften. Hier mögen nur die allverbreitetſten„bedeutungsvollen Zei⸗
chen“ ihre Stelle finden:
So viel Finger einem Mädchen knacken, ſoviel Schätzchen hat es.
Verſalzt es die Suppe oder läßt es das Eſſen anbrennen, ſo iſt es verliebt.


