Heft 
(1861) 1 01
Seite
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10 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

dränge, welch wogendes, ſchwirrendes Durcheinander! Da iſt das Feſt im vollſten Gange ſchon.Wer gerne tanzt, dem iſt leicht gepfiffen! Erhöht auf einem Felſen⸗ block hat ein Orcheſter ſeine Kunſtwerkſtätte aufgeſchla⸗ gen. Zwei Muſikanten ſind s, Autodidakten, die hemd⸗ ärmelig dem Volke neckiſche Weiſen aufſpielen. Der eine hat das Hackbrett auf den Knieen, den Urgroßvater aller pianiſtiſchen Inſtrumente, deſſen Saiten er mit dem Stahlſtäbchen hellſchwirrende Metalltöne in kecken, zucken⸗ den Rhythmen entlockt. Sein Sekundant iſt ein Geiger, ebenſo ein origineller Kauz; voll Witz und ſprudelndem Humor ſchmückt er die ohnehin ſchon herausfordernd muthwillige Melodie noch mit Schnicken und Schnacken aus, lebt und zappelt am ganzen Körper, und ſtampft mit den Füßen metriſch den Takt zu ſeinen muſikaliſchen Arabesken. Der arme Narr ſchwitzt über und über, und um bei ſeiner ſchweren Arbeit wenigſtens einigen Schutz zu haben, ſo hat er den Baldachin eines großen, roth⸗ baumwollenen Familien⸗Regenſchirmes, an einen lan⸗ gen Stock gebunden, hinter ſich aufgerichtet, in deſſen leuchtendem Schatten er ſein Tagewerk vollbringt.

Juſt ſo iſt's dem Volke recht; das iſt die Muſik, die es ſucht und haben will. Stellt ihm die Virtuoſen einer fürſtlichen Kapelle hin; mit aller ihrer Prä⸗ ciſion und Glockenreinheit im Spiel vermögen ſie es nicht, das ſinnenberauſchte Alpenvölklein ſo auf dieſer zitternden Höhe der Glückſeligkeit zu erhalten und zu balanciren, als der verſchmitzte diaboliſch⸗anſpannende Dorfgeiger. Und nun der Reigentanz ſelbſt, der uralte, den heute noch die Indianer und wilden Völker bei ihren Feſten tauzen, der große, runde Ring von Men⸗ ſchen⸗Armen, die zu einer Kette verſchlungen, den braunbemooſten Felſenklotz umjauchzen. Was iſt das noch ein primitives Springen und Bewegen im Ver⸗ gleich mit dem äſthetiſch⸗feenhaften Schweben der Kunſt⸗ tänze auf unſeren Soiréen und Bällen! Und dennoch iſt Grazie und Anmuth darin, weil Natürlichkeit aus jeder Körperwendung ſchaut. Die Buben haben ſich bei den Händen gefaßt, und in jedem ſolchen männlichen Armſeſſel lehnt, ſich ſicher wiegend, die Sennerin, indem ſie ihre Arme leicht und nachläſſig auf die Schultern ihrer beiden Tanznachbarn legt. Es liegt eine ſchelmiſche Koketterie in dieſem Geflecht, die ungemeinen Reiz hat und wellenhaft ſchöne Formen darbietet. Daneben wer⸗ den Extratouren gegeben. Ein Burſch, dem's in den Füßen zittert und zuckt, als ob ein galvaniſcher Strom ihn durchbrauſe, hat ſeine Tänzerin mit beiden Händen beim Mieder gefaßt, rundwirbelt kreiſelartig auf einem Plätzchen, das eben groß genug iſt, um vier menſchlichen Füßen Raum zu gewähren, durchbohrt die Lüfte mit ſeinen maifriſchen Jauchzern und ſchwingt das lachende Alpen⸗ kind hoch über ſich wie ein Spielzeug ſeiner roſigſten Laune.

Jetzt, als wollt' es mit Macht durchreißen die Kette des Tanzes Schwingt ſich ein muthiges Paar dert den dichteſten Reih'n. Schnell vor ihm her entſteht ihm die Bahn, die hinter ihm ſchwindet, Wie durch magiſche Hand öffnet und ſchließt ſich der Weg. Schiller.

So gaukelt und brauſt es durcheinander, ein im Entſte⸗ hen ſich ſchon wieder verzehrendes Bild.

Das iſt der innere Kern, das Centrum der Freude und Luſt. Mit reichen, lebensvollen Gruppen, je wenig Menſchen ein draſtiſches Genrebild aufſtellend, iſt dieſe große Scene eingefaßt. Auch die Kühe ſind herzuge⸗ kommen und ſtarren mit verwunderten Augen hinein in das Gedränge, das ihrem ſtillen Tempo ſonſt ſo fremd iſt. Durch lautes Blöken geben ſie ihre Theil⸗ nahme zu erkennen; ſoll's ein Proteſt ſein, daß man ihren kräuterreichen Futterboden ſo übermüthig zer⸗ ſtampft, oder ſind's Beifallsbezeigungen in der Kuh⸗ ſprache! Der Gaumer, der ſich an einem Glaſe Wein er⸗ götzt hatte, geſtattet aber ſolche familiäre Einmiſchung der Hausthiere nicht und jagt die mit geſtrecktem Schweif zurückgaloppirenden Thiere wieder auf das ihnen zur Weide angewieſene Terrain.

Endlich lechzt und ſchnauft und fieberglüht der ganze Kreis unter dem Druck der ſengenden Strahlen, der Regenſchirm⸗Geiger und derHackbrettli⸗Ma, die Buben und Mädchen müſſen raſten vom Uebermaß der Luſt.

Da zieht ein neuer Kreis, den wir bisher nicht beachtet hatten, unſere volle Aufmerkſamkeit auf ſich. Ein großer, ſchwerer Centnerſtein fliegt durch die Luft und fällt dumpf dröhnend auf den Boden; gellendes Ge⸗ lächter folgt. Das ſind die Kraftproben im Steinſtoßen, dieſes wiederum uralte Aelplerſpiel, eine Mahnung an die rollenden Felſenblöcke in den Schlachten am Mor⸗ garten und am Stoß, die wie der böſe Feind in die kampfgerüſteten Züge der Ritter und Reiſigen ſchmetter⸗ ten und ſie zu Boden warfen. Hier iſt's nur Scherz, faſt nur ein Kinderſpiel im Großen, und doch bekundet es den ſtreitbaren, männlich ſich rüſtenden Geiſt, der in dieſem Bergvolke lebt und webt. Mit ſeſten Händen umſpannt der Senn den Laſtſtein, hebt ihn ſcheinbar leicht ſich auf die Schulter, während die innere Fläche der rechten Hand ihn eigentlich trägt. Das Ziel, das er im Wurfe erreichen will, iſt etwa ein Dutzend Schritte vor ihm abgeſteckt. Im wiegenden Schwanken des Ober⸗ körpers ſucht er den rechten Augenblick abzupaſſen, und plötzlich den Arm ausſtoßend wirft er den Stein dem Ziele zu. Es gilt gewöhnlich eine Wette, die durch ein Halbes Wein ausgeglichen wird.

Turnübungen wurden von den Aelplern natura⸗ liſtiſch ſchon Jahrhunderte lang exercirt, bevor derDe⸗ magogen⸗Jahn und Vater Maßmann auf der Haſen⸗ heide die erſten Lektionen gaben. Das Klettertalent der Geißbuben iſt ebenſo alt als ihr Stand, und von der Sicherheit des Schuſſes legte Wilhelm Tell ſchon vor mehr als 500 Jahren eine hiſtoriſch gewordene Probe ab. Die unterhaltendſte aber von allen Turner⸗ fähigkeiten können wir auf unſerem heutigen Aelplerfeſte ſehen; es iſt dasSchwingen oder derHoſenlupf. Im Lande Appenzell ſind ſie unmittelbar im Gefolge einer Alpſtubete; im Entlibuch und Emmenthal, im Berner Oberlande und im Kanton Unterwalden beſte⸗ hen ſie als ſelbſteigene Volksfeſte, die aber ebenſo wie dort die Stubeten ihre unabänderlich feſten Tage haben