Alpſtubete oder Aelplerfeſt. 9
Alpſtubete oder Aelplerfeſt*).
(Hiezu die Bilderbeilage.)
Ef has Volksfeſt! Dieſes Erinnerungs⸗heitere, Freude⸗ verheißende Wort, an dem die Hoffnung von — Tauſenden fröhlich emporrankt,— dieſes ſtrah⸗ lende Geſtirn im trüben Gedränge des einförmi⸗ gen Alltagslebens! wie ſehr entſchwindet unter dem Einfluſſe der fortſchreitenden, mächtig⸗um⸗ geſtaltenden Zeit, immer mehr ſein urſprüngliches, kind⸗ liches, harmloſes Weſen! wie verliert es täglich mehr an friſchem Geiſt und Gehalt, und bleicht zum blaſſen, mark⸗ und körperloſen Schemen abl Schon müſſen ſinnen⸗ berauſchendes Gepränge und eitler Tand jene Gemüths⸗ Armuth und Blöße decken, die mit dem Ueberwuchern des Scheins, auch bei den Feſten, wie eine böſe Seuche immer ſchrecklicher um ſich greift. Da tritt uns denn ein Aelplerfeſt in ſeiner ungeſuchten Einfachheit, in ſeiner natürlich⸗ſprudelnden Luſt, als eine wohlthuende Erſchei⸗ nung entgegen. Wie ſich ſo Manches in Sitten und Gebräuchen noch rein und ungeſchminkt beim Gebirgs⸗ volke erhalten hat, gleich als ob der harte, feſte Grund und Boden, auf dem es lebt, auch in ſein Denken und Handeln übergegangen wäre, ſo ſehen wir noch heute den kecken muskelſtrammen Burſchen auf der Alp die Spiele üben, an denen ſich die Aelterväter vor Jahr⸗ hunderten ergötzten und ihrer Zeit ein kräftiges und unerſchrockenes Geſchlecht gaben. 3 Alpſtubeten oder Dorfeten ſind Hirtenfeſte, die ſo alt ſein mögen, als die Sennerei, die ſo lange beſtehen, als die Herden zur Alp getrieben werden. Ihr Name iſt ebenſo naiv und an die Anfänglichkeit der Zuſtände erinnernd, wie ihr Weſen und Verlauf heute noch iſt. In jenen zerſtreuten Gebirgsdörfern, die aus den all— mäligen Anſiedelungen und Familien⸗ Erweiterungen entſtanden, die abſeit der großen Handelswege und Ver⸗ kehrsſtraßen lagen, gab es bis in die jüngſte Zeit, und gibt's ſogar heute noch in Savoyen, Wallis, Graubün⸗ den und Tirol keine Wirthshäuſer mit großen Lokali⸗ täten. Die Alpenbauern kannten das Bedürfniß nicht, zu einem ihrer Nachbarn zu gehen, um bei demſelben für Geld zu zechen; Geld überhaupt kurſirt in manchen Bergdörfern faſt das ganze Jahr nicht, weil Jeder ſelbſt erzeugt, was er für ſein Haus bedarf. Wohl aber ſtellte ſich bei ihnen das Bedürfniß geſelligen Lebens, freund⸗ nachbarlichen Beſuches zum Zweck der Unterhaltung ein, und da es, wie geſagt keine Geſellſchaftshäuſer und kein Kaſino in den Gebirgsorten gibt, ſo ging man in die Stube des Andern, und dieſe Viſite wurde eine„Stu⸗ berta“ genannt. Die Bezeichnung wurde aber auch ganz beſonders auf jene Zuſammenkünfte junger Leute ange⸗ wendet, welche zu Spiel, Geſang und Tanz ſich in der größten oder am bequemſten gelegenen Stube eines
*) Aus den„Alpen in Natur⸗ und Lebensbildern“ von H. A. Berlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er⸗ laubniß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble.
Erinnerungen, LXXXII. 1861.
Nachbars zuſammenfanden, und dieſe improviſirten Ge⸗ ſellſchaften beſtehen überall in den Alpen und im Schwarz⸗ walde noch. Sie ſind nun keineswegs immer ſo harm⸗ loſen, idylliſchen Charakters, dieſe eigentlichen Stuben⸗ zuſammenkünfte, wie man behaupten will, ſondern ſie ſind vielſeitig Urſache immer größerer Entſittlichung des Volkes.
Anders verhält ſich's mit unſeren Alpfeſten, auf welche man, da es gleichfalls Beſuche und Vergnügungs⸗ Anläſſe, wie die drunten im Dorfe, ſind, auch den gleichen Namen übertrug. Der Tag ihrer Feier ſteht ebenſo feſt wie der eines Kalender⸗Heiligen, und hängt, wie ſchon bemerkt wurde, in den katholiſchen Gebirgsgegenden meiſt mit der Feier eines Patronatsfeſtes zuſammen. Alles Bergvolk, das während des Sommers ſich mehr vereinſamt fühlt als zu jeder anderen Jahreszeit, weil die Hälfte droben in den Alpen, die andere Hälfte drunten im Thale lebt, ſtrömt nun mit Ungeduld dem allgemeinen Sammelplatze zu, hört Predigt und Meſſe herkömmlich an, und wenn dieſer althergebrachten Sitte Genüge ge⸗ than iſt, dann werden alle geiſtigen und geiſtlichen Ge⸗ danken für dieſen Tag quittirt,— die kommenden Stun⸗ den gehören nur der ausgelaſſenſten Freude. Alles Volk prangt im Sonntagsſtaat, in hellen, leuchtenden Farben. Dazwiſchen mangelt's nicht, daß auch ein Senn im Chrenkleid der Stall⸗Arbeit, wenn nicht zum Schmuck, doch zur maleriſchen Ergänzung der Gruppen, ſich zwi⸗ ſchen den Feſtgenoſſen bewegt. Unter lautem Jubelruf und johlenden Zauren, und„Löcklen“, daß die Berg⸗ wände es gellend wiederhallen und die Lüfte von klin⸗ gender Freude erfüllt ſind, ſpringt nun jeder Sennbub mit dem Mädchen ſeiner Neigung zu den umliegenden Sennhütten. Hier iſt ſchon Alles auf den Beſuch vorbe⸗ reitet; Krapfen und Küchli, Birnenweggen'und geſchwun⸗ gener Nidel(zu Schaum geſchlagener fetter Rahm), lockend feines, weißes Weizenbrod und Wein, genug, was des Alpenſohnes Kunſt vermag, wird hier in Menge zum fröhlichen Mahl aufgetiſcht. Das iſt ein Scherzen und Koſen, ein Föppeln und Necken, mitunter weidlich derb und unglimpflich, wie's eben Sitte iſt da droben.
Noch einmal trennt ſich das junge Volk. Die Mäd⸗ chen ziehen ſcharenweiſe ſingend umher, ſuchen die be⸗ kannten Stellen auf und zwingen die Gnomen der Felſen⸗ wände, durch alle Tonarten hindurch ihnen als Echo zu ſekundiren. Es iſt der vollendetſte Uebermuth, die auf's Aeußerſte geſpannte Elaſticität des Humors und der Freudenbegierde, die ſich zu entladen beſtrebt und nun jeden Anlaß benutzt, um das Ueberſelige der Stimmung zu bethätigen. 4
Die Sonne ſteht hoch! Der Himmel ſtrotzt im tief⸗ ſten Blau des unendlichen Aethers! Da jauchzts und ruggüßelet es aus jedem Winkel hervor, von allen Hal⸗ den herab. Wo irgend eine Hütte hinterm Tannenſchopf verborgen liegt, oder wo es über einen Bühel hinauf⸗ führt in ein anderes Berggut, oder der ſchmale, ſchlän⸗ gelnde Pfad hinüberläuft über's Tobel zur Nachbar⸗Alp, von allen Seiten ſtrömt's herbei, das genußdurſtige Volk, elektriſche Freudenblitze durch die Lüfte ſchleudernd. Heil drunten auf dem Plan der Bergwieſe, welch ein Ge⸗


