und ſein Hirn bleibt trotz dem Biere, dem er ſehörig zuſpricht, trocken. So oft er an ſeine
ben denkt, ringt ſich ein ſchwerer heimlicher eufzer aus ſeiner Bruſt..
Wehe, wehe, wenn ein Philiſter je in ſeinem Leben einige Stunden über das Weichbild ſeiner Geburtsſtadt hinausgekommen iſt, das heißt, wenn er je eine kleine Reiſe gemacht hat; mögen es zwanzig, dreiß g, ja vierzig und ſelbſt fünfzig Jahre her ſein, er hat ſie noch getreu in ſeinem Gedächtniſſe, er weiß noch genau, was er auf ſeiner Reiſe gehört und geſehen, gegeſſen und ge⸗ trunken, denn ſo oft ſich Jemand nur fünf Mi⸗ nuten mit ihm unterhält, muß er auch die Er⸗ zählung ſeiner großen Reiſe anhören.
Um indeß einen Jenenſer Philiſter recht würdigen zu lernen, muß man ihn auch am Abende auf dem Heimwege betrachten, wenn er ſeine fünf oder ſechs Kannen Lichtenhainer ge⸗ trunken hat. Dann iſt ſeine ſteife Verfaſſung ganz entſchieden umgewandelt. Sein Rock iſt nicht zu⸗ geknöpft, ſeine Mütze ſitzt ſchief auf dem Kopfe, hne Pfeife iſt ohne Kopf, und während er ſich vergeblich bemüht, ihr Dampfwolken zu entlocken, ſchimpft er auf den Kaufmann, der ihm einen Tabak verkauft, der nicht brenne. Sein Geſicht hat Ausdruck gewonnen, ſeine Arme fahren ge⸗ ſtikulirend in der Luft umher, und ſein Gang iſt ein unſicherer. So oft er den Weg verliert und in einen Graben geräth, flucht er über die ſchlech⸗ ten Wege, und wenn er jetzt an ſeine Frau da⸗ heim denkt, ballt er heimlich die Fäuſte. Jetzt hat er Muth— nähert er ſich aber ſeiner Woh⸗ nung, wird er zaghaft und ſchleicht ſich leiſe in das Haus.
Nachahmungen.
Schon in den Dichtungen der Griechen und Römer finden wir Stellen, welche durch den Klang und Fall der Worte Hewiſſ⸗ Naturlaute, wie das Rollen eines Steines, das Plätſchern der Wellen, das Geſtampfe der Roße u. ſ. w. nachahmen.
Es ſei hier beiſpielsweiſe nur an den Vers der Voſſiſchen Homer⸗Ueberſetzung erinnert, der noch heute im Munde jedes Gymnaſiaſten rollt:
„Hurtig mit Donnergepolter entrollte der tückiſche Marmor.“
In den Volksdichtungen tritt dieſe Nachah⸗ mung oft ganz ſelbſtſtändig auf und der Werth einer ſolchen Dichtung beruht dann meiſt nur auf der größeren oder geringeren Aehnlichkeit mit den nachgeahmten Lauten.
Nach dem Stückchen, das der Trompeter bläſt, nach dem Wirbel, den der Tambour ſchlägt, ſetzt der Soldat ſein Sprüchlein zuſammen:
Kamerad komm', Kamerad komm'! Kommſt Du nicht, ſo hol' ich Dich, Kamerad komm'.
Oder: Drei lederne Strümpf,
Zwei und drei macht fünf; Wenn ich Einen verliere, Hab' ich doch noch viere.
In gleicher Art weiß der Jäger bei ſeinem Schweifen durch den Wald den Geſang der Vö⸗
el in Worte zu bringen.
So ſingt ihm die Kohlmeiſe im Herbſte:
„Flick en Pelz, flick en Pelz! Sick Dich für, ſick Dich für!“
Die Wachtel ruft:
„Bück' den Rück'’, Ehr' ſei Gott! Ehr' ſei Gott!“
Die Krähen konverſiren:
Weeß en Aas.
„Wu laets? wu laets?“(Wo liegt es?) Hingern Barg.
„Wacker fett? wacker fett?“
Das Männchen der Schwarzdroſſel ruft:
„Liſebett, Liſebett! wirſte nit balle kummen? Süſt, ſüſt, ſüſt, ſüſt— ſüüh!“(Sonſt— ſieh!)
Dieſes„Sonſt— ſieh“ kennt ſie und beeilt ſich, vor dem Gemahl zu erſcheinen, der ſchnell beſänftigt ruft:
„Liſebetteken! Liſebetteken!“
Ddie Stimmen der Hausthiere haben ebenſo ihre Interpreten gefunden. Die jungen Lämmer fragen auf der Weide:„Gehn mer bale hem?“ Und die alten antworten:„'s werd bale wer'n.“ Die Ente ruft im Hofe:„Back, back, back!“ und die Ziege antwortet aus dem Stalle:„Kee Mehl mehr!“ u. dgl.
Bei der Nachahmung des Geräuſches, wel⸗ ches mit beſtimmten Gewerben verbunden iſt, miſcht ſich meiſt Humor und Satyre ein. So heißt es unter anderem: Wenn der Müller die Mühle anläßt, ſo fragt ſie erſt langſam:„Wer — iſt— da? wer— iſt— da?“ und antwortet dann ſchneller:„Der Müller! der Müller!“ und ſetzt geſchwind hinzu:„Stiehlt fer, ſtiehlt tapfer, drei Sechter vom Achtel.“ 6
Ein Burſche wollte zur Kirchwdih gehen, da kam er an einer Mühle vorbei, die ſagte:„Juckt Dich Dein Buckel? Juckt Dich Dein Buckel?“ Das war eine üble Vorbedeutung. Auf der Kirch⸗ weih tanzte er luſtig, aber nicht lange, ſo mußte er mit Schlägen abziehn. Als er nun Abends heimkehrte und wieder an der Mühle vorbeikam, drehten ſich die Räder ſchneller, denn es hatte
„geregnet. Da ſagte die Mühle:„Hat Dich Dein
Buckel geiuckt? Hat Dich Dein Buckel geluckt?“ Der Tiſchlergeſell bei der Arbeit:„Käſ' und Brod das mag ich nicht, Worſcht! Worſcht!“ Schneider den Faden ziehend:„Hätt' ich's, hätt' ichs!“ Schloſſer, feilend:„Ginns'n doch, ginns'n
doch!“
Der Tiſchler hobelt es ihm zu:„Do hoſteFs, do hoſtees.“
Zwei Holzſchneider, einer ſchnell, der andere langſam ſägend:„Auf Verding, auf Verding, auf Verding.“—„„Im⸗Ta⸗ ge⸗ lohn.““
Es ließe ſich eine recht reichhaltige und in⸗ tereſſante Sammlung ſolcher Nachahmungen zu⸗ ſammen ſtellen. Wir fordern jene Leſer, welche ſich dafür intereſſiren, freundlich auf, derartige Sprüchlein aus dem Volksmunde der Redaktion dieſer Blätter zukommen zu laſſen.)
Der Schlaf. Von J. N. Klarenberg.
Das nothwendigſte Uebel auf dieſer Welt iſt der Schlaf; und wenn er, als zur Geſundheit nöthig, dennoch ein Gut genannt werden ſoll, ſo iſt er wahrlich ein mit Wucher bezahltes Gut, denn um geſund zu leben, müſſen wir unſer hal⸗ bes Leben ſelbſt hingeben.
Wenn die Gewohnheit uns nicht mit allem ausſöhnen, oder gegen alles gleichgültig machen möchte, würde man ſich wohl fragen, wie es mög⸗ lich ſei, daß ein Menſch bei geſunder Vernunft, ohne dazu gezwungen zu ſein, ſich ſchlafen lege, daß er ſich freiwillig in einen offenen Sarg(Bett genannt) ſtrecke, um einen großen Theil ſeines kurzen Lebens bewußtlos und faſt ganz todt zu ſein. Man ſollte eher glauben, der Menſch müſſe den Schlaf wie ſeinen Feind fliehen und bekäm⸗
—.—
349
pfen, aber nicht freiwillig ſich dem mehrſtündi⸗ gen Tode in die Arme werfen.
Die erſten Menſchen haben gewiß nicht eher geſchlafen, als bis ſie vom Schlafe übermannt wurden und nicht länger, als dieſer ſie feſſelte. Dem guten Adam wurde ohnedieß der Schlaf ſehr verleidet, denn die erſte Nacht ſeines Lebens konnte er wohl kein Auge ſchließen, vor Troſt⸗ loſigkeit, ſich auf einmal in ewige Finſterniß ver⸗ ſetzt zu ſehen, da er ja nicht wußte, daß nach zwölf Stunden wieder Tag ſein würde. Dann verlor er ſogar im Schlafe eine Rippe und be⸗ kam dafür— eine Frau. Nun ſtörten gewiß neue Sorgen ſeinen Schlaf, ob er an einem ſchö⸗ nen Morgen nicht wieder mit einer Rippe weni⸗ ger und mit einer Frau mehr erwachen würde. Man kann demnach behaupten, daß er den Schlaf nicht ſuchte und ihm nicht nachhing, dieß geht auch daraus hervor, daß der Herr, um— ohne ſein Wiſſen— Eva aus ſeiner Rippe zu ſchaffen, ihn erſt in den Schlaf verſenken mußte.
Wen ſollte es auch gelüſten, ſtatt eines gan⸗ zen, ein halbes Leben zu führen? Wenn ein Ge⸗ ſetz den Schlaf als Strafe beſtimmt hätte, würde man ihn als halbe Todesſtrafe anſehen, während jetzt ſich jeder freiwillig dieſer Strafe unter⸗ wirft. Freilich fordert die Natur ihr Recht, aber ſie fordert auch nur ihr Recht und nicht mehr. Der lange Schlaf iſt ein Diebſtahl an ſeiner eigenen Zeit, ja zeitweiliger Selbſtmord.— Doch der Schreiber dieſes iſt ſo eben im Begriffe, die⸗ ſen Mord zu begehen, und wenn vielleicht auch die Leſer dieſer nicht Straf⸗, ſondern Schlafpre⸗ digt beim Leſen ſchläfrig geworden ſind, ſo ver⸗ anlaßt er überdieß noch fremden Mord, und der Prediger iſt demnach ſchlimmer, als ſeine Zuhörer.
Curioſa aus der Geſchichte der Frauen.
Weiberſteuer. Valerius Maximus be⸗ richtet, daß zur Zeit des zweiten Triumvirats jene drei Mordbrenner, Roms Herren, nachdem ſie Blut genug vergoſſen, geldgierig wurden und nach Erſchöpfung aller Plünderungsmethoden ſich einfallen ließen, eine Abgabe auf— die Wei⸗ ber zu legen. Die Frauen ſuchten nun einen Redner, der ihre Sache führte, allein ſie konnten keinen bekommen, denn kein Menſch mochte gegen Leute Recht haben, welche in die Acht erklärten. Da trat die Tochter des Hortenſius endlich allein hervor und unerſchrocken vertheidigte ſie die Sache der Weiber, die zugleich die ihrige war. Die Ty⸗ rannen errötheten und wiederriefen den gegebe⸗ nen Befehl. Hortenſia wurde im Triumph nach Hauſe getragen und ſo hatte ein Weib den Ruhm, an einem und demſelben Tagenden Männern ein Beiſpiel von Muth, den Weibern ein Muſter von Beredſamkeit, und den Tyrannen eine Lehre ge⸗ geben zu haben.
Unter den vielen Lobſchriften auf Weiber iſt ohne Widerſpruch die allerſonder⸗ barſte diejenige, welche im Jahre 1555 zu Ve⸗ nedig herauskam, unter dem Titel:„Tempel für die göttliche Signora Johanna von Arragonien, errichtet ihr zu Ehren von allen allerſchönſten ſchönen Geiſtern und zwar in allen Hauptſprachen der Welt.“ 4
Dieſer Beweis von Verehrung, der in der Errichtung des genannten poetiſchen Tempels be⸗ ſtand, wurde vermittelſt eines förmlichen Dekretes im Jahre 1554 von der Akademie zu Venedig dieſer Dame zu Ehren beſchloſſen. Es hatten zwar ſchon vorher einige der Mitglieder die Idee zu dieſem Denkmale der Verherrlichunf gehabt, allein man hielt es für einen allzuglücklich—


