Heft 
(1858) 11 11
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danen. Exinnerungen. ws

om Süd her ſchickt die Welt der Wüſten

Als ihrer Liebe Glutherguß

Den Alpen zu als Frühlingsgruß;

Und was des Südens Gluth geſpendet, Wird durch den Schein dem Nord geſendet; So pulſ't die Liebe in Froſt und Gluth, In Gletſchern, Wüſten und Meeresfluth.

So⸗ Föhn vorbei an mildern Küſten

Der Marienſchacht.

Eine Erzählung. Von Adolf Stern.

Mit der Kühle, welche im Monat Sep⸗ tember einen ſchönen Tag verheißt, iſt heute der Morgen heraufgeſtiegen. Die grauen Schleier um den Eichenwald im Hintergrund des Thales verflüchtigen ſich nur langſam und der reiche Thau auf den Zweigen der Wald⸗ bäume, wie auf der Wieſe, die ſich vom Wald an den Flußrand hinzieht, wird von den Son⸗ nenſtrahlen ſehr allmälig aufgeſogen. Der Eichenwald lehnt an einem gleichfalls bewach⸗ ſenen Bergrücken, und drüben über dem Fluſſe ſteigen kleine Felſen ſchroff zu mäßiger Höhe. Stromabwärts ſchaut das Auge Waldberge und Felſen in der gleichen halbſtündigen Ent⸗ fernung aneinander, aber ſtromaufwärts rücken der Felſen und die grünen Anhöhen ſich ſo nahe, daß die Strombreite nur ein Thor zu bilden ſcheint.

Erſt beim Näherkommen entdeckt der Schif⸗ fer oder Wanderer, wie drüben noch Uferraum genug für den Betrieb eines großen Stein⸗ bruchs iſt, und wie andererſeits die breite Wie⸗ ſenfläche bei ihrer Verengung Platz für einen Erinnerungen. November 1858.

Alpenglühen.

Und mit dem Föhne ſchickt die Roſe

Der Wüſte, von der Gluth verſengt,

Morganas Aug' in glüh'nder Wüſte Entlockt dem Gletſcher Alpenglüh'n, Darob erwacht an Nordens Küſte Des Nordlichts wunderſames Sprüh'n. Das ſind der ſüßen Minne Zeichen, Die ſich die fernſten Zonen reichen, Die ſchönſten Träume voll Duft und Licht, Ein ewig herrliches Weltgedicht.

ꝛr

reizend angelegten, terraſſenartig zu dem be⸗ waldeten Bergkamme emporſteigenden Garten gelaſſen hat.

Ein kleines quadratförmig gebautes Haus von einem Stockwerke, mit grünen Jalouſien an allen Fenſtern, dazu mit grünen Weinreben auf drei Seiten umſponnen, ſo daß die glän⸗ zendgraue Mauer kaum hier und dort durch⸗ ſchimmert, bildet den Mittelpunkt des Gartens. Nach dem Fluſſe hin ſchließt ein Steindamm und auf demſelben ein gußeiſernes Spalier das ſchöne Beſitzthum ab, an den übrigen Seiten iſt es von gut gepflegten Zäunen eingerahmt. Wer auf der Höhe ſich befindet, wird die Ent⸗ deckung machen, daß verſchiedene Pfade aus dem eingehegten Garten in den Bergwald führen.

Jetzt iſt eben Alles noch unbelebt; das Dampſſchiff, welches den Strom herauf eilt, hat eine Viertelſtunde nach abwärts eine Glocke ertönen laſſen und wenige Paſſagier einge⸗ nommen, nun aber ſchießt es flüchtig durch das Felſenthor. Einzelne Geſtalten, die fröſtelnd auf dem Verdeck auf⸗ und niedergehen, ſchauen nach der Villa im Garten dort, bei dem Stein⸗ bruch drüben. Natürlich wähnen ſie ſich unbe⸗ obachtet, und das müßte auch ein ſcharfes Auge ſein, welches entdecken wollte, wie eines der

Seitenfenſter im kleinen Hauſe an der Ece mitgebrachte

Des letzten Hauches lind' Gekoſe

Der Alproſ' die der Froſt bedrängt. Vom Kuß der Wüſtenroſ' erglühet

Das Bergkind, das dem Eis erblühet; So ſteht das Leben von Süd und Nord In treuem Bunde, und zeugt ſich fort.

Pl. Plattner.

nach der Vorderfronte ſchon geöffnet ſteht, und die kühle Luft in das Zimmer, zunächſt aber in das Geſicht eines jungen Weibes wehen läßt, das am Fenſter Platz genommen. Während der Dampfer ihren nachſehenden Augen entſchwand, wendete ſie dieſelben zu den Rabaten des Gartens dicht unter ihrem Fenſter. In üppiger bunter Fülle zeigten ſich hier die Aſtern, die in ovalen Einfriedigungen gezogen, große, gefüllte Blumenkörbe darſtellten. Wie der Blick der jungen vielleicht einund⸗ zwanzigjährigen Frau darüber ſchweifte, war es deutlich, daß ein glückliches Lächeln aus einem Zuge nicht ſchweren Kummers, wohl aber vollſtändigen Mißbehagens hervorleuchtete, der über dem ſchönen friſchen Geſicht ſchattete. Das Fenſter ſchloß ſich bald genug. Doch öffnete ſich kurz darauf die Pforte des Hauſes, und die junge Frau, ſchon völlig angekleidet, das Haar in reiche Flechten um die weiße, gerun⸗ dete Stirn gewunden, ſonſt im leichten, grau⸗ ſeidenen Hauskleide, geſtickte Schuhe an den zierlichen Füßchen, trat unter die Veranda an einer der Hausſeiten, wo ſich die Weinreben und fremde Schlinggewächſe einträchtig um die gegitterten Stäbe wanden. Von dort wagte ſie einige Schritte in das morgenfeuchte Gras und füllte mit Aſtern, Lack und ſpäter Levkoje da enkörbchen. 4 41