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Drinnen im Hauſe trat ſie in ein kleines heimliches Parloir neben dem großen Garten⸗ ſalon. Ein einfach grüner Teppich bedeckte den ganzen Fußboden, grüne Gardinen umgaben völlig das eine breite Fenſter, ein Paar ge⸗ ſchmackvolle Lehnſeſſel, eine kleine Ottomane und der große runde Tiſch bildeten die Meubli⸗ rung. Die offenſtehende Thür in's Nebenzimmer zeigte einen aufgeſchlagenen Flügel, dahinter Bücherſchränke und Notenſtellagen. Die ganze Scenerie brachte mit dem Blick in das ſtille Grün des Gartens einen wohlthuenden Frie⸗ denseindruck hervor; auch die ſummende Kaffee⸗ maſchine auf dem Tiſch und die kleinen Früh⸗ ſtücksvorbereitungen, welche die junge Frau jetzt traf, verſtärkten denſelben.
Abgeſchwächt aber, wenn nicht vollſtändig aufgehoben wurde er durch den Eintritt eines jungen Mannes— nicht volle dreißig Jahre vielleicht, mit intelligentem, von feingepflegtem ſchwarzen Haupt⸗ und Barthaar umzogenem und durch eine jugendliche Farbenfriſche ausge⸗ zeichnetem Geſicht. In dieſem Geſicht jedoch ſprach ſich ſo erſichtlich Verſtimmung nicht über⸗ wundener Müdigkeit, ja ſelbſt eine gewiſſe Ge⸗ reiztheit dem ſtillen Walten ſeines Weibes— die junge Frau war es— gegenüber aus, daß wohl jede Andere als eben ſie, den freundlichen Morgengruß unterlaſſen hätte, mit welchem ſie aufblickte.
In die kleine, weißgrau bezogene Ottomane ſich in halber Körperlänge werfen und dem ſüßen „Gutenmorgen“, das ihre Stimme klar geſpro⸗ chen, einen mürriſchen Gegengruß, von dem kaum die letzten Silben vernehmlich waren, entgegenſetzen, war eins. Ein Schatten flog über das Antlitz der jungen Frau, indem ſie Taſſe und Gebäckkörbchen vor ihn hinrückte und die erſte mit dem Kaffee füllte. Der junge Mann ſchlürfte ein wenig.
„Blanka,“ ſagte er ungeduldig,„mit dem Kaffee iſt es rein nicht länger zum Ausſtehen. Entweder Du oder Deine alte treue Chri⸗ ſtine, wie Du ſie nennſt, hat ihn wieder ein⸗ mal eine Elle zu lang bereitet.“
„Chriſtine that es vielleicht— ich ſtand heute ſpäter als ſonſt auf und war zwei Augen⸗ blicke im Garten.“
„Immer einen Unſinn nach dem andern. Du wirſt Dich krank machen,— erſt geſtern, bis in die Nacht das Geklimper und das Ge⸗ dudel, das mir unerträglich wurde. Und dazu das Geſchwätz. Ich glaubte die Sache endlich einmal geendet, die Kinderſchuhe ausgetreten. Da muß der Böſe ſein Wohlgefallen haben, uns den neuen Bergrath und ſeine Frau in das Thal zu führen. Das aber ſage ich zum Voraus: die Zeit der Lyrik iſt unwiderruflich zu Ende! Meine Geſchäfte mehren ſich, meine Gedanken richten ſich, wie es einem Manne in unſrer Zeit geziemt, auf das Praktiſche,— wie oft ſoll ich dieß wiederholen: der Erwerb iſt die Loſung und die Poeſie dieſer Tage!“
Und das Alles in recht widerwärtig grollen⸗ dem Tone ſagend, ſchien der junge Mann weder
die charakteriſtiſche Rohheit einer üblen Stim⸗ mung am Morgen, noch die Gefühle ſeines Weibes zu erwägen. Sie entgegnete beinahe zitternd:
„Du ſprachſt ſonſt anders, Richar d. Indeſ⸗ ſen will ich mich darauf nicht berufen, nicht auf die Bilder ſtillen Glückes, die wir vor unſerer Verheiratnng hegten, und die keine Träume waren, denn wir haben dieß Glück genoſſen bis kurz! Ich will Dich nur fragen, ob Du ſo ganz gewiß biſt, Dauer im neuen Glück, das Du meinſt, zu finden, und ob die Neigung auch darin eine Stätte hat?“
Die Thräne, welche in ihrem Auge zitterte, nicht gewahrend, aber minder barſch als zuvor verſetzte Richard, ſich erhebend:
„Du wirſt eine kleine Thörin bleiben, Blanka. Was kümmern Dich Dinge, die Du nicht vermiſſen ſollteſt, ſo peinlich. Lerne nur einſehen, wie eine ſorgenfreie Exiſtenz die Haupt⸗ ſache iſt.“
Und damit drückte er, ſehr flüchtig, ſehr kalt einen Kuß auf den dargebotenen Mund des jungen Weibes, und enteilte dem traulichen Gemache mit einer gewiſſen Ungeduld. Blanka trat an das Fenſter, ſehr vertrübt in den hell und ſonnig erglänzenden Morgen blickend, ſehr geſpannt den Tönen im Hauſe lauſchend. Ein männlicher Tritt erklang von der Treppe, den Flur entlang.— Richard trat völlig ange⸗ kleidet, in einen eleganten Herbſtburnuß gehüllt, aus dem Hauſe und ſchritt den Hauptgang, die Terraſſe des Gartens hinunter nach dem Fluſſe. Er ſah nicht um ſich— Blanka grüßte ihn vergeblich noch einmal aus dem Fenſter. Er aber winkte am Ufer nach dem Steinbruch hinüber und bald durchſchnitt ein zierlich gebau⸗ ter Kahn zweimal den Strom, um ihn aufzu⸗ nehmen und überzuſetzen.
Und jetzt erſt ſchien der Kummer Blanka's völligen Raum zu gewinnen. Wenigſtens deu⸗ tete ein haſtiges Zurücktreten von den offenen Fenſterflügeln und das weiße Tuch, welches ſie vor ihr Geſicht hielt, einen Thränenſtrom an, den ſie eben noch zeitig genug vor dem ein⸗ tretenden Hausmädchen zu verbergen wußte.
So verging der Vormittag in ſtiller Halb⸗ thätigkeit. In allen Pauſen, welche die geſchäf⸗ tige Sorge um einen kleinen Haushalt läßt, hör⸗ ten die Dienerinen ihre junge Herrin an das Pianoforte treten, einzelne Akkorde anſchlagen, auch einige Takte ſpielen, aber ohne Folge und Zuſammenhang. Chriſtine, eine ältliche Frau, Blankaz's einſtige Wärterin, kopfſchüt⸗ telte in einer Weiſe, die wohl errathen ließ, daß in Küche und Dienerzimmer Familienfra⸗ gen verhandelt wurden. Aber es blieb alles ruhig, ſtill und in den Schranken äußerer Be⸗ haglichkeit. Wie es im Sinn und Gemüth der jungen Frau, die raſtlos im großen Bibliothek⸗ und Muſikzimmer neben dem Parloir auf⸗ und abwandelte, ausſehen mochte, hatte nach außen Niemand zu kümmern, und der Wagen, der in das Gartenthor auf dem Kamme des Hügels rollte, mußte willkommenen Beſuch bringen.
Es war aber dießmal wirklich ein ſolcher. Blanka, die erſt mißmuthig über das Kommen Jemandes überhaupt, dann ein wenig beſorgt auf ihre Frühtoilette geblickt hatte, erheiterte ſich ſichtlich, als ihr Auge der ältern Dame inne wurde, welche durch die Gänge auf das Haus zukam. Und als das Hausmädchen die Thür öffnete, um die Bergräthin Haldenanzumelden und einzulaſſen, war ihr Blanka ſchon ent⸗ gegengetreten. Mit anmuthiger, wohlthuender Herzlichkeit reichten ſich die im Alter und Auf⸗ treten ſo unterſchiedenen Frauen die Hände, und wie mit einer unwillkürlichen lang einge⸗ wurzelten Gewohnheit wendete ſich die Berg⸗ räthin nach dem Pianoforte. Daraus und aus dem Blicke auf die aufgeſchlagenen Noten würde ein feiner Beobachter vielleicht die frühere Mu⸗ ſiklehrerin oder wenigſtens die eifrige Freundin dieſer Kunſt vermuthet haben.
„Sie haben nicht wohl geruht, Blanka,“ fragte die Räthin.„Mich treibt eigentlich die Beſorgniß, daß wir unſere Unterhaltung am geſtrigen Abend zu weit ausgedehnt haben, zu Ihnen!“
„Sie ſind allzu beſorgt. Aber ich erinnere mich nur zu gut, wie Sie dieß immer waren, als ich noch das Glück hatte, Ihre Schülerin zu ſein, und ich rechne es zu den froheſten Er⸗ eigniſſen, die mir in dieſem ſtillen Thal begeg⸗ nen konnten, daß Ihr Gatte hierher als Berg⸗ rath verſetzt wurde. Eines, liebe Freundin, müſſen Sie mir verſprechen: ohne Grund kei⸗ nen Tag vergehen zu laſſen, an dem wir uns nicht ſehen.“
Die Bergräthin bejahte freudig. In ihrem ſchön geweſenen Geſichte waren jetzt im vierzig⸗ ſten Jahre noch immer Spuren dieſer Schönheit und vor allem der Zauber eines anmuthigen geiſtigen Ernſtes zu erblicken. Die Geſtalt durfte für untadelig gelten, und erſchien durch eine von jeder Ueberladung beinahe ängſtlich freie Toilette vortheilhaft umgeben. Das In⸗ tereſſanteſte an der anziehenden Frau war in dieſem Augenblicke der Blick forſchender Be⸗ ſorgniß, mit dem ſie Blanka anſchaute, die ihrerſeits das Auge auf den geſtickten Teppich am Boden heftete und endlich auch durch eine Frage der Bergräthin zu neuer Theilnahme veranlaßt werden konnte.
„Und Sie leben hier nun ſchon drei Jahre? Waren Sie in dieſer Zeit niemals in D.?“
„Drei Jahre,“ entgegnete Blanka, die angeſchloſſene Frage offenbar überhörend.„Und wiſſen Sie, wie mir dieſe drei Jahre verfloſſen ſind? Richard hatte den Steinbruch gekauft, deſſen Betrieb ſeine Thätigkeit des Vormittags in Anſpruch nahm. Der Nachmittag aber und Abend verging in der alten lieben Beſchäfti⸗ gung des gegenſeitigen Förderns. Sie kennen unſre Studien noch von früher? Sie wiſſen, daß wir in der Brautzeit immer ein wenig belächelt wurden über das Studiren, wie ſie es nannten, das uns doch eine Quelle der Freude und des Genuſſes war. Wir haben ein beglückend Land⸗ leben geführt mit allen Genüſſen der Stadt,
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