Heft 
(1858) 11 11
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denn die Soiréen haben wir wahrlich nicht ver⸗ mißt. Die Gegend, unſre Spazierfahrten und Gänge, unſer Haus und Garten, Richards Bibliothek und mein Inſtrument, auch der Be⸗ ſuch lieber Freunde, unter denen wir Sie und den Bergrath leider ſtets vermißten, aber ich ſagte Ihnen das Alles ſchon geſtern beim Wie⸗ derſehen. Ich, wollte Ihnen auch nur erzählen, wie neuerdings dieß Glück öfter geſtört worden. Der arme Richard, fürcht' ich, hat zu viel Geſchäfte auf ſich geladen, ſich von ſeinen Vor⸗ ſätzen der Beſchränkung ein wenig abwendig machen laſſen. Mir bangt um ſeine Geſundheit. Und es iſt einer ſeiner neuern Geſchäftsfreunde, ein gewiſſer Herr Kon rad aus D., dem ich zürnen könnte, daß er Richard allzuſehr in Anſpruch nimmt. Blanka glaubte ihre Worte vorſichtig genug geſetzt zu haben, daß kein Kummer, keine Betrübniß daraus hervorblitze aber ſie hatte weder die verrä⸗ theriſchen Klänge des Ausdruckes, noch das be⸗

obachtende Auge, das feine Gefühl einer beſorg⸗ ten Freundin in Anſchlag gebracht. Die Bergräthin ſprach zwar nur ein Bedauern und einen Troſt, daß ſich dieß Verhältniß mit der Zeit raſch zum Guten wenden könne, aus: aber in den Falten ihres Herzens barg ſie andere, weniger leichte Gedanken. Sie nahm von Blanka bald Abſchied und verſprach, ſchon morgen Nachmittag wieder zu kömmen, wenn Blanka und Richard es nicht vorziehen ſollten, ſie in ihrer Häuslichkeit aufzuſuchen. Die Exſtere geleitete ſie beim Gehen ein Stück durch den Garten hindurch und ſchaute dem Wagen, welcher raſch über den Abhang in das jenſeitige Thal rollte, mit eigenen Gefühlen nach. Sie empfand bei aller Freude über den Beſuch der Bergräthin doch auch darüber eine gewiſſe Befriedigung, daß dieſelbe noch vor Richards Rückkunft Abſchied genommen. Der Unmuth vom Morgen klang ihr noch zu ſchmerzlich im Gemüthe wieder, als daß ſie ihn erneut zu ſehen wünſchte und ſie machte ſich ſelbſt nicht klar, daß die Scheu ſolche Erörterungen herbeizuführen, dieſelben dennoch nicht vermeiden werde. Blanka pflückte auf dem Rückgang in's Haus Blumen für die Zier des Mittagtiſches, der nur zwei Couverts umfaßte, und in einem kleinen Speiſezimmer bereit ſtand.

Der Gatte Blanka's kam nicht allein über den Strom zurück. Im Kahn und den Gartengang herauf war eine Männerfigur ihm zur Seite, die wohl auch anderswo als in dieſer Einſamkeit einiges Aufſehen erregt haben mochte. Die Geſichtszüge des ſeltſamen Mannes, ſoweit dieſelben unter dem breitkrämpigen brau⸗ nen Filzhut und aus dem dichten Bartwuchs zu prüfen waren, ſprachen von Erfahrungen man⸗ cher Art, die Augen von pfiffiger Schlauheit, Stirnrunzeln von allerlei Sorgen, die Naſe aber, und die ſtockigen Zähne im Munde ven vielen Wein⸗ und anderen Genußproben. In

Haltung und Anzug war cyniſche Gleichgil⸗ tigkeit und eine Art ſchäbiger Eleganz ſonder⸗ bar gemiſcht, der erſteren aber entſprach das Lachen, mit welchem der Fremde eine Aeußerung Richards aufnahm:

Meine Frau wird verwundert zum Gaſte ſchauen und Sie werden fürlieb nehmen müſſen.

In dieſem Lachen klang durch, daß der Lacher weder zum erſtenmale als ungebetener Gaſt erſcheine, noch zum erſtenmale fürlieb nehme, und wer ihn ſah, konnte dem ſchon Glauben ſchenken. Blanka war bei Richards Kommen an die Thür und beim Anſichtigwer⸗ den eines Dritten und vor allem dieſes Dritten mißmuthig ins Zimmer zurück getreten. Sie reichte ihrem Manne die Hand, auf die er doch einen Kuß drückte, und verbeugte ſich gegen den Fremden mit einem flüchtig kaltenGuten Tag Herr Konrad, Richard lud Sie ein und ſo laſſen Sie ſichs bei uns gefallen.

Herr Konrad legte ſeinen Hut ab, und ſicherte das ſpaniſche Rohr, auf das er ſich bis⸗ her gelehnt. Er hatte während der Begrüßung der jungen Frau auch wieder gelächelt, ein wenig anders als vorhin, aber um nichts beſſer. Wie Blanka ſelbſt die Suppe auftrug, ſaß er ſchon neben Richard am Tiſch und hatte das von dieſem gefüllte Weinglas beinahe geleert. Dabei ſchlug er mit dem Meſſer einen eigen⸗ thümlichen Takt, der als Wirthshausreminis⸗ cenz gelten durfte. Seinen Appetit ſtörte die anfängliche Einſilbigkeit des Mahles durchaus nicht, und er fand beim Zerlegen eines Stückes Braten noch Gelegenheit genug, über den Tiſch Blanka's Geſicht zu beobachten, bis Richard ſichtlich aufathmend und ohne vieler Einlei tung begann:

Und Sie glauben wirklich, daß die Kaiſer⸗ felder kohlenhaltig ſind, und ihr Ausbau ren⸗ tabel?Ich kann mich nur auf das Urtheil eines ſo berühmten Geologen wie Profeſſor Paver berufen. Wenn Männer der prakti⸗ ſchen Wiſſenſchaft mit ſolcher Beſtimmheit ſprechen, pflegen ſie ſich ſeltener zu täuſchen, als die Herren Philoſophen!

Sicher! entgegnete Rich ard.Sie wiſ⸗ ſen, ich preiſe täglich Gottund meinetwegen alle Heiligen, daß wir endlich die Wiſſenſchaft ihre Bücherſtuben verlaſſen und in die Komptoire und Fabriken kommen ſehen. Aber ſelbſt Prak⸗ tiker wie Profeſſor Taver pflegen ſich zu täuſchen.

Wer nichts wagt gewinnt nichts, meinte Herr Konrad trocken, faſt grob. Er kannte ſehr wohl die Empfindlichkeit Richards in dieſem Punkte und verrechnete ſich auch mit ſei⸗ ner Erwiederung nicht, denn der junge Geſchäfts⸗ mann fuhr auf und erinnerte, wie ihm der Wagennuth bisher nicht gefehlt. Dabei nickte Herr Konrad gleichmüthig und hielt ſeine Augen auf Blanka geheftet. Man konnte ihn nicht eigentlich eines beleidigenden Blickes zeihen, denn ſeine Augen behielten immer einen begehr⸗ lichen lüſternen Schein, und daß er ſie auf

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Schultern und Buſen einer Frau vorzüglich wendete, gehörte wohl auch zu den Lebensge⸗ wohnheiten Herrn Konrads. Doch fühlte Blanka, während Richard ruhig überzukünf⸗ tige Kohlenſchächte auf den Kaiſerfeldern fort⸗ plauderte, alles Blut in die Wangen ſteigen. Das Mahl war zu einfach, als daß es ihr geſtattet hätte, ſich viel vom Tiſche zu entfer⸗ nen. Nun wuchſen ihre Entrüſtung und Miß⸗ behagen mit jeder Sekunde; zu eſſen hatte ſie ſchon längere Zeit aufgehört, Herr Konrad beharrte bei ſeinem, wie Blanka meinte, belei⸗ digenden, und wie ſicher war, verletzenden Blick. Die junge Frau wandte ſich ein paarmal wie hilfeſuchend zu den Augen ihres Gatten, die indeß mit ruhigem Gleichmuth auf allem, was vorging, hafteten.

Nun flammte eine höhere Röthe, halb Scham, halb Entrüſtung in Blanka's Geſicht auf. Einen Moment blieb ſie noch am Tiſche, da aber begann Herr Konrad, dem der Widerwille des ſchönen Weibes nicht ent⸗ ging, ſeinem Blick ein Lächeln hinzuzufügen, welches veranlaßte, daß Blanka, das Taſchen⸗ tuch vor die Augen haltend, haſtig vom Tiſche aufſtand und, ein Unwohlſein vorſchützend, den betroffenen Richard mit Herrn Konvad allein ließ.

Gleichmüthig wenigſtens ſcheinbar gleich⸗ müthig ſetzte dieſer das Geſpräch über die projektirten Kohlenbergwerke fort. Blanka, die noch einige Male an der Thüre vorüber⸗ ſtreifte, hörte immer wieder die Worte Quotient, Dividende, Ausbeute, gegen die ſie früherhin kein Vorurtheil gehabt, die ihr aber jetzt ver⸗ haßter waren, als irgend etwas, ſeit ſie Herrn Lorenz Konrad in nächſte Beziehungen zu denſelben ſetzte.

Herr Lorenz Konrad hatte nicht immer darin geſtanden, nicht immer die Verachtung unpraktiſcher Leute und der Bücherſtuben ge⸗ hegt. In letzteren war er aufgewachſen, ſein Vater hielt eine Leihbibliothek, die auf den Sohn überging, der, ehe er die Bücher, ein tauſend nach dem andern verſchleuderte, ſich wenigſtens angelegen ſein ließ, ſie alle durchzublättern, wobei er erlernte, was ein unklarer aber nüch⸗ terner Kopf aus Romanen erlernen kann. Ehe er noch am letzten tauſend war, hatte er eine Art Kommiſſionsbureau errichtet und ſich mit einem artigen Blumenmädchen worunter aber dießmal eine junge Verfertigerin künſtlicher Blumen zu verſtehen iſt verheiratet. Nach⸗ dem die Bücher anderweit untergebracht waren, gab Herr Lorenz Konrad die Leihbibliothek auf, empfahl ſich, da er eine vorzügliche Hand⸗ ſchrift ſchrieb, als Kalligraph, beſorgte einigen Gewerbsleuten, deren Thätigkeit die Ansdeh⸗ nung erworbener Kenntniſſe überſtieg, Bücher und Briefe, und verſtieg ſich in einer glücklichen Zeit, wo das Verlangen nach Preßfreiheit und ſtändiſcher Vertretung dasjenige nach jedem Le⸗ bensglück zu überwiegen ſchien, bis zum popu⸗ lären Schriftſteller, kolportirte erſt die Brochu⸗ ren anderer, dann ſeine eignen, zuletzt ein Nach⸗

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