Heft 
(1858) 11 11
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drucksblättchen, das lokaler Gehäßigkeit einen biedermänniſchen Anſtrich verlieh und ſich eben darum eines ausgebreiteten Leſerkreiſes erfreute. Wie der große Umſchwung in Welt und Welt⸗ anſchauung eintrat, erwies ſich auch Herr Lo⸗ renz Konrad als tüchtig, verachtete die Fe⸗ der, legte ein kleines Kohlengeſchäft an und trieb ſich im Lande als Agent verſchiedener Verſiche⸗ rungen herum. Dabei beobachtete er genau jede Möglichkeit, die ihm noch zur Auffindung des Steins der Weiſen verhelfen könnte, worunter er eine günſtige Wendung verſtand, die ihn zum großen Geſchäftsmann umwandeln ſollte. Eine gute Gelegenheit ſchien ſich in der Erwerbbegier und dem plötzlich erwachten Spekulationsgeiſt des jungen Richard Steinburg zu eröff⸗ nen. Herr Lorenz Konrad beſchloß ſich dem⸗ ſelben mit jedem Mittel unentbehrlich zu machen. Er wollte in dieſem Hauſe heimiſch werden, un⸗ bekümmert der jungen Frau, trotz der jungen Frau.

So ſehr war Herr Konrad noch nicht ins praktiſche Leben übergegangen, daß ihm nicht aus älterer Zeit und anderer Karriere die Ge⸗ reiztheit eines Parvenu's und die Rachſucht eines Winkelliteraten geblieben wäre. Er fühlte eine geheime Schadenfreude bei dem Gedanken, daß ihr das geſchäftige Treiben ihres jungen Gatten nicht minder zuwider ſei, als ſeine eigene Perſönlichkeit und ſein Auftreten. Er glaubte, den Tag zu erleben, der ihm Genugthuung für Blankass beleidigendes Verlaſſen des Tiſches gewährte.

Mehr indeß, als durch die Erbitterung Herrn Konrad's hatte Blanka durch das Zürnen ihres Gatten zu leiden, der nach Been⸗ digung des Mahles einen Augenblick auf ihrem Zimmer erſchien und ihr Verhalten als eine ernſte Verletzung der Schicklichkeitsgeſetze dar⸗ ſtellte, ihre Klagen über den rohen, ungebilde⸗ ten Gaſt leichthin behandelte und wieder zu einer verſtändigeren Auffaſſung des Lebens an⸗ mahnte. Gleichſam um die Härte ſeiner Aus⸗ ſprüche zu mildern, gab er wenn auch immer

noch unmuthig ſeine Einwilligung, daß Blanka das Haus des Bergraths Halden am Nachmittag beſuche. Es wurde verabredet,

Richard ſollte am Abend, wenn die Geſchäf⸗

tigkeit im Steinbruch und Komptoir zu Ende gehe, gleichfalls dort erſcheinen. Und ſo trenn⸗

ten ſie ſich etwas freundlicher denn am Morgen,

aber Beide waren wieder einen Schritt ferner

vom innigſten Zuſammengehen.

Wer den Bergrücken, an den ſich das Be⸗ ſitzhum Richard Steinburgs und ſeiner

ten, daß ein bedeutender Bergbau hier betrieben werde.

Hart am Pfade, der vorher aufwärts zur Anhöhe, zum Beſitzthum Steinburgs führte, zog ſich ein Streifen klaren Waſſers durch das Thal, dem die Patrioten des nächſten Städt⸗ chens den Namen desSallwitzer⸗Sees verlie⸗ hen hatten, der aber nichts mehr und nichts weniger als ein großer Teich war. An Anmuth freilich konnten ſeine Ufer mit denen manches Sees wetteifern, im Hintergrund hob ſich ein ſchmaler dunkler Wald gar köſtlich ab, der ſich zur bewachſenen Höhe emporzog, und gegen den Rand hin in Weiden⸗ und Erlengebüſch aus⸗ lief. Einzelne Einſchnitte des Waſſers zeigten ſich mit kräftigem grünen Schilf bewachſen, ſonſt war es klar, tief ja wie es ſcheinen mochte, unergründlich. Auf der rechten Uferſeite zwiſchen dem See und einer Wieſe, an der die Straße hinlief, ſtand eine Art Landhaus. Daſſelbe war urſprünglich nichts geweſen, als ein ſtädtiſch gebautes Häuschen mit drei Zimmern im Erd⸗ geſchoß und drei Zimmern darüber. Aber der gegenwärtige Bewohner, Bergrath Halden, hatte an das Erdgeſchoß einen geräumigen Gartenſalon anbauen laſſen und an der Seite des Sees eine Gallerie, einen großen breiten Balkon, der mit den tragenden Säulen gleich⸗ ſam im Waſſer ruhte, errichtet. Unter dem Balkon lag eine kleine einladende Gondel halb am Ufer halb im Waſſer. Die axchitektoniſchen Unregelmäßigkeiten des alten Hauſes wie der Anbauten wurden durch üppiges und dichtge⸗ ſetzes Grün, Wein, Eppich, Wildwein und Waſ⸗ ſerſchlingpflanzen an jeder Wand anmuthig verborgen.

Zum liebenswürdigen, intereſſirenden Ein⸗ druck, den das Haus am See und der buſch⸗ und ſchattenreiche obwohl kleine Garten um daſſelbe hervorriefen, ſtimmte auch der, den ſeine Bewoh⸗ ner, der Bergrath Halden und ſeine Frau, erregten. Jetzt ſaßen beide unter der ungekünſtel⸗ ten Laube, die von den in einandergeſchränkten Kronen zweier alten Kaſtanienbäume gebildet wurde. Der Bergrath mochte leicht einige vierzig Jahre zählen, eine ſchlanke kräftige noch immer elaſtiſche Geſtalt, ein ovales Heſicht, gebräunt, leiſe gefurcht mit tiefliegenden Augen, einer kleinen Stirn, ein Geſicht, in dem großer, vielleicht zu ſtrenger Ernſt und doch wieder ein Ausdruck von Milde feſſelnd waren. Und auch die Bergräthin, deren Jugendblüthe abgeſtreift war die Reſte ließen errathen wie friſch, wie duftig die Blüthe geweſen ſein

mochte hatte etwas vom Ausdruck ihres

Gatten, einige Linien um Mund, Auge und Stirn waren weicher geblieben, ihre Augen

jungen Frau lehnte, hinabſteigt, gelangt in ein ſchienen noch eines ſelig träumenden Blickes

weiteres Thal, das ſich parallel mit demjenigen

fähig, wo von denen des Bergraths nur ein

des Fluſſes zieht, aber Raum für Gehege, für inniger erwartet werden konnte.

üppige Felder, einige Ortſchaften und etwas

Halden und ſeine Frau bildeten in der

weniger beſtimmtes Gepräge wie das Flußthal ernſten, ja man hätte meinen können, reſignirten hat. Nur da, wo es ſich gleichfalls wieder veren⸗ Weiſe ihres Zuſammenlebens einen wunderba⸗ gert und ein Thor nach dem höheren Gebirge ren Gegenſatz zu dem jungen Ehepaar, dem ſie

ſcheint, liegen Gebäude und Hütten, die andeu⸗

geſtern ihren Beſuch gemacht. Sie waren erſt

ſeit wenigen Jahren verheiratet und die Ge⸗ ſchichte ihres Lebens erklärte das Daſein, was ſie jetzt führten. Es war nun zwanzig Jahr und drüber, ſeit ſich der junge Halden und Fräu⸗ lein Helene Wagner in einigen guten Cir⸗ keln der Reſidenz trafen. Er war damals ein talentvoller junger Juriſt, der ſich der perſön⸗ lichen Protektion eines Geheimraths erfreute, überdies ein liebenswürdiger Geſellſchafter, ein Gentleman, der nie durchblicken ließ, wie ſchwer es ſei, von gelegentlichen Diäten und Artikeln ins juriſtiſche Wochenblatt immer mit untadel⸗ haften Glackhandſchuhen zu erſcheinen. Sie galt als die talentvollſte Schülerin der Muſik⸗ akademie, ſie ſpielte Beethoven und Chopin in jeder guten Soirée. Der junge Protokollant mit den ernſten ſchwarzen Augen ſuchte bald erſichtlich die ſchöne blondlockige Pianiſtin. In den Augen der Welt hatten beide nichts mit einander gemein, als daß ſie arm waren, um ſo ärmer, in je anſpruchsvolleren Kreiſen beide ihr Glück zu ſuchen hatten. Sie waren aber dennoch der Meinung, daß ihnen eine gleiche Stimmung des Gemüthes, eine gleiche menſch⸗ liche Wärme, ein herzliches Gefühl, eine große Achtung je für das Andere gemeinſam wären. So liebten ſie ſich mit aller Gluth und Innig⸗ keit enthuſiaſtiſcher Naturen, mit allen Traum⸗ bildern ſtillen Glücks. Aber ſie wurden früh emporgeſchreckt. Sie ſahen mit wenig Blicken alle Unmöglichkeiten ihrer Lage. Franz Halden verlor die Gunſt ſeines töchterreichen Geheimraths, als derſelbe von dem Verhältniß mit der Muſikſchülerin Kunde erhielt. Er hatte eine Stellung im Miniſterium verhofft und man ſendete ihn in untergeordnete Stellung nach einem Landſtädtchen. Helene aber ſtand am Schluſſe ihrer muſikaliſchen Ausbildung und hatte Stunden zu ertheilen Tag um Tag, Woche um Woche. Da trat an einem nebligen Sonntagmorgen den Tag vor ſeiner Abrei⸗ ſe der Geliebte in ihr Zimmer. Unter ſtrömenden Thränen des Mädchens ſagte er: Wenn wir jetzt die heißen Wünſche, die in uns leben, verwirklichen wollten, klagten wir in weniger Zeit vermuthlich uns bitter an. Wozu jenes unſelige Zwitterleben, in dem kein Frieden, kein Behagen, kein Genügen iſt, in dem ſelbſt die echteſte Liebe gefährdet wird, führen, jenes Zwitterleben des Anſpruchs und des Mangels? Wozuvielleicht Dritte eine Stufe tiefer hinabdrücken, als wir ſelbſt ſtehen? Du ſagſt, daß wir warten wollen, ich will es. Aber laß uns auch hier edel handeln und nicht die Zahl der harrenden Brautpaare vermehren. Sei ſtark, liebes Mädchen, und vertraue auf mich, aber rechne anf meine Zuſtimmung, wenn ein Jemand, der Deiner werth iſt, ſich eher im Stande fühlt, ſein Haus mit Dir zu ſchmücken und zu feſtigen. Nicht gerade ſo klar und verſtändig, ſo kurz und kühl klangen Haldens Worte an jenem Sonntag, aber ihr Sinn war es.

Dann vergingen Jahr um Jahr, Halden

erſtieg ſtudirend, jeden Platz ausfüllend, eifrig