und ſtrebſam Staffel um Staffel. Helene Wagner ertheilte indeſſen noch immer Mu⸗ ſikſtunden in der Reſidenz und die Menge wähnte, das allein mache ſie ernſter, zurückge⸗ zogener, als ein ſo ſchönes, vielgefeiertes und vielumworbenes Mädchen zu ſein pflege. Sie wußten nichts von den Briefen, die monatlich zwiſchen den Liebenden gewechſelt wurden. Ge⸗ treu der Entſagung waren das keine Liebes⸗ briefe; Franz Halden vermied ſogar das beglückende Du, das ihm Helene gewährte, in denſelben. Jährlich einmal im Jahre ſahen ſie ſich, die ſeltſamen Menſchen— denn natür⸗ lich galten ſie bald für ſeltſam— nu⸗ einem Jahre nicht. Damals warb ein hochſtehender und reicher junger Mann um die Hand der liebenswürdigen Künſtlerin. Es war nicht die erſte Werbung dieſer Art, es war aber die ein⸗ zige, woHelene ſchwankend wurde. Der ferne Freund drängte ſie das Glück zu ergreifen; wer weiß, was geſchehen wäre, hätte Helene nicht in Erfahrung gebracht, daß die Familie des Bewerbers ſie nicht freundlich willkommen hei⸗ ßen würde. So ging auch das vorüber, die heißen Triebe und die ungeftümen Wünſche der Jugend verflogen, ein Jahr nach dem andern verſchwand.
Beinahe waren es fünfzehn ſeit der Tren⸗ nung, als Franz Halden zum Bergrath ernannt wurde, als Helensulagner ein kleines Vermögen erworben, mit ihrem Talent und Fleiß mühſam genug erworben hatte. Und jetzt fielen alle jene Schranken, welche das Paar über ein Jahrzehnt zwiſchen ſich aufgerichtet, beide beſchloſſen ſich ferner ſo innig anzugehö⸗ ren, wie ſie es in den Blüthetagen gewünſcht hatten. Die Welt lächelte zu der Heirat, na⸗ türlich: denn die Nüchternen fanden es lächer⸗ lich, daß Bergrath Halden eine ſchon geal⸗ terte Muſiklehrerin heimführe, die Romanti⸗ ſchen beklagenswerth, daß dies Folge freien Entſchluſſes und nicht eines treugehaltenen Verlöbniſſes, einer Feſſel ſei, und die Herzloſen oder Leichtſinnigen fanden es unverantwortlich proſaiſch, wie das Paar gehandelt hatte. Hal⸗ den aber vertrat mit männlicher Entſchieden⸗ heit die Anſicht, daß, wenn in den Tagen der eiſernen Nothwendigkeit, des äußern Zwanges, Herz und tiefere Beziehungen ihr Recht über die Menſchenſeele behaupten ſollten, ihnen in tauſend Fällen die Reſignation zu Hilfe kom⸗ men müſſe..
Zu ſpät war das Glück gekommen, zu ſehr von beiden Theilen als letztes und einziges erſehnt worden, als daß es täuſchend geweſen ſein könnte. In den erſten Jahren mochten die Vereinten einen Hauch des Kummers empfin⸗ den, daß ihre ſpäte Ehe nicht mit Kindern geſegnet wurde, aber mit heiterem Ernſt ſtri⸗ chen ſie auch das Bild eines ſolchen aus ihren Träumen und jetzt, beim Himmel, waren ſie glücklich, glücklicher als der kühle Verſtand und die heiße Leidenſchaft, die gleichmäßig auf ſie herablächelten, wähnen mochten.
Glücklicher ſicher, als die junge Frau, die,
eben von einer prächtig leichten und eleganten Equipage hergeführt, vor dem Gartenthore ab⸗ ſtieg. Die Bergräthin eilte ihr mit dem Aus⸗ rufe„Blanka“ entgegen, auch der Bergrath erhob ſich, einen prüfenden Blick auf ſeinen Hausrock werfend, inſofern er nichts von der Toiletten⸗Negligence gegen Damen hielt. Im Gehen nach der Kaſtanienlaube nahm Blanka das leichte runde Hütchen ab, das ſie auf die vollen ſchwarzen Flechten ihres Haares ge⸗ drückt hatte. Der Kopf, welcher die etwas kleine aber reizende Geſtalt zierte, war voll⸗ kommen ebenmäßig, eine ſchöne Stirn, Augen, die trotz des Kummers munter und lebens⸗ friſch blickten, unverblaßte Farben, überall Jugendfülle, kurz, wenn zwei ſo individuelle Geſtalten, ſo erſichtliche Eigenthümlichkeiten allgemeinen Eindruck machen konnten, ſo re⸗ präſentirte Blanka neben der Bergräthin das Bild des Genuſſes, wie dieſe die Reſignation.
Aber wie oft fühlt ſich das eine dem an⸗ dern gegenüber gedrückt und beengt. Blanka, obwohl ſie bisher nie ſehr reflektirt hatte, er⸗ wog innerlich, ob es auch recht ſei, mit dem Leid ihres heutigen Tages herauszutreten. Der Bergrath, wenngleich ſie ihn ſchnell hoch⸗ ſchätzen gelernt, war ihr doch fremd. Sie be⸗ ſchloß von gleichgiltigen Dingen zu ſprechen, und den Moment abzuwarten, wo ſie ihrer Freundin, ihrer Lehrerin, allein das peinigende Begebniß mit Herrn Lorenz Konrad mit⸗ theilen könne.
Aber junges Eheweh ſcheint ſchwerer allein zu tragen, denn anderes. Im Verlauf der Un⸗ terhaltung vermochte Blanka doch nicht, als verſchiedene Perſönlichkeiten des Thals und der Ortſchaften am Strome erwähnt wurden, den Namen Lorenz Konrad zu verſchweigen.
Der Bergrath ſagte kurz:„Das iſt ein Emporkömmling im ſchlimmſten Sinne des Wortes, ein Menſch, der ſich nicht aufgear⸗ beitet, ſondern in die Höhe geſchwatzt hat. Eben darum iſt es leicht möglich, daß er wie⸗ der tiefer ſinkt, als er je geſtanden. Ich min⸗ deſtens würde mich hüten, irgend etwas mit ihm gemein zu haben.“
Jetzt konnte Blanka nicht ſchweigen. Unbefangen, wie ſie war, ſagte ſie mit einigem Feuer:„Sie ſollten Ihre Anſicht meinem Ri⸗ chard ausſprechen. Er hat ſich leider von dieſem Manne in einigen Geſchäftsangelegen⸗ heiten beeinfluſſen laſſen—“
Noch einmal hielt Blanka ein wenig inne. Der Bergrath kam in ſichtliche Verle⸗ genheit, ſeine Gattin dagegen wurde ſo ſehr vom Intereſſe, welches ſie am erſichtlichen Kummer Blankas nahm, überwältigt, daß ihr Gefühl und der feine Takt Angelegenheiten Anderer gegenüber in Widerſtreit geriethen. Sie ſprach einige begütigende anſtatt einiger gleichgilligen Worte und nun war auch die Kunſt des Bergraths verloren. Blanka er⸗ zählte Alles, die Vorſätze Richards vor der
Heirat, ſich mit dem mäßigen Gewinn einiger Geſchäfte zu begnügen, das Glück, welches ſie
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in Folge deſſen genoſſen habe; ſie erzählte, wie Richard ungeduldigen unfreundlicher, lau⸗ nenhafter, minder edeldenkend geworden ſei, ſeit er ſeinem Vorſatz der Beſchränkung untreu⸗ geworden. Jetzt ſuche ihn, ſo viel ſie verſtehen könne, Herr Lorenz Konrad zu einer neuen Bergwerksunternehmung auf der Kaiſerfeldern zu veranlaſſen.
Es war unglücklich, daß mit dieſer Aeuße⸗ rung der jungen Frau das Intereſſe des Fach⸗ manns erregt wurde. Er lächelte über die Thor⸗ heit einer Bergwerksunternehmung auf Revie⸗
ren, die erngenau kannte, und beſchloß ohne weiters den Ae Kaufmann, ſobald er Ge⸗ legenheit dazu habe, vor einer derartigen Un⸗ ternehmung zu warnen. Der Bergrath bedachte in dem Augenblicke wirklich nicht, daß er nur durch eine Indiskretion der gekränkten jungen Frau Kenntniß von der ganzen Angelegenheit habe. Es erſchien ihm einfach als Pflicht, einen Unerfahrnen und jedenfalls durch falſche Be⸗ richte Getäuſchten zu warnen.
Blanka ſah in guter Stimmung dem Abend entgegen. Ihre Seele wurde von dop⸗ pelten Empfindungen und Erwartungen durch⸗ zogen. Wie oft hatte ſie als Mädchen die ruhe⸗ loſe, ewig wechſelnde Exiſtenz ihrer Muſiklehre⸗ rin beklagt. Jetzt ſaß dieſelbe neben ihr, fried⸗ lich im eigenen Beſitzthum, ſie bereitete auf der blitzenden Maſchine ſo ruhig den Thee, als verwalte ſie dieſe Pflicht ſeit einem Jahr⸗ zehnt und habe in keiner Geſellſchaft müßig plaudernd oder den Flügel ſpielend geſeſſen. Zu der Befriedigung, die Blankas Theil⸗ nahme hieran fand, geſellte ſich das geheime Entzücken, in dieſen Thälern endlich eine Stätte gefunden zu haben, wo gleiche Auffaſſung des Lebens wie in ihrem eigenen Hauſe giltig war, wo ſie ſich freier gehen laſſen durfte. Kein Zweifel: Richard würde ſich bei näherer Be⸗ kanntſchaft mit dem Bergrath leicht verſtändi⸗ gen, würde am Umgange mit demſelben Beha⸗ gen finden und ſo von ſelbſt ſeinem urſprüng⸗ lichen Weſen wieder getreu werden. Das junge Weib, das wenig erlebt hatte, als ihre Jugend⸗ freude, ihre Liebe, ihr erſtes Eheglück, hatte keine Ahnung von dem Wachſen der Sandkör⸗ ner, der Macht einzelner Augenblicke im Leben. Sie konnte nicht klar überſehen, daß ſie mit dem Geſpräch von vorhin einer Unvorſichtigkeit ſchuldig geworden war, und ſelbſt wenn ſie dieß überſehen hätte, was hätte ihr Furcht einflö⸗ ßen können, daß ſich daran eine Kette von Leid und Weh, von Zerſtörung jedes Friedens und jedes Beſitzes reihen könne?
Richard Steinburg kam wirklich gegen Abend und in beſſerer Stimmung, als er am ganzen Tage war. Er war während des Nach⸗ mittags in Begleitung von Lorenz Konrad auf den vielerwähnten Kaiſerfeldern geweſen, die ſich hinter ſeinem Steinbruch ausbreiteten. Die zudringliche Geſchwätzigkeit des Agenten erregte ihm Unbehagen, der widrige unreine
Dunſt um die Perſönlichkeit Widerwillen. Er ſchalt ſeine junge Frau noch immer thöricht


