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ſentimental, aber er gab ſich zu, unliebens⸗ würdig geweſen zu ſeim Und ſo beantwortete er die Grüße ſeiner Frau und des gaſtfreund⸗ lichen Paares ſehr heiter, als er in das Gar⸗ tenthor trat. Er ließ ſich ruhig am Theetiſch nieder und ſprach mit aufrichtiger Anerkennung
über die Eitachheit und Zweckmäßigkeit aller Anordnungen, die der Bergrath zur Verſchöne⸗
rung ſeines Beſitzthums getroffen hatte. Mehr als eine halbe Stunde verging, Blanka war glücklich, als ein unglücklicher Zufall das Ge⸗ ſpräch nach dem hedrohlichen Punkte lenkte. „Sie waren auf ven Kaiſ ern?“ frug der Bergrath.„Ich höre, m t Ihnen für dort die Errichtung eines Köhlenbergwerkes proponirt. Nun Sie werden ſich ſelbſt überzeugt haben, daß daran nicht zu denken iſt.“ Richard war zwiefach empört. Sein Weib machte den fremden Beamten zum Vertrauten ſeiner Geſchäftsangelegenheiten, und— wer weiß, ihres Mißvergnügens über dieſelben. Und der Beamte ließ mit unerhörter Anma⸗ ßung ein Dictum von Unmkglichkeit fallen,
wahrſcheinlich, um ſich bei einer reizenden
jungen Frau in Gunſt zu ſetzen. So faßte Richard die Sache auf, die ihm in anderer Zeit jedenfalls als eine einfache, leicht auszu⸗ gleichende Taktloſigkeit ſeiner Blanka erſchie⸗ nen wäre. Er verſetzte gereizt:
„Ich ſehe ein, daß es unvortheilhaft iſt, Geſchäftsangelegenheiten am Famillientiſch zu verhandeln. Die Kaiſerfelder muß ich erſt ſorgfältig prüfen laſſen, ehe ich Ihrem Urtheil beitreten kann. Uebrigens ſteht Ihnen eine Au⸗ torität, Profeſſor Xaver, entgegen.“
„Profeſſor Xaver ſchlägt mich nicht aus dem Felde, das iſt ein Charlatan,“ bemerkte Halden.
„Mit dem Worte iſt die offizielle Wiſſen⸗ ſchaft ſehr freigebig gegen Aerzte und Natur⸗ forſcher, die es wagen, eine neue Bahn zu gehen.“
„Gewiß,“ pflichtete Halden bei,„es iſt höchſt beklagenswerth, daß vorurtheilsvolle Leute ſich wichtigen Neuerungen prüfungslos eatgegen ſtellten, hauptſächlich beklagenswerth, weil ſich jede Charlatanerie darauf beruft. Aber, weil einmal die franzöſiſche Akademie das Dampfſchiff für unmöglich erklärte, iſt nicht jedem Projektmacher, der wahren Wiſſenſchaft gegenüber, zu trauen.“
Richard kam in immer bitterere Stim⸗ mung hinein. Seiner friſchen Seele war jede offizielle Autorität am unrechten Orte zuwider, er glaubte hier ſein freies Urtheil von Regie⸗ rungs⸗ und Profeſſorenwillkür beeinträchtigt. Es iſt ein Unglück lebhafter Naturen, in Be⸗ gebniſſe und Aeußerungen mehr hinein zu tra⸗ gen, als in ihnen liegt.
Von jetzt ab war der Frieden des Abends verloren, die Frauen, beide durch das Be⸗ wußtſein gedrückt, dieß mit verſchuldet zu ha⸗ ben, vermochten ihn nicht wieder herzuſtellen. Als höflicher Wirth verſuchte der Bergrath noch einmal das Geſpräch aufzunehmen, und
Richard beſaß zu gute Bildung, um nicht darauf einzugehen. Aber eine Behaglichkeit, ein bereitwilliges Sichgehenlaſſen war nicht zu erreichen. Eine Einladung zum Abendeſſen lehnte Richard, der gegen die Bergräthin peinlich höflich war, ab, und brach auf, als die letzten rothen Streifen in das blinkende Waſſer vor ihnen ſanken.
Es war ein köſtlicher Septemberabend. Die Luft, beſonders in der Nähe des Waſſers, wehte freilich kühl, beinahe kalt, aber dafür erſchien der Himmel klar, durchſichtig; um den Wald breiteten ſich, von den Wieſen aufſtei⸗ gend, die erſten Herbſtnebel, die wunderbare Schleier um Stämme und Strauchwerk bil⸗ deten und vor dem Näherkommenden zurück⸗ wichen wie eine Fata Morgana. Oefter war Blanka am Arme ihres Gatten dieſen Weg gegangen, in ſolchem bangen Schweigen nie. Erſt als ſie den Punkt der Straße exreichten, wo dieſelbe höher zu ſteigen beginnt und von wo ein Seitenweg in das zum eigenen Be⸗ ſitzthum gehörige Gehölz führt, ſprach Ri⸗ chard ſcharf und herb— er fühlte wie ſie zitterte, und doch ſprach er ſcharf und herb!— ſeine junge Frau an:
„Ich hätte gedacht, wenn Dir mein Be⸗ nehmen Anlaß zur Unzufriedenheit gibt, daß Du Dich eher Deiner Mutter, als Herrn Berg⸗ rath Halden und Deiner ehemaligen Muſik⸗ lehrerin anvertrauen würdeſt. Du weißt, daß ich die Erörterungen nicht liebe, aber ich finde Dein Benehmen und den Verkehr mit Berg⸗ raths überhaupt unpaſſend. Wenn es zu ver⸗ meiden iſt, werden ſie weder unſer Haus noch wir das ihre betreten.“
Blanka war unfähig zu antworten.
Richard, der nun erſt entſchloſſen ſchien, ſich in den Zorn hineinzureden, fuhr immer fort:
„Dieſer Bergrath iſt einer von den Leu⸗ ten, die ſich ſelbſt die Markſteine ihres Lebens geſetzt haben, und dasſelbe von allen andern begehren. Es iſt der Beamtenneid gegen die Kaufleute, der ihm eingab, ſeine Urtheile ſo vorlaut abzugeben. Sie mögen's nicht, daß Einer ſich regt, und etwas vor ſich bringt.“
Blanka unterſchied nichts mehr, was ihr Gatte ſagte. Die muntern entſchloſſenen Au⸗ gen waren thränenſchwer, ſie blieb einen Au⸗ genblick, wie um auszuathmen, am Wege ſte⸗ hen. Ihr Auge ſah die Anhöhe hinab, es war das erſte Mal in ihrem Daſein, daß ſie mit größerer Sehnſucht nach einem fremden, als nach ihrem eigenen Hauſe ſchaute.
Und noch etwas erſchreckte ſie, als ſie in ſpäter Abendſtunde einſam den böſen Tag überdachte. Das erſte Mal ſeit ihrer Verhei⸗ ratung war Richard am Abend nicht in ihr Zimmer gekommen. Aber das konnte ſie nur bekümmern, das Erſchrecken kam ihr erſt bei dem Gedanken, daß es in ſolcher Stimmung das beſte ſei, wenn Richard in ſeinem Zim⸗ mer und für ſich bleibe.
Blanka fand in den nächſten Tagen und Wochen viel Gelegenheit, an einen Freund ihres Elternhauſes zu denken. Es war ein alter Militär, einſt vermuthlich ein jovialer Herr, aber durch die Zeitläufte, Familienun⸗ glück, trübe Erfahrungen an Verwandten und Freunden erbittert. Er pflegte mit einer Art verächtlichen Mitleids auf alle ihn umgebende Jugend herabzuſehen, zuckte die Achſeln und beklagte nicht, wie andere alte Herren, den Verfall friſcher Jugendfröhlichkeit, ſondern die Zeit, das zehnt, welches kein glückliches Daſein, een feſten Halt mehr geſtatten wolle.
Blanka, wie ſie ein Mädchen von ſieb⸗ zehn Jahren war, zählte zu den wenigen Lieblingen des Majors von Reiter. Aber ſelbſt ſie hatte einzelne Ausbrüche ſeiner üblen Laune zu ertragen, und ſo oft ſie ihm mit jugendlichem Feuer zu beweiſen ſtrebte, daß es ſelbſt in dieſer Zeit möglich ſei, ein friede⸗ volles, reines und glückliches Daſein zu füh⸗ ren, wenn man nur den Willen habe, hörte er kopfſchüttelnd zu und ſagte:
„Der Wille hilft nicht mehr! Ja wohl, auf einige Jahre. Länger hält kein Menſchen⸗ glück in dieſer unſeligen Zeit.“
Daran dachte die junge Frau jetzt. Hatte der Major nicht Recht gehabt? Gab es ein Sein, das Dauer verhieß, das ebenſo auf die ſicherſte Grundlage des Verſtandes gebaut war, als auf die des Herzens, wenn das ihrige nicht ein ſolches war? Und doch, welcher Dämon hatte Richards ruhigen kla⸗ ren Sinn verwirrt, hatte ihn ſeit jenem un⸗ ſeligen Abend in der Villa des Bergraths Halden raſtlos umhergetrieben in ſeinem Hauſe, in der Nachbarſchaft, auf größere und kleinere Reiſen. Der Major hatte doch Recht, es hält kein Menſchenglück in dieſer unſeligen Zeit!
Auch lag in der That etwas Räthſelhaftes in dem erwachten Spekulationsfieber Richard Steinburgs. Er war kein Kaufmann, der in der Beſchränkung eines kleinen Geſchäftes emporgewachſen, dem flackernden Lichte des Börſenſpiels, der Fabriksunternehmungen, des Aktiengetriebes zuflattert. Er hatte das Alles kennen und ſelbſtändig ſcharf und nüchtern be⸗ urtheilen lernen. Es war eben ſo ſehr klare Einſicht in die Dinge, als die Frucht einer edleren Lebensrichtung geweſen, die ihn in den erſten Jahren ſeiner geſchäftlichen Selbſtändig⸗ keit davon zurückgehalten hatte..
Aber die Beſchränkung, die er ſich aufer⸗ legte, war nicht weiſe und maßvoll. Der Kreis, den er ſich zog, vermochte weder ſeiner Arbeits⸗ kraft, noch dem natürlichen Wunſche nach Be⸗ reicherung zu genügen. So breitete er ſeine Ge⸗ ſchäfte aus,— wieder nicht ruhig und maßvoll, ſondern mit einer gewiſſen leidenſchaftlichen Haſt, die ihn unfähig machte, der liebenswür⸗ dige Geſellſchafter, der zärtliche Gatte, welcher er geweſen, immer zu ſein. Hatte er früher den
Gewinn unterſchätzt, ſo begann er ihn jetzt zu


