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überſchätzen. Aber nichts war geſchehen, wobei nicht leicht einzulenken war, bis zu dem geſchil⸗ derten Abend.
Jetzt erſt erſchien ihm— der Weiberthor⸗ heit und'der Anmaßung des Bergraths Hal⸗ den zum Trotz!— Herr Lorenz Konrad, der„Agent“ beachtenswerth. Er beſiegte ſeinen natürlichen Widerwillen ſo weit, denſelben mit Vertraulichkeit, mit einer Art von Achtung zu behandeln. Lorenz Konrad verrdiente ſich dieſe durch eine unabläſſige Bewunderung der praktiſchen Eigenſchaften Steinburgs, ſeines großen Blickes für das Leben, und durch eine unausgeſetzte Reue über ſeinen früheren Idealismus. Wenn Konrad ſeine Redensart: „Hätte ich, ſtatt einen Verein zur Bildung ſtrebſamer Handwerker in's Leben zu rufen, an eine kleine Aktienkompagnie gedacht,“ immer und immer wiederholte, ſo empfand dieß Ri⸗ chard wie eine Mahnung.
Auch er war thöricht geweſen, romantiſch, hatte Schäume und Träume gehegt. Aber noch war es Zeit. Herr Profeſſor Xaver erſchien als Gaſt in dem reizenden Haus am Strome und ſtellte geognoſtiſche Unterſuchungen mit den Kaiſerfeldern an, Lorenz Konrad ritt bei den Gemeinden umher, und ſuchte dieſelben für den Verkauf des Weidelandes, aus welchem die Kaiſerfelder beſtanden, zu hinnen. Die Koſten ſchienen hoch zu ſteigen, denn das Ge⸗ rücht, dieſe Felder enthielten unermeßliche Kohlenſchätze, hatte ſich bei den Landbeſitzern umher verbreitet, und die Beamten der könig⸗ lichen Bergwerke im Nebenthal mochten ſpre⸗ chen, was ſie wollten, es blieb ſoweit wirkſam, daß hohe Preiſe für die wenig werthvollen Grundſtücke gefordert wurden.
Und während Richard ſo einem ſehr un⸗
—gewiſſen Gewinne nachjagte— Warnungen
kamen ihm von vielen Seiten, in ſeinem Trotze wußte er ſich dieſelben ſtets in eine Verbindung mit Bergrath Halden zu bringen,— war er im Begriff ſein beſtes Gut, das Herz, das Ver⸗ trauen ſeines Weibes zu verlieren. Denn unter aller Geſchäftigkeit verließen ihn die letzten Rückſichten gegen ſie, rauher Tadel, kurze Worte, Gleichgiltigkeit, wurden durch wenige beſſere, liebevollere Momente ſelten unter⸗ brochen.
In ihnen faßte Blanka den Entſchluß, Richard entgegen zu kommen. Sie glaubte kein Recht zu haben, ihm ferner über ſeine Ge⸗ ſchäfte zu ſprechen, ſie hoffte ſeine wankende Neigung durch Beweiſe ihrer Unterordnung zu ſtützen. So gewann ſie es allmälig über ſich, den Agenten Richards zuvorkommender zu behandeln, in ſeiner Gegenwart zu ſein, ſeine rohen Tiſchgeſpräche zu ertragen. Herr Lo⸗ renz Konrad bemerkte die eingetretene Ver⸗ änderung ſehr bald und lächelte grimmig in ſich hinein, wenn er an Veränderung dachte, die noch bevorſtanden.
(Schluß folgt.)
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Schickſale eines Deutſchen in London.
Nach wirklichen Begebenheiten erzählt.
Von Ludwig Geißler.
1.
Es war an einem ſchönen Herbſtmorgen, als das Hamburg⸗Londoner Dampſſchiff„Light⸗ ning“ die Themſe heraufrauſchte. Die Paſſa⸗ giere hatten ſich auf das Verdeck begeben und betrachteten die maleriſche Abwechslung der Ufer. Am Bugſpriet ſtand ein junger, etwa 25jäh⸗ riger Mann, ein Deutſcher, Namens Friedrich Wornaſt. Er gehörte dem Kaufmannsſtande an und beabſichtigte, mit ſeinen beſcheidenen Erſparniſſen von dreihundert Gulden in Lon⸗ don ſein Glück zu verſuchen.
An dem palaſtartigen Greenwich⸗Hoſpital vorüber, vorbei an dem ſich drohend erheben⸗ den Tower, durch einen Wald von Schiffen hindurch rauſcht der Dampfer auf London Bridge zu. Jetzt tönt die Glocke, das Schiff hält und Alles beeilt ſich, ſein Gepäck in Si⸗ cherheit zu bringen. Von der Menge fortge⸗ ſchoben, ſieht ſich endlich Wornaſt allein mit ſeinem Gepäck in einer Straße und beſinnt ſich, was jetzt zu thun.
Da man ihm angerathen hatte, anfangs im„Deutſchen Haus“ bei Schärtner zu logiren, wo er mit lauter Deutſchen zuſammen⸗ kommen würde, ſo zeigte er die Adreßkarte einem Vorübergehenden und fragte in ſehr ge⸗ brochenem Engliſch nach dem Wege.„l do'nt know“(ich weiß nicht), ſchnurrte ihn dieſer an und eilte weiter. Entmuthigt blickte der verlaſſene Deutſche umher; da trat ein Herr auf ihn zu, ſehr elegant gekleidet, mit ſchwar⸗ zem Schnurrbart und unheimlich blinzelnden Augen.„Kommen Sie mit mir, ich will ſchon für Sie ſorgen,“ redete er ihn an, und mit großer Freude, einen Landsmann gefunden zu haben, ſchüttete Wornaſt ſein ganzes Herz vor ihm aus. Als der Fremde von den drei⸗ hundert Gulden hörte, lächelte er und ſagte: „Zu Schärtner gehen Sie nicht, ſonſt iſt Ihr Geld verloren, denn Sie glauben gar nicht, wie hier die Deutſchen einander beſtehlen. Kommen Sie mit mir, ich habe zwei Betten, Sie können dieſe Nacht auf meinem Zimmer ſchlafen; dann werde ich ſchon weiter für Sie ſorgen. Ich weiß eine Stelle für Sie, wo Sie ſich wöchentlich fünf Livres Sterling, das ſind fünfzig Gulden, verdienen können.“
Ganz berauſcht von ſeinem Glücke folgte der leichtgläubige Jüngling dem beredten Be⸗ trüger, der jetzt mit ihm in ein engliſches Café eintrat, zwei Frühſtücke verlangte und ſogleich fragte, ob ſie ein Zimmer mit zwei Betten haben könnten. Da ihm ſolches bejaht wurde, ließ er das Gepäck Wornaſts in dasſelbe
tragen und ſetzte ſich zu Tiſche. Beſcheiden 1
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fragte nun der gutmüthige Deutſche nach dem Namen ſeines neuen Freundes.
„Ich bin der Graf Walewski aus War⸗ ſchau,“ antwortete dieſer,„und durch die poli⸗ tiſchen Verhältniſſe meines Vaterlandes von demſelben getrennt. Ich beziehe jährlich fünf⸗ hundert Pfund Sterling Renten, womit ich recht gut auskomme, man muß ſich eben in die Verhältniſſe zu ſchicken wiſſen.“
Als ſie geſpeiſt hatten, ſagte der angebliche Graf:„Wollen wir uns heute London ein we⸗ nig beſehen? Morgen iſt es noch immer Zeit, an Geſchäfte zu denken.“
Sie gingen. Walewski führte ſein Opfer durch das Labyrinth von Straßen, durchwan⸗ delte mit ihm das britiſche Muſeum, führte ihn in den Hyde⸗Park und kehrte endlich bei an⸗ brechender Dunkelheit mit ihm in das Kaffeehaus zurück. Wornaſt, ermüdet von den vielen großartigen Dingen, die er geſehen, ſo wie von dem ungewohnten ſtarken Bier, legte ſich zu Bette und ſchlief ſogleich ein. Eine Zeitlang betrachtete ihn Walewski aufmerkſam; als er ſich endlich von ſeinem tiefen Schlummer überzeugt hatte, lächelte er höhniſch, zog den Geldgurt aus dem Reiſeſacke des Schlafenden, nahm 250 Gulden heraus, und entfernte ſich dann geräuſchlos.
Ruhig ſchlief Wornaſt und träumte von ſeinem großen Glücke, nicht ahnend, wie ſchänd⸗ lich er betrogen worden.
2.
Der angebliche Graf Walewski war ein in Deutſchland aus dem Gefängniß entſprun⸗ gener Spitzbube, der ſich in London für einen politiſchen Flüchtling ausgab, hier als Englän⸗ der, dort als Franzoſe, wo anders als Deut⸗ ſcher oder Pole erſchien. Sein Gewerbe war Diebſtahl und Betrug. Durch die beſtändige Veränderung ſeines Wohnortes, ſo wie ſeines Namens hatte er bisher jeder gerichtlichen Un⸗ terſuchung zu entgehen gewußt und war deß⸗ halb unter ſeinen Geſinnungsgenoſſen nur un⸗ ter dem Namen„Pfiffikus“ bekannt.
Mit ſeinem geraubten Gelde eilte er Whi⸗
Jener,„zehn Flaſchen Portwein! Kameraden, heut' wollen wir eine fröhliche Nacht haben.“


