Heft 
(1858) 11 11
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328 Gewiß haſt Du heute wieder gute Ge⸗ ſchäfte gemacht? fragte ein langer Mann mit hagerem Geſicht.Allerdings, Bronig, habe ich ein paar hundert Gulden verdient, nach dem Rechte des Stärkeren, Du ver⸗ ſtehſt mich. Aber was haſt Du zuſammen⸗ gebracht?

Drei Pfund, von denen wir ſchon eines vertrunken hatten, ehe Du kamſt. Ich habe ein Schreiben zuſammengeſtoppelt, worin ich als ein braver, verunglückter Familienvater geſchildert bin und die Mildthätigkeit der Rei⸗ chen angefleht wird. Darunter ſetzte ich die getreu nachgemachte Unterſchrift des Pfarrers Wallbaum und ging damit zu meinen rei⸗ chen Landsleuten. Natürlich durch die Unter⸗ ſchrift eines ſolchen Mannes brachte ich bald Geld zuſammen. Man muß eben treiben, was man kann. So großartig wie Du kann es frei⸗ lich Keiner.

Heda, Bronig! rief Einer aus der Ecke,ich brauche zu einem gewiſſen Zwecke die Unterſchrift des Ritters von B. Hier ſind zehn Schillinge.

Bronig ſteckte die zehn Schillinge ein, nahm das Papier, las es und lachte, und ſchrieb dann mit geübter Hand den Namen des Ge⸗ ſandten ſo täuſchend ähnlich, daß derſelbe es ſelbſt für ſeine Handſchrift hätte erkennen müſſen.

Hört, lieben Leute! ſagte ein kleiner, dicker Mann,ich bin ein Neuling in London, wo bekommt man wohl am erſten etwas, wenn man bettelt?

Das will ich Dir ſchon ſagen, rief ein

Anderer,wenn Du eine Krone zum Beſten gibſt. Morgen früh um 9 Uhr gehſt Du zum Kaufmann Brügel in New⸗Road, da iſt er in ſeinem Zimmer allein mit ſeinem Gelde, Du bitteſt ihn um eine kleine Gabe. Dann wird er rufen: Pack Er ſich, Er Lump; Du bleibſt an der Thüre, die Mütze in der Hand, ſtehen, und wiederholſt Deine Bitte; dann wird er ſchreien: Police! Dieß kümmert Dich alles nichts; end⸗ lich ſchreit er: Sultan, faß! Du bitteſt von neuem; zuletzt wirft er Dir eine Krone hin und Du entfernſt Dich. Um 1 Uhr gehſt Du zum Mechanikus H. in New⸗Street. Du gibſt Dich für einen Schloſſer aus, der in W. einige Jahre arbeitete, bringſt Grüße von ſeinem Vater und Mutter mit und fragſt ihn, ob er keine Arbeit für Dich hat. Dann wirſt Du ein ausgezeich⸗ netes Mittagseſſen erhalten und darfſt Dich mit einer halben Krone oder drei Schillingen entfernen, und hier iſt ein Verzeichniß von An⸗

deren, wo Du überall als armer Hand⸗

werksburſche Sixpence oder einen Schilling

erhältſt.

Jetzt ſchweigt! rief Pfiffikus,hier iſt der Portwein, laſſet uns fröhlich ſein.

Und ſie tranken und ſangen, und beſchwich⸗ tigten ihr Gewiſſen mit dem Spruche: Ein Jeder treibe, was er kann.

3.

Als Wornaſt am andern Morgen er⸗ wachte, wartete er lange auf ſeinen vermeint⸗ lichen Freund; er wollte es anfangs nicht glau⸗ ben, daß er von ihm hintergangen worden, als er aber nach ſeinem Geldgurt ſah, konnte er die Schurkerei nicht bezweifeln. Er war an⸗ fangs der Verzweiflung nahe; endlich aber ſiegte die ruhigere Ueberlegung, und er be⸗ ſchloß Schärtner außzuſuchen und ſich Rath bei ihm zu holen. Von dem Gelde, das ihm noch geblieben war, zahlte er Zeche und Nacht⸗ quartier im Kaffeehaus und erfragte ſeinen Weg, ſo gut es ging, nach Long Aecre.

Hier angekommen, wo die Wirthſchaft zum deutſchen Haus ſich befindet, erzählte er ſogleich dem Wirth, einem langen Manne mit rothem Bart und gutmüthig blickenden blauen Augen, ausführlich, wie er betrogen worden. Dieſer hörte ihn aufmerkſam an, fragte ihn genau, wie der angebliche Graf ausgeſehen und

hat es ſchon vielen Deutſchen ſo gemacht. Ihr Geld iſt verloren, denn der Schelm läßt ſich ſo leicht nicht erwiſchen. Bleiben Sie da, heute Abends kommen viele Deutſche, da können Sie gar vielerlei hören, was Ihnen nützen kann.

gut gekleideten Deutſchen. Da trat Schärt⸗ ner mit Wornaſt ein und rief:Sehen Sie, meine Herren, hier iſt wieder ein Landsmann, den der vermaledeite Pfiffikus um 250 Gulden beſtohlen hat.

Wornaſt ſetzte ſich, erzählte getreu, wie es ihm ergangen und fragte, wo er wohl Ar⸗ beit bekommen könnte.

Ich will Ihnen mein Geſchäft überlaſſen, ſagte ein kleiner Mann, ein Schweizer Na⸗ mens Huck,ich handle mit Schreibmateria⸗ lien, Büchern, Kupferſtichen, Tabak und Ci⸗ garren, welche Artikel ich bei den verſchiedenen Deutſchen hier verkaufe. 200 Pfund Sterl. erſpart, womit ich in meine Heimat zurückkehren will. Ich will Ihnen gern Namen und Wohnort meiner Kunden aufſchrei⸗ den, und die lederne Taſche, worin ich die Ge⸗ genſtände austrage, ſo wie meinen noch übri⸗ gen Vorrath um ein Billiges überlaſſen.

Das iſt etwas für Sie, ſagte ein hüb⸗ ſcher junger Mann mit glatt raſirtem Geſicht und elegantem Anzuge, ein Goldarbeiter Na⸗ mens Reinhart,und wenn Sie noch keine Wohnung haben ich beſitze ein Haus mit hübſch eingerichteten Zimmern, welche ich zum Theil vermiethet habe, eines davon iſt noch leer, da können Sie logiren. Mit der Bezahlung will ich ſchon warten, bis Sie etwas verdienen.

Wornaſt war hoch erfreut, hier doch endlich wohlmeinende Freunde zu finden, dankte herzlich und nahm das Anerbieten mit

Freuden an.

Ich habe mir bereits

Reinhart führte ihn nach ſeiner Woh⸗ nung, wies ihm ſein Zimmer an und ſagte gute Nacht. Es war ein recht freundliches Zim⸗ mer, der Boden mit einem Fußteppich bedeckt, die Wände mit Bildern verziert; hübſche Mö⸗ bel von Mahagonyholz, ein Bett mit blen⸗ dend weißem Ueberzug, alles reinlich und blank. Wornaſt überblickte mit großem Wohlgefallen die außerordentliche Sauberkeit des Zimmers. Er ſuchte den Verluſt ſeines Geldes zu ver⸗ geſſen und dankte Gott, daß er ihn ſolch einen wohlmeinenden Freund hatte finden laſſen.

Als er am andern Morgen zum Kaffee gerufen wurde, eilte er in den Parlour, wo bereits Reinhart, die drei Logisherren, deutſche Kommis in großen Handelshäuſern, und ein junges Frauenzimmer von ſehr ein⸗ nehmendem Aeußeren um den runden Tiſch ſaßen.

Reinhart ſtellte ihm die Dame als ſeine Schweſter vor, welche ſein Hausweſen führe, da er keine Frau habe. Nach dem Frühſtück ging Wornaſt zu Huck, machte alles mit ihm richtig und fing ſein neues Geſchäft an.

Ein Jahr war vergangen; Wornaſt hatte ſein Geſchäft mit großem Erfolge betrie⸗ ben und ſich bereits mehr erſpart, als ihm ver betrügeriſche Gauner geſtohlen; ſeine Freund⸗ ſchaft mit hart war eine innige geworden, ſie liebten ſich wie Brüder. Anfangs beſuchten

Der Abend kam, allmälig füllte ſich die ſie oft mitſammen die deutſche Kneipe bei geräumige Stube im erſten Stock mit lauter Schärtner, bald aber zog es Wornaſt vor,

die Abende zu Hauſe in Geſellſchaft Ma⸗ riens, der Schweſter Reinharts zuzu⸗ bringen. Es war weniger ihre Schönheit, was ihn zu ihr hinzog, als ihre Liebenswürdigkeit, ihr ſanftes Benehmen, ihre Häuslichkeit und Bildung, und auch ſie gewann den jungen,

Verhältniß immer inniger wurde, trug er ihr ſeine Haud an, und da er ihr Jawort erhielt und auch ihr Bruder ſehr dafür ſtimmte, wur⸗ den die Anſtalten zur Hochzeit gemacht. Wor⸗ naſt gab ſein Hauſiren auf und richtete ſich in Reinharts Hauſe einen hübſchen La⸗ den ein.

4.

Die Hochzeit war vorbei, das junge Ehe⸗

paar lebte glücklich mit einander. Der Laden war beſtändig voll Käufer, ſo daß Wornaſt

und ſeine junge Frau vollauf zu thun hatten.

Alles ſchien ſeinen gewohnten glücklichen Gang fortgehen zu wollen, da trat eines Abends Reinhart in den Parlour und erklärte, daß er geſonnen ſei, nach Auſtralien zu reiſen. Alle Bitten und Vorſtellungen ſeiner Schweſter und ſeines Schwagers waren fruchtlos.

Bleibt Ihr hier, Ihr habt Euch eine Heimat gegründet, Ihr ſeid glücklich; aber mich treibt es ſort, ich bin allein, bin ſtark und kräf⸗ tig, wenn ich im Goldgraben nicht glücklich bin, kann ich ja arbeiten, und wenn alle Stränge reißen, kann ich ja wieder hierher

zurückkehren.

anſpruchleſen Mann täglich lieber. Als ihr