Heft 
(1858) 11 11
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ihr

Wirklich traf er die Vorkehrungen zur Ab⸗ ſich wenigſtens ſo lange behelfen, bis Sie reiſe, nahm Abſchied und betrat das Schiff etwas beſſeres finden. unter den Segenswünſchen und Thränen der Mit Freuden nahm Wornaſt dieſen Zurückbleibenden. Vorſchlag an und begab ſich mit dem ehrlichen

Monate vergingen, Marie beglückte ihren Deutſchen nach ſeiner Wohnung. Es war dieß Gatten mit einem Söhnlein, das in der Taufe eine Hütte, welche nur zwei Stuben enthielt, den Namen ihres BrudersAuguſt erhielt; eine größere, die der Arbeiter mit ſeiner Fa⸗ ein Jahr verfloß und noch immer erhielten ſie milie bewohnte, und eine kleinere, in welcher keine Nachricht von Reinhart. Mittlerweile ſich nun der verunglückte Wornaſt ein⸗ wurde gegenüber von Wornaſts Hauſe mit richtete. großem Glanze ein Laden eingerichtet, der dem Am andern Tag ging er mit dem Arbeiter unſeres Freundes den Rang ablaufen ſollte. nach der Fabrik, wo er ſogleich Arbeit erhielt. Zettel wurden umhergetragen, welche die Güte Hier mußte er, wegen der großen Hitze beinahe der Artikel prieſen, die Preiſe wurden herab⸗ gärzlich entkleidet, die faſt noch glühenden Zu⸗ geſetzt, um anfangs viele Käuſer heranzulocken ckerhüte hin⸗ und hertragen. Abends, wenn er und ſo kam es, daß bald die Kunden bei Wor⸗ müde von der Arbeit nach Hauſe kam, eilte er naſt ausblieben und ſein ſonſt ſo voller Laden noch in allerlei Läden und ſah ſich nach beſſerer leer ſtand. Arbeit um. Indeſſen nähte Marie fleißig zu

Er ertrug ſein ſchweres Schickſal mit Ge⸗ Hauſe, und ſo brachten ſie ſich einige Monate duld und hoffte auf beſſere Zeiten und manch⸗ fort, ohne Mangel zu leiden. mal, wenn er gebeugt unter der Laſt ſeiner Da erkrankte Marie plötzlich, ſie mußte Sorgen und Schulden verzweifeln wollte, rich⸗ das Bett hüten, ihr Zuſtand verſchlimmerte ſich

tete ihn das hoffnungsvolle, auf den Beiſtand des Höchſten vertrauende Herz Mariens

wieder auf. Doch es ſchien, als ſei keine Ret⸗

tung mehr möglich. Die Drohung des Aus⸗ pfändens war ſchon zweimal an ſie ergangen und ſollte endlich verwirklicht werden.

Der Notar kam, zeichnete alle vorhande⸗ nen Gegenſtände auf, und zwei Gerichtsdiener beeilten ſich, den Hausrath, der den Unglück⸗ lichen lieb geworden war, zu entfernen. Dort ſaßen ſie, die Aermſten auf dem Stubenboden, und beſaßen nichts mehr, als was ſie auf dem Leibe hatten. Wornaſt verhüllte ſein Geſicht und weinte bitterlich; Marie, das theure Kind im Arme, ſtarrte die leeren Wände an, ihre letzte Hoffnung war dahin. Endlich erhoben ſie ſich, im Hauſe durften ſie auch nicht bleiben; ſie wankten hinaus auf die Straße, ohne Obdach, ohne Nahrung, ohne Hoffnung.

5.

Gebeugten Hauptes wanderten ſie über

immer mehr, ein heftiges Fieber ergriff ſie, ſie verlor das Bewußtſein und phantaſirte Tag und Nacht. Auch Wornaſt war nicht mehr fähig, die anſtrengende Arbeit noch län⸗ ger auszuhalten. Verzweifelnd ſaß er neben dem Bette ſeiner Frau. Er betrachtete weinend ihr entſtelltes Angeſicht; neben ihr lag das Kind in Lumpen eingewickelt und ſchrie vor Hunger; auch er hatte ſeit zwei Tagen keinen Biſſen mehr gegeſſen. Endlich ſtand er auf, er konnte es nicht mehr aushalten, er eilte in's Freie, die Bruſt drohte ihm zu zerſpringen; er lief wie gehetzt durch die Straßen. Vom nagen⸗ den Hunger getrieben, ging er in einen Bäcker⸗ laden und bat um einen Biſſen Brod. Doch hart fuhr ihn der Bäcker an:Gleich packt Euch! Da wäre ich bald ruinirt, wenn ich jeden fortgelaufenen Lumpen füttern wollte. Arbeitet!

Beſchämt und zitternd vor Aufregung ging Wornaſt weiter. Vor einem feinen Speiſe⸗ zimmer blieb er ſtehen; begierig athmete er den Geruch der Speiſen ein; er ſchaute durch

die Straße. Mit thränenden Augen blickte das Fenſter, da ſah er einen Herrn ſitzen, der Wornaſt nach oben, rang die Hände und eben die letzten Reſte einer Schildkrötenſuppe ver⸗ ſeufzte:Iſt denn keine Rettung mehr? Da zehrte. Gleich darauf ſtand derſelbe aufund ging rief ein Vorübergehender:Wo fehlt es Ihnen auf die Straße. Er hatte einen großen Stroh⸗ denn? Raſch wandten ſich die Niedergeſchla⸗ hut auf, Rock und Hoſen von feinem Sommer⸗

genen um; da ſtand ein großer ſtarker Mann vor ihnen, in reinlichem, aber ärmlichen An⸗

zuge.Sagen Sie mir, wo es Ihnen fehlt,

wiederholte er,vielleicht kann ich Ihnen einen Rath geben. Wornaſt faßte Zu⸗ trauen zu dem biedern Deutſchen und erzählte ihm ſein Unglück.Da kann ich Ihnen, Gott⸗ lob, wenigſtens vor der Hand helfen, ſagte dieſer.Ich arbeite in einer Zuckerfabrik, wo ich Ihnen auch Arbeit verſchaffen werde! In Whitechapel habe ich ein kleines Häuschen, da will ich Ihnen eine Stube um ſehr billigen Zins einräumen. Meine Frau verdient auch etwas mit Nähen, das wäre gleichfalls eine Er⸗ werbsquelle für Ihre Frau und ſo könnten Sie Erinnerungen. 1858.

zeug; in der Taſche ſeiner geſtickten Weſte ſteckte eine goldene, mit Brillanten beſetzte Uhr, die zum Theil herausſchaute. Wornaſt be⸗ trachtete ihn aufmerkſam, er kam ihm bekannt vor, langſam ging er nach.

Da ſchlich ſich plötzlich ein ebenfalls fein gekleideter Herr an ihn heran; mit einem Ruck hatte er Uhr und Kette aus der Taſche geriſſen und war in ein Seitengäßchen geſprungen.

6.

Der fremde Herr drehte ſich um und da der Gauner ſchon verſchwunden war, ſah er gerade in Wornaſts bleiches Geſicht. Na⸗

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türlich hielt er ſogleich den erſchrockenen, in elende Kleider gehüllten Menſchen für den Spitzbuben.

Er ergriff ihn am Kragen und rief nach der Polizei. Augenblicklich war ein Policeman da, der den unglücklichen Wornaſt mit fort⸗ ſchleppte. Vergebens ſträubte ſich der Aermiſte, vergebens betheuerte er ſeine Unſchuld;Ihr müßt mit, hieß es,auf der Station werdet Ihr unterſucht; da wird ſich's zeigen, ob Ihr die Uhr habt oder nicht. 3

Sie gingen durch mehrere Straßen, da hörte man plötzlich ein furchtbares Geſchrei. Als ſie näher kamen, erfuhren ſie, daß ein Mann von einem Omnibus überfahren worden ſei. Inmitten einer großen Menſchenmenge lag der Getödtete am Boden, das ſchwere Rad war über ſein Geſicht weggegangen, die eine Hand hielt er feſt geſchloſſen. Wornaſt erkannte in ihm den Dieb der Uhr.Hier iſt der Be⸗ weis meiner Unſchuld, das iſt der Gauner, der die Uhr geſtohlen hat. Oeffnet ſeine Hand!

Der fremde Herr öffnete dieſelbe und rich⸗ tig fand er ſeine Uhr darin.

Sie ſind ein ehrlicher Mann, es thut mir leid, daß ich Ihnen Unrecht gethan habe, ſagte er zu Wornaſt.

Dieſer blickte ihn lange an, endlich rief er: Biſt Du nicht Reinhart?

Der Fremde bejahte es.

Kennſt Du Deinen Schwager nicht mehr?

Um Gotteswillen, biſt Du es, Fried⸗ rich, aber in welchem Aufzuge, ſeid Ihr ver⸗ unglückt, wo lebt Ihr? fragte er in einem Athem.

Mit einigen Worten erzählte ihm Wor⸗ naſt die Geſchichte ſeines Unglücks, als ſie plötzlich der Konſtabler, auf den Todten zeigend, mit dem Ausrufe unterbrach:Ei, das iſt ja der abgefeimte Spitzbube, dem wir ſchon lange auf der Spur ſind.

Die beiden Freunde blickten nun näher auf die Leiche und Wornaſt ſagte ſchaudernd: Das iſt derſelbe, der mir die 250 Gulden ge⸗ ſtohlen hat.

Wahrhaftig, rief Reinhard aus,es iſt Arm der ſtrafenden Gerechtigkeit auf Erden hat er ſich ſtets zu entziehen gewußt, aber dem himmliſchen Richter konnte er nicht entrinnen. Jetzt komme, ſtärke Dich durch Speiſe und Trank, dann wollen wir zu Marien.

Es war in der Neujahrsnacht, da ſaßen unſere Freunde bei einander, im erſten Stock⸗ werke eines der eleganteſten Häuſer Berlins. Reinhart, der in Auſtralien eine ergiebige Goldgrube entdeckt hatte, und mit 600,000 Gulden nach Europa zurückgekehrt war, hatte ſich in der preußiſchen Hauptſtadt niedergelaſſen

und in Kompagnie mit Wornaſt ein groß⸗ artiges Geſchäft angefangen. So ſaßen ſie 42