Heft 
(1858) 11 11
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Studentenliebe*).

So verſchiedenartig die Studenten ſind, ebenſo verſchiedenartig iſt auch ihre Liebe, ernſt und ſchwärmeriſch, luſtig und heimlich. Schon in dem Knaben und ſeinem Charakter ſchlummert der ſpätere Burſch mit ſeinen tollen und luſtigen Streichen.

Die Jungens, welche ihre halbblinde Groß⸗ mutter beim Sechsundſechzigſpiele betrügen und ihrer ſchwärmeriſchen Schweſter einen grünen Froſch in den Nähkaſten ſetzen, die einem Bettler ihren Geburtstagsthaler geben, nur weil des Bettlers Hund ſo mager ausſieht, oder dem gro⸗ ßen ſchwarzen Hauskater des Lehrers Brillen auf⸗ ſetzen und ihn exemplariſch züchtigen, weil der faule Schlingel nun doch nicht leſen kann dieſe Jungens werden, wenn ſie überhaupt ſtudiren, die tollen, luſtigen Studenten, die flotten Bur⸗ ſchen, welche keine ſchlechte That vollbringen, aber deſto mehr dumme Streiche machen, die echten alten bemoosten Häupter!

Die Knaben, welche mit den Schweſtern aus Milch und Semmel Pudding machen, während draußen Schnee zu Bällen liegt, die der Mutter aus einem Andachtsbuche vorleſen und ihr Abends die Wärmflaſche abbetteln, die bitterlich weinen, weil die gekräuſelten Locken bei Regenwetter nicht ſitzen wollen, die endlich bei Mondſchein ſchon ſchwärmen die werden die feinen und ſenti⸗ mentalen Studenten, welche fein zu Haus blei⸗ ben, um ihren neuen Rock zu ſchonen und kein Duell zu bekommen, vor welchem die Tante im letzten Briefe gewarnt hat. Sie ſind friedlich und freundlich, gehen fleißig in die Collegia und ma⸗ chen nie Schulden.

Die letzte Art der Studenten ſind die ver⸗ nünftigen Burſchen. Sie waren als Knaben luſtig und rechtlich, offenherzig und fleißig. Sie ſind als Studenten ſchon mehr Männer, die das luſtige Studentenleben wohl mitmachen, zugleich aber auch einſammeln in Kopf und Herz für das Le⸗ ben. Sie zeigen ſchon früh die feſten und graden Charaktere, welche das Leben aus ihnen bildet.

Jede dieſer Klaſſen der Burſchen liebt ver⸗ ſchieden, jede hat ihre verſchiedenen Ideale, jede verfolgt zur Erreichung derſelben ihren eigenen

eg.

Am luſtigſten liebt der flotte Burſch. Für ihn ſcheint das Wort gedichtet zu ſein:Bruder Liederlich begehret jede ſchöne Blume für ſich, alle duftig friſchen Blumen in dem großen Mäd⸗ chengarten glaubt er für ſich geſchaffen, und wäre es auch nur, um im flüchtigen Vorübereilen ſich durch ihren Duft berauſchen zu laſſen.

Der flotte Burſch liebt weniger innig als zärtlich, er ſieht nicht auf den Stand, denn er ſucht in ſeinem Netze Profeſſorentöchter und Schneidermamſells zu gleicher Zeit zu fangen. Ihm iſt ein Ammenlied vorgeſungen, das heißt: Ein Küßchen in Ehren, wer wollt' es verweh⸗ ren, und dieſes Lied klingt ihm während ſeiner Bizen Burſchenzeit in den Ohren und oft auch Jahrelang nachher noch.

Liebe gehört zu dem Leben des Burſchen. Jean Paul ſagt in ſeinen Flegeljahren von dem Jünglinge:Er bewegt ſich durch das widerſtre⸗ bende Leben ſo frei wie der Schmetterling über ihm, der nichts braucht als eine Blume und einen zweiten Schmetterling. Dieſe Worte paſſen auf den flotten Burſchen, nur bedarf er noch mehr als eine Blume, er hat auch noch Geld, oder Pump und Bier und viel Rennomage nöthig.

Schlecht iſt dieſe Liebe nicht. Wer wird den luſtigen Burſchen verdammen, der der niedlichen Rittmeiſterstochter, mit welcher er allein drei Stunden in der Poſt fährt, ewige Liebe ſchwört

*) S. Buchſchau:Studentenfahrten.

und ſie an ſein jugendliches Herz drückt! Wenn er auch ſeinen Schwur nicht hielt, ſo war nicht er ſchuld daran, ſondern das blondlockige Honig⸗ kuchenmädchen, oder die ſchwarzäugige Schaufpie⸗ lerin, die er der Kunſt wegen zuweilen beſuchte.

Und das Ende dieſer Liebe? Alles Schöne auf der Erde nimmt ja ein Ende. Iſt das Trien⸗ nium des Burſchen vollendet, ſo fährt ſie mit dem Abgangszeugniß in der Taſche, mit einem Cigarrenkaſten voll unquittirter Rechnungen auf der Poſt zum Thore hinaus in alle vier Welt⸗ theile. Ade, ade, ade, Scheiden und Meiden thut weh!

Sehr verſchieden von der Liebe der flotten Burſchen, welche mit dem Torniſter auf dem Rücken, tolle Streiche im Kopfe und wenig Geld in der Taſche überall auf Liebesabenteuer ausge⸗ hen, iſt die der ſchwärmeriſch zarten Burſchen. Dieſe Liebe bewegt ſich unter ſentimentalen Idea⸗ len, und in Ernenftung eines paſſenden Gegen⸗ ſtandes betet ſie jegliches jugendliches Femininum an. Ein ſolcher Student, der für Redwitz' Ama⸗ ranth ſchwärmt, Heine's Harzreiſe abſurd findet, bei Jean Paul erröthet, und bei Shakeſpeare epileptiſche Zufälle bekommt, ein ſolcher Student, der von Liebe geleſen und ſeine Tante davon aus ihren Jugendjahren, die aber ſtets in das vorige Jahrhundert fallen, hat ſprechen hören, glaubt auch lieben zu müſſen, weil ſein Kinn flaumt.

Er wählt ſich irgend ein buftiges Mädchen aus, das er am Fenſter geſehen, oder verliebt ſich in ſein Hausmädchen und erröthet, wenn ſie ihm morgens den Kaffee bringt. Er gleicht einer ſchön gemalten Knoſpe der Unſchuld.

Solche Burſche zieren ſich gewaltig und mei⸗ nen, wenn ſie neue Handſchuhe tragen, den Hut auf das eine Ohr rücken und für fünf Groſchen nach Eau de Cologne und Mille de Fleurs rie⸗ chen, ſie ſeien die lieblichſten Blumen auf Gottes grünem Erdboden.

Im Theater, in Konzerten und auf Prome⸗ naden kokettiren ſie mit zwiſchen die Augen ge⸗ kniffenen Gläſern, kauen an zierlichen Spazier⸗ ſtöckchen, wiegen ſich nach dem Takte der Muſik und ziehen, wenn ein Hund dazwiſchen heult, ein Geſicht wie Laokoon, als ihn die Schlange biß. Sie können um ein ſchönes Mädchen ſtundenlang herumlaufen, wie ein Tauberich um eine Taube, können ſich aus allzugroßer Verlegenheit neun⸗ mal in das weiße ſeidene Schnupftuch ſchneuzen, aber zur Anrede haben ſie nicht den Muth. Wa⸗ gen ſie endlich dieſen kühnen Schritt, ſo flüſtern und lispeln ſie ſo zart und ſanft, daß die Liebes⸗ hauche kaum durch die Locken in das Ohr zu drin⸗ gen vermögen. Abends bringen ſie flötende Ständ⸗ chen, tragen Mittags eine Roſe im Knopfloche, ſchlagen zierliche Hiebe mit dem Spazierſtöckchen und haben fünf Paar Tanzſchuhe.

Hat ihre angebetete Dame einen jungen Bruder oder eine kleinere Schweſter, ſo füttern ſie dieſelben mit Bonbons und ſtreicheln ihnen auf der Straße die Wangen. Kommt dieſe Liebe wirklich zu Erklärungen, ſo iſt ſie erſchrecklich ſüß⸗ zärtlich und ſehnſuchtsvoll⸗ſchmachtend. Zu einem ernſtlichen Reſultate führt ſie ſelten. Seufzen und Schmachten, eine Taſſe dünnen Thee an der Seite der Geliebten iſt ihr einziger Genuß. Iſt die ſchwärmeriſche Burſchenzeit zu Ende, ſoandere Städtchen, andere Mädchen.

Der letzte Abſchied dieſer Liebe iſt gefühlvoll und thränenreich, und dem letzten duftenden Blu⸗ menbouquet ſind unendlich viel Seufzer einge⸗ haucht. Dort kommt ſo eben einer dieſer ſchwär⸗ meriſchen Burſchen von der Abſchiedsſcene ſeiner Geliebten. In ſeinen Augen hängen noch einige Thränen, aus ſeiner Rocktaſche ſchimmert als letztes Andenken eine rothe Buſenſchleife. Mit einem ſchweren Seufzer ſteigt er in die alte Poſtkutſche, welche ihn dem Philiſterthume ent⸗ gegenführt.

Die letzte Liebe, die der vernünftigen Bur⸗ ſchen, iſt mit wenigen Worten charakteriſirt: ſie iſt ernſt, tief und wahr.

In Göttingen auf dem Kirchhofe ſteht ein weißer Grabſtein, auf dem ſtehen die Worte: Caecilie Tychsen in Zelle auf dem Gottes⸗ acker iſt ein Grab, darin ruht Ernst Schulze. Die Welt hat zwei Bücher:Cäcilie unddie bezau⸗ berte Roſe die ſingen ein Lied von echter, treuer Burſchenliebe!

Der Philiſter*).

Die Philiſter finden ſich über ganz Deutſch⸗ land verbreitet, aber auch nur in Deutſchland. Will man aber den eigentlichen Urſtamm des Phi⸗ liſterthums kennen lernen, ſo muß man ihn in einer Univerſitätsſtadt aufſuchen. Dort iſt er zu Hauſe. Von allen Univerſitäten hat aber gewiß keine ſchönere und originellere Exemplare aufzu⸗ weiſen, als Jena. Während in anderen Städten das Philiſternaturell vorwiegend grämlich und brummig iſt, während der Philiſter anderwärts einen geduldigen häuslichen Fleiß entwickelt und dabei ein entſchiedener Geizteufel iſt, der nur des⸗ halb ſeine Familie jeden Sonntag Nachmittag ſpazieren führt, weil er dadurch das Vesperbrot zu erſparen hofft, iſt der Jenenſer Philiſter mehr geduldig luſtiger Natur, und es wohnt ihm eine entſchiedene Bummelader inne.

Der Jenenſer Philiſter iſt des Morgens, wenn er nichts weiter zu thun hat, in ſeinem Berufsgeſchäfte ſehr fleißig, hat er ſich aber den Morgen über abgemüht und die vorwurfsvollen Reden und Ermahnungen ſeiner zänkiſchen Ehe⸗ hälfte mit ſtoiſcher Ruhe angehört, dann ſehnt er ſich am Nachmittag hinaus in die freie, ſchöne Natur, das heißt nach Lichtenhain, welches er möglichſt bald zu erreichen ſucht, um dort in niedriger, rauchiger Dorſſchänke hinter einer Kanne Lichtenhainer die ſchöne Natur in Ruhe genießen zu können.

Man braucht an heiteren Nachmittagen nur den Weg von Jena nach Lichtenhain zu gehen, um auf ihm die ſchönſten Philiſterexemplare lang⸗ ſam, gemeſſenen Schrittes einherwandeln zu ſehen. Ihr Körper iſt ſteif und gerade, ihr langer Rock ſtets halb zugeknöpft, und die Stiefeln ſind un⸗ tadelhaft gewichſt. Die Mitze ſitzt verſtändig und würdevoll auf dem Kopfe, und das Geſicht hat eine ernſte Recenſentenmiene angenommen. Er raucht natürlich aus einer langen Pfeife und bleibt an jedem Kornfelde ſtehen, um zu überlegen, ob die Kornpreiſe fallen oder ſteigen werden, denn dieß iſt für einen Familienvater von Bedeutung, obenein wenn er Meiſter iſt und einen nimmer⸗ ſatten Lehrjungen zu ernähren hat. Die Hals⸗ binde iſt erſchrecklich ſteif und gibt der Haltung des Kopfes erſt die würdevolle Sicherheit. Im Uebrigen iſt der Philiſter artig, geſprächig und langweilig. 3

Hat er die Dorſſchänke in Lichtenhain er⸗ reicht und eine Kanne Lichtenhainer vor ſich ſte⸗ hen, ſo erhält ſein Geſicht den Ausdruck einer ruhigen, glücklichen Zufriedenheit. Man könnte ihn jetzt faſt für einen Philoſophen halten, wenn man nicht wüßte, daß er ein Philiſter wäre. Nachdem er ſich von dem Wege erholt und ſeine Pfeife neu geſtopft hat, beginnt er mit dem ihm zunächſt ſitzenden Individuum eine Unterhaltung, Er politiſirt gern und zeigt große nationalükond⸗ miſche Intereſſen. Eine neue Bürgermeiſterwahl und ein Geſpräch über Schweinezucht verma ihn einen ganzen Nachmittag und Abend nefflich zu unterhalten. Seine Rede iſt langſam und be⸗ dacht, ſein Faſſungsvermögen noch langſamer,

*) S. Buchſchau.