Heft 
(1858) 11 11
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zweifeltem Stillſtande gebracht wird. Wehe dem Schiffe, das dann, jeder andern Zuflucht fern, nicht mit Vorräthen hinlänglich ausgerü⸗ ſtet iſt, um eine ſolche Gefangenſchaft im Eiſe auf ungewiſſe Zeit beſtehen zu können. Die Mann⸗ ſchaft geht einem langſamen und furchtbaren Tode entgegen, und möchte ſich, Angeſichts die⸗ ſer Lage, noch glücklich preiſen, wenn ein plötz⸗ licher Orkan eine gewaltſame Kataſtrophe her⸗ beiführt. Wir haben mehrfache Beiſpiele, daß in ſolchen Bedrängniſſen Eisberge oder Eisblöcke unverſehens Rettung brachten, indem ſie mit furchtbarem Stoße die gewaltigen Eisfelder zerſpalteten und das bis dahin eingeklemmte Schiff dem freien Elemente des offenen Meeres wiedergaben.

Verſetzen wir uns nun in die Lage des ark⸗ tiſchen Seefahrers, dem es gelungen iſt, aus dieſen Fährlichkeiten nach einem geſchützten Ha⸗ fen, etwa an einer Inſel, hindurchzudringen und dort ſein Winterlager aufzuſchlagen. Sein erſtes Augenmerk iſt die Sicherung des Schiffs. Die äußeren Wände desſelben werden zum Schutze gegen die furchtbare Kälte des arktiſchen Winters mit dichtgeſtampften Schneelagen um⸗ geben, deren Wälle bei heitern und ſtillen Win⸗ tertagen zu Spaziergängen und zum Tummel⸗ platze der Matroſen dienen.

Bei einem ſolchen Aufenthalte liegt den Führern die wichtige Aufgabe ob, für die Win⸗ termonate, welche ſie mit ihren Untergebenen in der traurigen Wildniß zubringen, auf eine heilſame und anregende Weiſe den trüben Ein⸗ drücken des arktiſchen Winters entgegenzuwirken. Wie es einerſeits Grundſatz iſt, Zeit und Kräfte der Männer nicht unnütz und lediglich des Zeitvertreibs wegen in Anſpruch zu nehmen, ſo gilt es andererſeits nicht minder, dem Hange zum zweckloſen und trägen Umherſchlendern mit aller Macht zu wehren. Bei dieſen Einrichtun⸗ gen kommt es ganz naturgemäß dahin, daß Sinne und Kräfte ſich den Manipulationen der verſchiedenſten Handwerke zuwenden. Ja ſelbſt die Geſchäfte, welche bei uns ausſchließlich der Regie der Frauenwelt angehören: Stricken, Nähen, Waſchen, ſelbſt Sticken, wurden von den Händen der Männer mit erregtem Wettei⸗ fer aufgenommen. Die Offiziere laſſen es ſich angelegen ſein, denjenigen, die Sinn für Bildung haben, Unterricht in Wiſſenſchaften und Künſten zu ertheilen. Aber ſelbſt an anderweiten, faſt ausſchließlich auf Ergötzen und Erheiterung berechneten Unternehmungen fehlt es nicht. Es werden Koncerte, Bälle und Maskeraden arran⸗ girt. Aus den befähigten Mitgliedern bildete ſich eine Schauſpielergeſellſchaft; Offiziere wie

Gemeine übernahmen in bunter Miſchung die

Rollen der Männer und Frauen zur Auffüh⸗

rung beliebter Singſpiele, Luſtſpiele oder Dra⸗

men. Selbſt der Couliſſen⸗ und ſonſtige Büh⸗ nenapparat wurde auf ſinnreiche Weiſe hergeſtellt oder mit erfinderiſchem Humor erſetzt; ſogar Theaterzettel und Einlaßbillets fehlten nicht, um das Bild des heimiſchen Großſtädterlebens

nach Möglichkeit zu vervollſtändigen oder auch

wohl zu perſifliren. Den höchſten Gipfel erreich⸗ ten dieſe Unterhaltungen, wenn etwa ein talentvoller Dichter es verſtand, dramatiſche Piecen zu erfinden, deren Inhalt und Gang ſowohl den vorhandenen Mitteln angepaßt, als auf die Situation berechnet war.

Allein die Geſtaltung des Lebens, welches ſich in dieſen Bildern ſpiegelt, iſt durchaus von dem Zuſtande und Befinden der Mannſchaften, von der Vereinigung mannigfacher günſtigerlm⸗ ſtände abhängig. Deſto trüber und düſterer ſind die Erfahrungen, welche eintretende Krank⸗ heit oder Mangel an Lebensmitteln für ſolche vereinſanite Schaar mit ſich bringen. Wer ver⸗ möchte den Eindruck zu ſchildern, welchen da der Tod eines Gefährten, die Feier ſeines Lei⸗ chenbegängniſſes, der Eindruck des Grabhügels mitten in dieſer ſtarren Eiswüſte erwecken!

Allein auch in dem glücklichen Falle, daß alle ſolche Uebelſtände fern bleiben, erfüllt zuletzt die tiefe Oede langer ſonnenloſer Wochen auch das Herz der heiterſten und unerſchütterlichſten Naturen mit ſtiller Wehmuth und mit ſchwe⸗ rem Verlangen nach Licht. Die Stunde, in welcher der Hochbootsmann vom Krähenneſt herab den erſten Sonnenblick im äußerſten Sü⸗ den verkündigt, hat das geſammte Schiffsvolk wie zum Feſte verſammelt; der Augenblick ſei⸗ ner frohen Botſchaft wird mit unbeſchreiblichem Jubel begrüßt. Jetzt, wo die Tage mit dem⸗ ſelben raſchen Fortſchreiten wachſen, wie ſie im Herbſte mit unaufhaltſamer Schnelligkeit vor der immer mehr überhandnehmenden Nacht zuſammenſchwinden: jetzt beginnt die Zeit der Unternehmungen, für welche die Entbeh⸗ rungen des Winteraufenthalts eingeſetzt waren. Es gilt mit Schlittenzügen die Gegenden zu erforſchen und Landſchaften zu erreichen, zu welchen die Schifffahrt keine Bahn zu finden vermag.

Der nächſte Zweck iſt, den Forſchungen ein möglichſt weites Gebiet zu ſichern. Das einzige bis jetzt dafür ausfindig gemachte Mittel iſt der Schlitten, welchem die Laſt der Vorräthe, die Zeltapparate zum Aufſchlagen an den Schlaf⸗ und Erholungsſtationen und alles Uebrige auf⸗ gebürdet wird. Die arktiſchen Reiſenden müſ⸗ ſen die Wege nehmen, wie die Einflüſſe der Witterung und der Oberfläche ſie geſtalten; die Richtung iſt ihnen vorgeſchrieben, und von einer Wahl kann dabei kaum die Rede ſein. Dabei gehen ſie unendlichen Beſchwerden ent⸗ gegen. Faſt immer zeigt ſich der Boden rauh und uneben. Daher begegnet es nur zu häufig, daß aller Vorſicht ungeachtet das Schlittenfahrzeug Schaden nimmt. Eine andere ſchwere Plage i*ſt der in Folge ſolcher Beſchwerden ſelbſt bei grimmiger Kälte maßlos ſich einſtellende peini⸗ gende Durſt, der in der Regel als Vorbote des Zuſtandes der Erſchöpfung betrachtet wird. Laſſen ſich die Lechzenden zu dem Verſuche hin⸗ reißen, ihren Durſt durch den Genuß von Schnee zu löſchen, dann haben ſie ſchwer zu büßen: der Mund wird enthäutet, die Zunge durch ſtechend ſchmerzende Borſten aufgeritzt. So ſind ſolche

Schlittenreiſen ein höchſt ſchwieriges, mühe⸗ volles und gefährliches Unternehmen. Die Ar⸗ beit des Ziehens erheiſcht oft die größte An⸗ ſtrengung; die Erholung und Stärkung, welche in den Raſtſtunden zu Gebote ſteht, iſt eine äußerſt kümmerliche. Man denke ſich, wie die Männer, wenn ſie einen ſolchen Ruhepunkt er⸗ reicht haben, in der grimmigen Kälte, oft un⸗ ter Sturmwind und Schneegeſtöber, bisweilen

auch unter heftigem Schneeſturm oder Regen⸗

ſchauern, kaum eines geſchützten Platzes theilhaft, den Schlitten abpacken, das Zelt aufſchlagen, die Anſtalten zum Bereiten oder Wärmen der Speiſe treffen müſſen; wie bei der innern Ein⸗ richtung, bei der Spendung des Brennmate⸗ rials die äußerſte Erſparniß und Beſchränkung herrſcht, ſo daß Chokolade oder Kaffee kaum halb erwärmt dargereicht werden; wie die Vorräthe an Pemmikan, eingemachtem und geſalzenem Fleiſch, daneben das hartgefrorene Brod eine Mahlzeit gewähren, deren Einförmigkeit ſelbſt für einen ſtarken Magen und für große Eßluſt kanm als erträglich, geſchweige denn als gedeih⸗ lich angeſehen werden kann; wie wenig hierauf die Lagerſtätte innerhalb des engen Zeltes, am Erdboden oder über der Schneedecke, auf einer gewöhnlich von Mackintoſhzeug gemachten Un⸗ terlage, geeignet iſt, eine erquickliche und behag⸗ liche Nachtruhe zu gewähren. Man denke nur, wie die Männer, oft in halbnaſſen Kleidern, hart zuſammengepreßt nebeneinander hinge⸗ ſtreckt liegen. Sie haben den ermüdeten, viel⸗ leicht ſelbſt von Schmerzen geplagten Leib von den Füßen aus mit dicken Schlafſäcken, welche bis an die Schultern hinaufreichen, überzogen und können dennoch den ſchüttelnden Froſt kaum bewältigen, die grimmige Kälte nicht abwehren. Eine Wacht zu halten, würde ſchon der ſtrengen Temperatur, ſowie der vorhergehenden und nachfolgenden Anſtrengungen wegen über alle menſchlichen Kräfte gehen. Daher können die Schläfer mitten in der furchtbaren Einöde, in welcher das Auge unter der ermüdenden Ein⸗ förmigkeit der Landſchaft(blos Himmel und Eis!) vergebens nach irgend einem hervortre⸗ tenden Gegenſtande ſucht, wo die unbedeutend⸗ ſten Dinge die allgemeine Aufmerkſamkeit erre⸗ gen und ſtundenlang beſchäftigen, vor allerlei ſpukhaften Störuugen ſich nicht ſicher halten. Eine Schlittenmannſchaft des Inveſtigator wurde einſtmals plötzlich von einem Eisbären aufgeſtört, der durch eine Oeffnung im Zelte ſeinen Kopf über die Schläfer hinſtreckte und dieſe in ihrer unbehilflichen, daher faſt wehr⸗ loſen Lage überraſchte. Glücklicherweiſe gelang es noch im rechten Augenblick einem der Män⸗ ner, die Rückwand des Zeltes mit einem Meſſer zu zerſchneiden, dadurch einen Ausweg aus dem Zelte zu gewinnen, und mit den, auf dem in der Nähe ſtehenden Schlitten niedergelegten Gewehren das Raubthier zu erlegen. Ein ähn⸗ liches Abenteuer hatte im Jahre 1854 eine Abtheilung der Mannſchaften des Dr. Kane, die von einem großen Bären um Mitternacht heimgeſucht wurde. Der unwillkommene Gaſt